Welche Geschichte erzählst du gerade?
Wir sehen, was unser Kind tut – und erzählen uns oft sofort, warum es das tut. Doch unsere erste Erklärung ist nicht automatisch die Wahrheit.
Elsa ist 2 Jahre alt und möchte beim Mittagessen ihren Löffel selbst halten. Nach kurzer Zeit lässt sie ihn fallen. Mama hebt ihn auf. Elsa lässt ihn wieder fallen.
Mamas erster Gedanke: „Sie macht das doch mit Absicht. Sie will mich provozieren.“
Doch vielleicht steckt etwas ganz anderes dahinter: Elsa entdeckt gerade, was passiert, wenn sie etwas loslässt. Der Löffel fällt herunter – und Mama hebt ihn wieder auf. Spannend! Elsa erforscht spielerisch Ursache und Wirkung.
Solche Situationen erleben Eltern täglich.
Die sechsjährige Mia und ihr achtjähriger Bruder Paul spielen im Kinderzimmer. Plötzlich sind sie ganz still. „Oh nein, was stellen die beiden jetzt schon wieder an?“, denkt Mama. Als sie nachschaut, sitzen die Kinder in einer selbstgebauten Höhle und flüstern miteinander.
Oder beim Zubettgehen: Der fünfjährige Ben soll sich Bettfertig machen und rennt davon. „Er hört einfach nicht!“, denkt sein Vater. Doch Ben hat die Aufgabe verstanden und will sie umsetzen, da er ins Kinderzimmer flitzt, um seinen Schlafanzug zu holen.
Wir sehen Verhalten – und machen daraus eine Geschichte. Unser Gehirn ergänzt blitzschnell eine Erklärung:
Das Kind lässt etwas fallen: „Es macht das gegen mich.“
Das Kind rennt weg: „Es will nicht.“
Die Kinder sind plötzlich still: „Sie stellen etwas an.“

Diese Interpretation läuft meist so schnell ab, dass wir gar nicht bemerken, dass wir gerade eine negative Geschichte über das Verhalten unseres Kindes erzählen. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen Beobachtung und Interpretation.
Wir können klare Grenzen setzen und gleichzeitig offen für die Frage bleiben, was hinter einem Verhalten steckt. Elsa muss den Löffel nicht endlos auf den Boden werfen. Ben muss bei einer Aufforderung nicht einfach davonlaufen. Aber bevor wir dem Verhalten eine negative Absicht zuschreiben, lohnt sich ein kurzer Moment des Innehaltens. Denn unser erster Gedanke ist eine Möglichkeit – keine Tatsache.
Manchmal steckt hinter dem Verhalten tatsächlich das, was wir vermuten. Manchmal aber auch nicht. Wenn Sie sich das nächste Mal fragen: „Was macht mein Kind denn jetzt schon wieder?“, halten Sie kurz inne und fragen Sie sich:
Was habe ich tatsächlich beobachtet?
Welche Geschichte erzähle ich mir gerade? Und könnte es auch ganz anders sein?
Diese kleine Pause kann helfen, weniger vorschnell zu bewerten und neugierig zu bleiben. Denn manchmal braucht es nicht sofort eine andere Reaktion auf das Kind – sondern zuerst einen anderen Blick auf die Situation. Kinder handeln meist nicht gegen uns. Sie versuchen, mit ihrem Verhalten ein Bedürfnis zu erfüllen und haben dafür aus ihrer Sicht immer einen guten Grund.
Welche Geschichte erzählst du dir gerade?
Corinna Muderer