Botschaften in alltäglichen Situationen
Botschaften in alltäglichen Situationen
Manchmal sind es kleine Sätze oder Situationen, die uns Eltern zeigen, wie viel und was genau unsere Kinder von der Welt aufnehmen. Mit drei Beispielen aus unserem Leben möchte ich verdeutlichen, was ich damit meine.
Eines meiner Kinder wollte eine Schokolade öffnen und hat es zunächst nicht geschafft. Es hat mich um Hilfe gebeten und ich habe zuversichtlich gesagt: „Bleib dran, du schaffst das.“ So hat es weiterprobiert, eine ganze Weile, bis es tatsächlich geklappt hat. Dann schaute es mich an und sagte: „Danke, dass du mir das zugetraut hast.“
Ein anderes Kind kam aus der Schule nach Hause und erzählte ganz selbstverständlich: „Mein Sitznachbar hatte heute eine Mandarine und ich war so eifersüchtig.“
Und wieder ein anderes unserer Kinder hat sich getraut, einer Erzieherin im Kindergarten zu sagen, dass es sie manchmal streng findet. Die Erzieherin hat nicht diskutiert oder sich verteidigt. Sie hat geantwortet: „Danke, dass du mir das sagst. Das ist total mutig von dir.“
Drei kleine auf den ersten Blick unscheinbare Situationen und in jeder davon steckt ziemlich viel. Denn unsere Kinder lernen nicht nur das, was wir ihnen mit Worten erklären. Sie beobachten und verinnerlichen, wie wir mit ihnen umgehen, wie wir über Gefühle sprechen, wie wir auf Fehler reagieren und was passiert, wenn jemand eine andere Meinung hat. Und irgendwann beginnen sie, all das selbst in ihren Lebenswelten auszuprobieren.
Dann sagt ein Kind plötzlich, dass es eifersüchtig ist, ohne sich dafür zu schämen. Es traut sich, einem Erwachsenen eine unangenehme Rückmeldung zu geben. Oder es merkt: „Jemand glaubt an mich, auch wenn es gerade noch nicht klappt und ich kann schwieriges schaffen“.

Solche Momente können leicht untergehen, denn im Alltag sind sie nur eine kleine Erzählung oder Begebenheit zwischen Abendessen, Wäsche aufhängen und Jacke anziehen. Doch es lohnt sich hin und wieder kurz hinzuschauen und sich auf die Suche nach den tieferen Ebenen zu machen. Auf diese Weise können wir etwas davon erkennen, wie unsere Kinder die Welt gerade verstehen, erleben und gestalten.
Vielleicht haben sie gelernt
· dass Gefühle gefühlt und benannt werden dürfen, auch die weniger schönen.
· dass man ehrlich sagen darf, wie man jemanden erlebt.
· dass ein „Das kann ich noch nicht“ nicht automatisch bedeutet, dass jemand anderes übernehmen muss.
· dass Erwachsene Kritik aushalten können.
· dass Vertrauen manchmal heißt, nicht sofort zu helfen.
Und genau da liegt für uns Eltern manchmal die Herausforderung nicht zu schnell dazwischenzugehen: die Schokolade nicht für das Kind aufmachen; aus „Ich war eifersüchtig“ kein Gespräch über Dankbarkeit machen und nicht erklären, warum die Erzieherin eigentlich gar nicht streng war.
In solchen Momenten reicht es neugierig zu bleiben und vielleicht zu fragen:
· „Und wie war das für dich?“
· „Was hast du dann gemacht?“
· „Was hat dir geholfen?“
· oder einfach: „Erzähl mal.“
Kinder probieren in solchen Situationen Worte, Haltungen, Mut und Selbstständigkeit aus. Dabei brauchen sie oft uns nicht als Lösung, sondern als ein Gegenüber, das ihnen zutraut, ihre eigenen Erfahrungen zu machen.
Wenn wir solche scheinbar alltäglichen Situationen auf diese Weise näher betrachten, sehen wir ein kleines Stück von all dem, was wir unseren Kindern jeden Tag mitgeben und können uns über unsere Kinder und uns selbst freuen.
Hanna Articus