Bericht aus einem Waldorfkindergarten

Was ich als Mutter am Waldorfkindergarten schätze und was bei uns anders ist als anderswo
Susanne
G. (37) ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, hat sich oft über
die Vorurteile anderer Eltern auf dem Spielplatz geärgert, und
schildert hier aus ihrer persönlichen Perspektive das Besondere am
Waldorfkindergarten.
"Waldorfkindergarten ist doch weltfremd!"
Das
ist Unsinn. In unserem Kindergarten wird nichts verteufelt. Wir
versuchen dem Kind nur einen gewissen Schutz und ein Hülle zu geben und
plädieren für ein “alles zu seiner Zeit und in Maßen“. Wir sehen keinen
Gewinn darin, wenn ein Kind mit vier oder fünf Jahren bereits ins Kino
geht. Wir denken, dass dies ein Kind überfordert, aber einem Schulkind
einmal durchaus Spaß machen kann. Wir denken, dass Computer und
vorgefertigtes mechanisches Spielzeug nicht in einen Kindergarten
gehören, denn Kinder müssen in diesem Alter alle anderen Sinne
ausbilden, um kreativ und beweglich zu werden und sich gesund zu
entwickeln.
Wir denken, und alle neueren Studien geben dem
Waldorfkonzept hier Recht, dass nur, wenn Kinder alle ihre Sinne
ausbilden und entwickeln dürfen, sie Fähigkeiten entwickeln können, die
sie als Erwachsene in der Welt brauchen. Und hierin sind die
Waldorferzieherinnen der Welt näher und nicht fremder als viele andere
Konzepte. Meine Kinder wissen sich immer zu helfen, und zwar auf eine
praktische Art und Weise, die mich oft verblüfft. Sie finden selbständig
Lösungen für Probleme, die ich teils gar nicht erst angehen würde. Auch
das haben sie im Waldorfkindergarten gelernt.
"Bei euch machen die Kinder ja jeden Tag dasselbe, das ist ja fürchterlich monoton."
Ja,
im Waldorfkindergarten wird vieles immer wieder und zur gleichen
Uhrzeit gemacht. Zudem werden im Jahresverlauf die Feste jedes Jahr auf
die gleiche Weise vorbereitet und gefeiert. Das nennt man Rhythmus
geben. Rhythmus wirkt wohltuend und Rahmen gebend auf die Kinder. Jedes
Kind, auch das Kleinste, weiß schon nach kurzer Zeit, wann am Tag was
stattfindet, und fühlt sich schnell heimisch in der neuen Umgebung. Alle
Kinder erkennen an bestimmten Zeichen, wann welches Fest im Jahr
stattfindet und freuen sich. Werden im Frühjahr Weizenkörner ausgesät,
ist klar, dass Ostern vor der Türe steht. Werden im Herbst die Mühlen
ausgepackt und das Korn gemahlen, ist Ernte und Michaelizeit. Die Kinder
erkennen diese Zeichen wieder und fühlen sich im Rhythmus geborgen und
gehalten.Kinder lieben Wiederholungen, das sieht man an den eigenen
Kindern. Wo Erwachsene denken, ein Kind brauche Abwechslung und öfter
etwas Neues, freut sich das Kind über Gewohntes und Altbekanntes. Meine
Kinder werden beispielsweise nicht müde, immer wieder die gleichen Reime
etc. zu hören. Im Gegenteil.Das darf man nicht mit Monotonie
verwechseln und das ödet auch kein Kind an. Kinder brauchen Rhythmus, um
sich sicher zu fühlen, und dieses Wissen machen sich
Waldorfkindergärten zu eigen. Das hat den Vorteil, dass Kinder ihre
Kräfte fürs Wachsen, die Entwicklung und zur Ausbildung vieler Sinne
frei haben und nicht darauf verschwenden müssen, zu verstehen, was
eigentlich wann und warum vorgeht, und welcher Erzieher gerade welche
Regel aufstellt. Die Regeln bleiben gleich. Man rhythmisiert sich ja
auch die eigene Arbeit am Arbeitsplatz, und wir wissen wahrscheinlich
alle, wie schwer ist es, wenn man einen sprunghaften Chef hat oder die
Arbeit nicht selbst bestimmen kann.
"Eure Erzieher machen ja nie etwas mit den Kindern"
Was
ein Waldorferzieher macht, sieht man nicht sofort. Ein Waldorferzieher
zieht nicht alle ein oder zwei Wochen mit Ihrem Kind los, um zum
Flughafen, ins Aquarium, ins Kasperletheater oder zum Ausflug zu gehen.
1. Das sind Highlights, die sich nicht jagen sollten, sondern die man
gut dosieren sollte, denn auch im späteren Leben werden sich die
Highlights nicht zu jeder Zeit im Leben jagen, und man sollte sich
fragen, ob man das Bedürfnis danach wecken muss.2. Außerdem: Kinder
erleben, gerade in der Großstadt, so vieles und haben genügend damit zu
tun, zu verarbeiten, was ihnen täglich begegnet.3. Und: Ausflüge sind
doch die schönsten Momente, die ich, ehrlich gesagt, am Wochenende
lieber mit meinen Kindern selbst erleben möchte. Wenn es zum Ausflug
geht, dann in die Natur oder in den Park, wo allerhand entdeckt und mit
in den Kindergarten gebracht wird. Im Herbst werden Kastanien gesammelt
und später Schmuck und Tiere daraus gebastelt. Auch das Theaterspielen
erledigen die Erzieherinnen selbst. Im Rhythmus mit der Jahreszeit
werden mittags vor dem Essen kleine Theaterstücke mit Püppchen gespielt
oder eine Geschichte erzählt, die die Kinder aufnehmen und selbst
nachahmen können.Vom Kindergarten wünsche ich mir nicht, meine Kinder
passiv Dinge erleben zu lassen, sondern sie aktiv zu machen. Ich wünsche
mir, dass sie Fingerspiele und Spiele lernen, die ich vergessen habe,
und dass sie den sozialen Umgang mit anderen Kindern lernen. Ein
Waldorfkindergarten lehrt das Kind, sich weniger mit Spielsachen,
sondern viel mit sich selbst und anderen zu beschäftigen. Egal, wo ich
heute mit meinem sechsjährigen Sohn bin, er langweilt sich nie, obwohl
er keinen Gameboy besitzt. Zwei Stöcke und ein paar Steine, Malkreiden,
etwas Papier und viel Phantasie genügen. Er spielt auf Reisen, beim
Warten, im Park, einfach überall und bei jeder Gelegenheit und zwar ohne
mich oder andere Unterhaltungsmittel zu brauchen. Er kann sich
großartig selbst beschäftigen und das hat er im Waldorfkindergarten
gelernt. Er weiß über Pflanzen und Tiere besser Bescheid als ich und
kann im Umgang mit anderen Recht von Unrecht unterscheiden - und er
traut sich das auch zu sagen.Das sind die Ergebnisse der
Waldorferziehung, die man aber nicht sofort vorzeigen kann. Man sieht
sie erst viel später, nach Jahren. Oft habe ich mich und meine Kinder
gefragt, was sie gemacht haben und nie haben sie viel erzählen können,
außer: “gespielt“. Fragt man dann, “was?“, konnten sie oft gar nicht
antworten. Und genau hier geht das Konzept auf und stimmt. Ein Kind
spielt, und die Erzieherinnen führen es darin liebevoll. Es kann nicht
erzählen, was es gespielt hat, weil es darin aufgegangen ist und
vertieft war. Man sollte keine direkten Ergebnisse am Tag danach
erwarten. Waldorferziehung im Kindergarten ist wie ein Geschenk, das
will man ja auch nicht gleich zurückhaben. Überhaupt Geschenk! Das
bringt mich zum nächsten Punkt.
"Die Pflege der Sprache"
Eines
der schönsten Geschenke des Waldorfkindergartens an die Kinder ist der
Umgang mit Sprache. Die Kindergärtnerinnen erzählen, und führen fast
täglich mit kleinen Püppchen eine Geschichte auf, beispielsweise ein
Märchen als kleines Tischtheater, benutzen den Originalwortlaut der
Märchen und sind auch sonst im Alltag sehr bewusst im Umgang mit der
Sprache.Mein Kinder sagen heute nicht, “Mama, da schwimmt ein Schwan“,
sondern “Mama, da gleitet ein Schwan.“ Und nicht: “Ich glaube, das hat
ihm gefallen“, sondern “Mir scheint, das gefiel ihm“. Das sind die
Ergebnisse der unzähligen Geschichten und Reime und des bewussten, aber
spielerischen Umgangs mit der Sprache.
Jahres-Feste
Feste
werden so gefeiert, dass Kinder sie verstehen und aufnehmen können. Zu
jedem Fest üben die Kinder mit den Erzieherinnen ein Spiel ein,
beispielsweise ein Krippenspiel oder Michaelispiel. Jedes Kind darf
verschiedene Rollen einnehmen - heute Hirte, morgen Maria, Josef oder
ein Diener der Heiligen drei Könige sein. Und ich sage bewusst
einnehmen, weil Kinder die Rollen nicht spielen, sie verinnerlichen die
Aufgaben in jedem Spiel und verbinden Werte mit den Bildern, die diese
Spiele in ihnen hervorrufen. Die Spiele sind nicht zur Vorführung für
die Eltern gedacht. Sind die Eltern dabei, werden die Kinder abgelenkt,
die Kinder sollen aber im Empfinden und im Erleben bleiben. All dies
erklären die Erzieherinnen auf Wunsch auf den Elternabenden. Richtig
finde ich, dass Feste erst an oder nach dem eigentlichen Fest gefeiert
werden. Und das ist auch gut so! Denn als mein Sohn noch im Kinderladen
war, wurden am Gründonnerstag Ostereier gesucht.

"Der Arme darf kein Auto mit in den Kindergarten bringen!"
Doch,
Kinder dürfen etwas mitbringen, das wird aber beim Kommen in die
Schatzkiste gelegt. Denn sonst brummt es den ganzen Morgen im Raum und
ist laut wie auf der Straße. Natürlich könnten es sich die Erzieherinnen
bequem machen und alle könnten ihre Sachen von daheim mitbringen, aber
das ist ja nicht der Sinn! Auto und Barbiepuppe kann man zu Hause
spielen. Vom Kindergarten wünsche ich mir, dass meine Kinder
Fingerspiele und Gemeinschaftsspiele erleben, die sie zu Hause nicht
lernen können.
"Was, jeder muss das gleiche Frühstück essen?"
Ja,
jedes Kind hat ein Vollkornbrot und ein Obst dabei und gefrühstückt
wird täglich zur gleichen Zeit nach dem freien Spiel und vor dem
Hinausgehen. Und wer einmal in einem freien Kinderladen das Schlachtfeld
des Überflusses aus aufgerissenen Müsliriegeln, verschütteten
Cornflakes, Smartie-Joghurts etc. gesehen hat und Erzieherinnen, die
zwei Stunden nach der Bringzeit immer noch gemütlich am Frühstückstisch
saßen, während die Kinder im Toberaum tobten, der wird es zu schätzen
wissen. Es gibt eine festgelegte Zeit fürs Essen, und wer fertig ist,
darf aufstehen und sich für den Garten anziehen. Es gibt keinen Streit
zwischen den Kindern nach dem Motto “Ich will aber das, was Khalil
isst!“ Und nebenher lernen unsere Kinder noch, das man regelmäßig isst,
was nahrhaftes und gesundes Essen ist, und halten uns vielleicht am Ende
vor (wie mein Sohn mir jetzt nach drei Jahren Kindergarten), man wäre
ja nur erkältet, weil man nicht wie er täglich Obst essen würde.
Kein Wechsel des Erziehungskonzepts
Falls
in einem Waldorfkindergarten die Erzieher wechseln, wirkt sich das
nicht negativ auf die Kinder aus, denn das Konzept der Waldorfpädagogik
bleibt bestehen, die Art des Umgangs mit den Kindern bleibt gleich.
Dieser Umgang ist die Erfahrung von vielen Jahren der Arbeit mit Kindern
und einer soliden Ausbildung am Waldorf-Kindergartenseminar, in die die
Erfahrungen von Jahrzehnten einfließen. Dann kann nicht passieren, was
mir mit unserem Sohn Emil passierte. Sorgfältig hatte ich eine
Kindertagesstätte ausgesucht, in der eine sehr mütterliche Erzieherin
die Kinder betreute. Als sie kündigte, stellte man eine junge Frau mit
einem ganz anderen Konzept ein, mit dem ich gar nicht einverstanden war.
Wenn man in eine andere Stadt zieht, muss sich das Kind zwar an neue
Gesichter gewöhnen, der Tagesablauf ist jedoch in allen
Waldorfkindergärten sehr ähnlich und die Erziehungsmethode ist gleich.
Und Waldorfkindergärten gibt es fast überall auf der Welt! Regelmäßige
Elternabende
Elternabende finden regelmäßig alle etwa alle 6 Wochen statt und die Erzieherinnen berichten, mit was sich die Kinder im Kindergarten gerade beschäftigen. Dort wird auch erörtert, wie sich die Kinder entwickeln und wie sie sich im Kindergarten entfalten. Die Erzieherinnen erfassen sehr schnell das Individuelle an jedem Kind, weil sie ein geschultes Auge haben.Dabei habe ich vieles erfahren, über das ich vorher nie nachgedacht hatte, vor allem aber auch viel Überraschendes über unsere Kinder. Denn zu Hause verhalten sie sich doch ganz anders als in der Gruppe.
"Kochen, Putzen, Elternmitarbeit - das würde mir gerade noch fehlen!"
Kochen
An
manchen Waldorfkindergärten wird gekocht, manche lassen Essen liefern.
Das ist unterschiedlich. Aber dort, wo frisch von den Eltern gekocht
wird, sind die Kinder superstolz, wenn Mama oder Papa gekocht haben, und
die Eltern können sicher, dass das Kind kein aufgewärmtes
Großkantinenessen bekommt, sondern ein hausgemachtes.

Putzen
Putzen
ist ein anderes Thema. Jedes Wochenende putzen zwei Eltern den
Kindergarten. Falls jemand mal nicht kann, gibt es bei uns die Regelung,
dass eine Mutter gegen Entgelt den Kindergarten putzt. Eine Erzieherin
sagte mir einmal, es wäre so wichtig, selbst zu putzen, um sich dem
Kindergarten und damit der Umgebung, in der sich das Kind aufhält, auch
zu verbinden und ihr näher zu kommen, damit sich auch das Kind verbinden
kann. Ich dachte noch heimlich, dass dies ja eine tolle Art sei, das
Putzen schön zu reden. Nach anfänglichem, innerem Widerstand muss ich
heute sagen, dass sie Recht hatte. Trotz des zusätzlichen Zeitaufwandes
ist es doch schön, all die Dinge beim Abstauben einmal in die Hand zu
nehmen und zu betrachten, mit denen die eigenen Kinder täglich spielen,
und zu betrachten, was sie so basteln und tun.
Elternmitarbeit
Natürlich
kostet es Zeit, zusammen mit anderen Eltern einen Sandkasten zu bauen
oder einen Schlafraum zu renovieren. Aber ein bisschen stolz ist man
schon, wenn man entdeckt, was man selbst alles kann, wenn man es
probiert! Ich wusste bis dahin nicht, dass ich mit einer Kettensäge
umgehen kann! Außerdem verbindet Zusammenarbeit: zwei gute Freundinnen,
die ich nicht mehr missen möchte, kenne ich aus der Kindergartenzeit
meiner Kinder, Freundschaften wurden geschlossen und vertieft, u. a.
beim gemeinsamen Putzen und Renovieren.
Vertrauen in die Erzieherinnen und deren Erfahrungen
Die
Erzieherinnen im Waldorfkindergarten sind immer auf der Seite der
Kinder! Das Wohl des Kindes steht immer im Mittelpunkt! Das sollte man
sich klar machen, wenn die Erzieherinnen vielleicht einmal die eine oder
andere Gewohnheit von Eltern in Frage stellen. Da lohnt sich vielleicht
doch das genaue Hinhören. Man sollte sich nicht angegriffen fühlen,
sondern ihrer Erfahrung vertrauen. Wenn beispielsweise vorgeschlagen
wird, statt des Fernsehens am Abend eine Gute-Nacht-Geschichte
vorzulesen: Das ist nicht dogmatisch gemeint und soll es auch den Eltern
nicht schwerer zu machen, aber die Ergebnisse des Fernsehens bekommen
die Erzieherinnen ja am nächsten Morgen durch das Ausleben in der Gruppe
eher mit, als die Eltern zu Hause. Und unter uns, kennen sie eine
Sendung für Kinder (außer der Sendung mit der Maus vielleicht), die
wirklich gewinnbringend für Kinder ist?
"Was, der darf sich an Fasching nicht als Cowboy verkleiden!"
Das
stimmt. An Fasching gibt es ein Motto, und das ist schön so, weil alle
dann zusammenarbeiten können!Der ganze Kindergarten wird ohne Wissen der
Kinder von den Erzieherinnen dekoriert und umgestaltet, beispielsweise
als Zwergenwald mit meterhohen, bemalten Papptannen und echten Primeln.
Die Eltern bringen Miniaturessen mit. Kommen dann am Morgen die Zwerge
und selbst mein großer sechsjähriger Sohn war noch ein begeisterter
Zwerg, ist die Überraschung groß und die Aktivität kann sich sinnvoll
entfalten: Da wird miteinander gewerkelt, getöpfert, Edelsteine gesiebt,
Waffelteig angerührt und gebacken, und zu guter letzt noch ein Schatz
im Garten ausgegraben. Wie soll da ein Cowboy mitmachen, der keine Hand
frei hat, weil er den ganzen Morgen einen Colt halten muss?