Der "grüne Daumen" der Erziehung
Wenn ein Kind geboren wird, tragen wir oft unbewusst Bilder, Wünsche und Vorstellungen in uns: wie unser Baby sein wird, welche Eigenschaften es entwickeln soll, was wir uns für sein Leben erhoffen. Diese inneren Bilder entstehen aus eigenen Erfahrungen, Prägungen und gesellschaftlichen Erwartungen.
Das Kind wächst heran – und Schritt für Schritt zeigt sich, wer dieses Kind wirklich ist. Seine Persönlichkeit entfaltet sich.
Im Folgenden sollen vier achtjährige Kinder vorgestellt werden:
Selma ist wach, offen und neugierig. Sie geht direkt auf andere zu, quasselt sofort drauflos, nimmt deine Hand und zeigt dir ihre Welt. In kurzer Zeit erobert sie angstfrei fremde Herzen.
Käthe zieht häufig eine Schnute, tut nichts, um anderen zu gefallen, und ist in fremder Gesellschaft meist still und unangepasst. Fühlt sie sich sicher und angenommen, zeigt sie ihren Humor und bringt andere zum Lachen.
Miriam ist mutig und voller Energie. Sie probiert alles aus, klettert hoch, springt herunter, ist oft laut und selten still. Ihre Augen funkeln vor Lebendigkeit.
Oskar ist vorsichtig und zurückhaltend. Er beobachtet erst, braucht Zeit, erzählt ausgewählte Sätze, ist gerne allein, mag es ruhig und spielt am liebsten zu Hause.
Wir gehen hier von gesunden Kindern aus, bei denen Verhalten kein Symptomträger ist, sondern Ausdruck von Persönlichkeit.

Jedes Kind hat seine eigene Farbe. Seinen eigenen Klang. Wie in der Natur ist auch jedes Kind eine eigene Art Blume – mit individuellen Bedürfnissen, Wachstumsbedingungen und Entwicklungswegen. Alle sind gleich wertvoll. Und alle sind gleich richtig, so wie sie sind.
Manche Kinder öffnen ihre Blüte weit, sind sichtbar, laut und präsent. Andere wachsen im Halbschatten, still, beobachtend und zart. Wieder andere brauchen besonders viel Schutz, Zeit oder Rückzug, um sich entfalten zu können. Bei Pflanzen würden wir nie auf die Idee kommen, eine Form des Wachsens als besser oder schlechter zu bewerten. „Eine Blume denkt nicht daran, mit der Blume neben ihr zu konkurrieren. Sie blüht einfach.“(Zen Shin)
Herausfordernd wird es dort, wo wir beginnen zu vergleichen. Wo wir versuchen, Kinder aneinander oder an Normen zu messen oder beginnen Eigenschaften abzuwerten. Wo wir einer Rose erklären wollen, sie solle bitte so widerstandsfähig sein wie ein Löwenzahn, oder einer Orchidee vorwerfen, sie sei zu empfindlich für diese Welt. Erwachsene Erwartungen, gesellschaftliche Vorstellungen und gut gemeinte Ratschläge legen sich dann wie Schablonen über etwas, das eigentlich frei wachsen möchte. Sie beschneiden uns und engen ein.
So wird das laute Kind schnell als anstrengend erlebt, das leise als schwierig, das vorsichtige als ängstlich und das wilde als „zu viel“. Dabei ist Persönlichkeit kein Problem, das behoben werden muss, sondern eine Grundlage, auf der Entwicklung stattfindet. Für Eltern bedeutet das vor allem eines: Orientierung geben, ohne zu verbiegen. Grenzen setzen, ohne abzuwerten. Begleiten, statt zu formen. Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Individualität erkennen, begrüßen und in der Lage sind alle Persönlichkeitsmerkmale anzunehmen – und gleichzeitig verlässliche Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.
Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, aus einem Gänseblümchen eine Narzisse zu machen oder aus einem Kaktus eine Tulpe. Unsere Aufgabe ist es, genau hinzuschauen:
Was braucht dieses Kind?
Was stärkt es?
Was überfordert es?
So dürfen wir Eltern uns im achtsamen gärtnern üben und staunend wahrnehmen, welch wunderbare und unterschiedliche Pflänzchen in unserer Obhut gedeihen möchten. Wenn wir einen fruchtbaren Boden bereiten – mit Sicherheit, Beziehung, Präsenz, Verständnis und klarer Führung – kann ein Kind in seinem eigenen Tempo wachsen und reifen. So wie es gedacht ist. Dann darf Selma offen sein, ohne gebremst zu werden. Käthe darf nur dann lächeln, wenn es sich für sie stimmig anfühlt, auch wenn gerade ein Familienfoto ansteht. Miriam darf laut, wild und voller Energie sein, ohne immer reguliert zu werden und Oskar darf vorsichtig und ruhig sein, ohne dass ihn ständig jemand zu mehr Ausgelassenheit motivieren muss.
Corinna Muderer