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Familienurlaub in Italien. Dieses Jahr sind sogar die Großeltern mit dabei. Max ist 7 Jahre. Er verbringt einen tollen Urlaubstag mit der ganzen Familie. Es wird gebadet, Pizza und Eis gegessen und abends durch die Altstadt geschlendert. Musik erfüllt die Gassen und eine Feuershow begeistert die Besucher. Ein perfekter, harmonischer Tag! Dolce Vita! Um 21.30 Uhr schlendert die Familie glücklich zurück zur Ferienwohnung. Die Eltern haben für 22 Uhr noch Gäste eingeladen um gemeinsam auf der Dachterrasse der Hotelanlage einen Cocktail zu trinken. Die Kinder müssen jetzt ins Bett. Schnell, damit die Erwachsenen noch Zeit für sich haben.

Doch da beginnt der Konflikt. Max will nicht schlafen. Er kündigt sogar an, dass er „ein Drama machen“ werde. Mama Susi reagiert geduldig und bietet ihm an, ihn in den Schlaf zu begleiten und ihm beim Zähneputzen und Schlafanzug anziehen zu helfen und stellt in Aussicht, ihn noch lange zu kuscheln. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass sie später Zeit mit den Gästen verbringen möchte und dann nicht mehr bei ihm bleiben werde. Max müsse sich jetzt bettfertig machen.

Doch Max lehnt jede Unterstützung ab. Er tanzt und tobt im Zimmer, sagt, dass er nachher auch ohne Hilfe klarkäme und ohne Mama einschlafen könne. Er ist aufgedreht und guter Dinge. Dann klingeln die Gäste. Max‘ Mama wiederholt wie angekündigt, dass Sie nun die Gäste in Empfang nehme und nicht mehr für die Einschlafbegleitung zur Verfügung stehe.

Jetzt kippt die Situation. Max will nicht alleine einschlafen. Susi will konsequent bleiben und freut sich auf ihren Besuch. Sie will jetzt Feierabend. Das tut sie auch ihrem Sohn kund.  Max weint jetzt bitterlich, fleht nach seiner Mama, erklärt, dass er sie jetzt dringend brauche.

Susi ist genervt. Schon wieder das bekannte Drama. Wenn es um sie und ihre Bedürfnisse geht wird sie nicht ernst genommen. Immer muss sie zurückstecken. Sie wird sauer und wütet ihren Sohn an, dass sie keine Lust auf sein Theater habe und dass er vorher hätte auf sie hören müssen. Max weint jetzt noch stärker und klammert sich an Susi.

Solch eine Situation kennen bestimmt alle Eltern. Der Tag wird auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt. Es ist harmonisch und perfekt. Wir Eltern tun alles, um die Kinder mit Aufmerksamkeit, Präsenz und Liebe satt zu machen. Und trotzdem läuft es abends nicht nach Plan.

Was ist da los?

-       Wichtig ist, dass Susi wahrnimmt, dass nicht der ganze Tag zunichte gemacht wird oder schieflief, sondern nur die letzte halbe Stunde des Tages. Krisen scheinen manchmal größer, als sie tatsächlich sind. Ein Realitätscheck kann helfen.

-       Susi hat auch Bedürfnisse, die ernst zu nehmen sind. Auch sie ist Teil der Familie und hat ein Recht auf Pause und soziale Kontakte.

-       Max kann kognitiv alles verstehen, was Susi ankündigt und zu ihm sagt. Er ist aktuell wach und voller Energie.

-       Was Max mit 7 Jahren im Vorfeld noch nicht abschätzen kann ist seine Gefühlswelt, die dann zur Realität wird, als die Gäste klingeln. Dann wird ihm klar, dass Mama nicht mehr zur Verfügung steht. Es ist dunkel, er fühlt sich nicht mehr sicher, seine Gefühle fluten ihn und er ist aufgrund mangelnder Reife noch nicht in der Lage sich zu regulieren und sich in dieser für ihn angsteinflößende Situation zu entspannen. Er benötigt dafür unbedingt eine sichere Bezugsperson.

-       Susi hat den Abend-Ablauf deutlich angekündigt. Sie will konsequent bleiben und nicht schon wieder nachgeben. Aber: Max handelt nicht gegen Susi. Auch wenn es sich für Susi manchmal so anfühlt. Gerade weil Max alles versteht und sogar verbal Widerstand ankündigt, denkt Susi sie müsse härter durchgreifen, ihm nicht alles durchgehen lassen, ihn spüren lassen, dass sie ihre Worte ernst meint und ihn mit den Konsequenzen konfrontieren.

Doch sein Verhalten ist keine Provokation oder Absicht, sondern Ausdruck von Überforderung und Bedürftigkeit.

Wie also können wir alle Bedürfnisse vereinen?


Susi genießt den Urlaub mit Ihrer Familie sehr. Es sind richtig schöne Tage. Jeder kommt auf seine Kosten. Die Kinder schwimmen, toben und spielen. Die Erwachsenen können sich bräunen und auch mal ein paar Seiten lesen.  Alle haben Zeit, es ist leicht und die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Heute Abend, wenn die Kinder schlafen, möchte sie noch Gäste empfangen.

Aus Erfahrung weiß sie, dass Max noch Mama-Zeit benötigt um einzuschlafen. Besonders wenn die Tage so voll sind ist Max abends aufgedreht und überreizt. Sie muss frühzeitig liebevolle Führung übernehmen und Max in die Nachtruhe begleiten. Auch wenn die Großeltern sie für zu streng halten und dafür plädieren, dass die Kinder im Urlaub länger aufbleiben dürfen, hält sie an Ihren Erfahrungswerten fest. Sie weiß, dass sie niemandem einen Gefallen tut, wenn sie den Zeitpunkt verpasst um Max ins Bett zu bringen. Auch wenn Susi und der Rest der Familie es schön finden, einen lauen Italienabend an der Uferpromenade zu genießen, sie übernimmt elterliche Verantwortung - ihrem Sohn und sich zuliebe. Nach dem Abendessen geht die Familie auf direktem Weg und zügig zur Ferienwohnung zurück. Es ist jetzt kurz nach 20 Uhr. Susi weiß, dass Sie genug Zeit hat Max zu begleiten. Die Gäste kommen erst in 2 Stunden.

Susi bleibt ruhig, klar und präsent. Sie formuliert, was der nächste Schritt ist, nämlich Zähne putzen. Es kommt keine andere Tätigkeit in Frage. Wenn es sein muss wiederholt sie ihre Aufforderung: „Ich möchte, dass du jetzt ins Bad gehst und Zähne putzt! Ich kann dir helfen.“ Selbst wenn Max noch nicht gleich bereit fürs Bett ist und sich weigert, sich bettfertig zu machen und sagt, dass er überhaupt nicht müde sei und dass er noch spielen wolle - Susi könnte noch in Ruhe die Spülmaschine ausräumen, bis Max bereit für das Abendritual ist.

Und so machen sie es dann auch. Max kommt langsam zur Ruhe. Nachdem sie gemeinsam im Bad waren, kuscheln Susi und Max sich im Bett aneinander. Sie sammeln noch drei Dinge, die heute besonders schön waren. Max meint: im Pool auf Opas Schultern stehen, Bananeneis probieren und mit Papa einen Steinturm bauen. Susi lächelt und streichelt liebevoll ihrem Sohn über den Kopf.             Erst jetzt merkt Max wie müde er eigentlich ist.

 

Corinna Muderer


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