Karin Amos: Disziplin - Wie Eltern sie ihren Kindern positiv vermitteln können

"Rituale und Regeln geben dem Familienalltag Struktur. Kinder erfahren dabei eine gewisse Verlässlichkeit und Kontinuität. Es fällt ihnen dann leichter, sich selbst zu disziplinieren. Der Begriff Selbstdisziplin ist daher besser. Sie hilft Kindern, ihr Leben unter Kontrolle zu haben. Und sie respektiert im Gegensatz zur aufdiktierten Disziplin die freie Entscheidung der Mädchen und Jungen. Dies stärkt ihr Selbstwertgefühl und macht sie fähig, auch Krisen zu meistern“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

 

Amos2006xDr. Karin Amos ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen und Mitautorin des Buches „Vom Missbrauch der Disziplin“ – Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb (erschienen im Beltz Verlag). Der frühere Leiter des Internates Salem hatte mit seinem Buch „Lob der Disziplin“ eine Welle der Entrüstung bei namhaften Erziehungswissenschaftlern ausgelöst.

Immer mehr Stimmen werden laut, dass Erziehung heute in eine Krise geraten ist. Stimmt das?

Nein, denn von Erziehungskrisen war schon oft die Rede. Die Reformpädagogik Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich mit diesem Begriff auseinander gesetzt. Auch beim Stichwort Bildungsnotstand in den 60-er Jahren war Erziehung das Thema schlechthin. Die aktuelle Debatte dreht sich mehr um die schulische Erziehung. Wir beschäftigen uns mit PISA, vergessen aber dabei zu fragen: Was fördert die persönliche Entwicklung eines Kindes? Wie können Eltern ihm helfen, gut mit sich und anderen umzugehen? Die bekannte Philosophin Hannah Arendt (1906 – 1975) hat Erziehung in den 1950-er Jahren als Reaktion auf die Tatsache beschrieben, dass neue Menschen geboren werden. Sie brachte ihre Gedanken auf folgenden Punkt: Mit jedem Kind kommt etwas Neues in die Welt. Das Neue muss geschätzt und auf eine gute Art und Weise in die Gesellschaft integriert werden. Dafür sind wir alle verantwortlich.

Die aktuelle Debatte ist zunächst einmal die Angelegenheit der Erwachsenen und nicht ein Verhaltensproblem der Kinder.

Welchen Standort haben Eltern in unserer Gesellschaft. Wird es ihnen heute schwerer gemacht?

In der Vergangenheit hat es immer wieder gesellschaftliche Veränderungen gegeben, mit denen Eltern und Kinder sich auseinander setzen mussten. Die moderne Gesellschaft ist jedoch ein relativ neues Phänomen. In früheren Zeiten war das Leben einfacher und verlässlicher. Mit zunehmender Individualisierung verringerte sich zusehends der Einfluss traditioneller Autoritäten. Vor einigen Jahrzehnten noch hatten beispielsweise vor allem in dörflichen Gemeinschaften bestimmte Personen, etwa Lehrer oder Pfarrer, hohes Ansehen. Autoritäten wie diese bestimmten über Werte und Normen. Die Errungenschaft unserer modernen Gesellschaft: Wir nehmen Wertvorstellungen anderer nicht mehr als unveränderbar hin, sondern überdenken sie kritisch. Das ist die positive Seite. Die negative: Viele Sicherheiten, die noch vor Jahren selbstverständlich waren, sind es heute nicht mehr. Immer mehr Menschen arbeiten mittlerweile nicht mehr in ihren erlernten Berufen. Flexibilität und Mobilität sind gefragt. Ehen scheitern, Familien zerbrechen. Es gibt keine verlässliche Lebensplanung mehr. Wir müssen neu lernen, uns auf Unsicherheiten einzustellen. Das ist die große Herausforderung für Eltern heute.

Wie können Eltern es schaffen, ihren Kindern trotz aller Unsicherheiten eine verlässliche Basis zu bieten?

Mütter und Väter sollten vor allen ihre eigene Unsicherheit nicht auf die Kinder projizieren. Wir Erwachsenen müssen uns immer wieder die Frage stellen: Welches Bild der Gesellschaft vermitteln wir der nachwachsenden Generation? Wenn die negativen Erfahrungen der Eltern, etwa in der Arbeitswelt, das Klima in der Familie beeinträchtigen, wenn sich Angst und Hoffnungslosigkeit in den Familienalltag einschleichen, schadet das letzten Endes auch dem Selbstwertgefühl der Kinder. Auch in der Schule sollte nicht immer nur auf Leistung geschaut werden. Wichtiger ist es, die Stärken eines jeden Kindes zu fördern und es als eigene Persönlichkeit wahrzunehmen. Kindergärten und Schulen sollten alles daran setzen, Eltern hier zu motivieren und stark zu machen.

Im Augenblick werden überall Debatten über mangelnde Disziplin geführt. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Eine Bedeutung von Disziplin ist Ordnung. In der Leichtathletik gibt es verschiedene Untergruppierungen, die Disziplinen. Sie helfen uns, den Oberbegriff Leichtathletik zu gliedern und in Untergruppen aufzuteilen. Das Gleiche gilt für den wissenschaftlichen Bereich. Im Prinzip ist mit Disziplin ein auf Ordnung bezogenes Verhalten gemeint. Leider hat der Begriff aber noch eine andere Dimension. Disziplin bekommt dann eine völlig neue, mit Problemen behaftete Bedeutung. Denken wir nur an die Unterordnung im Dritten Reich, an den blinden Gehorsam ohne kritische Reflexion und Selbsteinsicht.

Was ist Ihrer Meinung nach an dem viel diskutierten Buch von Bernhard Bueb auszusetzen?

Der Autor urteilt pauschal und macht die 1968-er Generation für die von ihm heraufbeschworene Erziehungskrise verantwortlich. Das ist sehr einseitig. Erstens schenkt er in seiner Schrift den Gründen der Auflehnung gegen Autorität und blinden Gehorsam keine Beachtung. Zweitens lässt er die positiven Effekte dieser Bewegung außer Acht. Bueb behauptet darüber hinaus, Schule könne alle gesellschaftlichen Probleme kompensieren. Dieser Weg führt in die Irre. Von Schulen sollten wir keine Wunder erwarten – schon gar keine Lösung für gesellschaftliche Probleme. Hier ist vor allem die Familienpolitik gefordert. Bueb glorifiziert in seinem Buch Disziplin als heilsame Ordnung – vor allem auch für Internatsschüler. Mittlerweile aber gibt es im klassischen Internatsland England viele Selbsthilfegruppen. Sie werden von Menschen aufgesucht, die mit den traumatischen Erfahrungen aus der Internatszeit nicht aus eigener Kraft fertig werden.

Was verbinden Sie im positiven Sinne mit dem Begriff Disziplin?

Disziplin kann für Kinder lohnenswert sein und ihnen zu dem Gefühl verhelfen, ihr Leben unter Kontrolle zu haben. Ich plädiere nicht für eine von außen aufdiktierte Disziplin. Eltern sollten Kinder vielmehr stark machen, sich in bestimmten Bereichen selbst zu disziplinieren. Entscheidend ist die Frage, für welche Werte Disziplin eingesetzt wird. Ein Beispiel: Ein Kind sieht, wie einer Frau die Geldbörse aus der Tasche fällt. Die Frau bemerkt es nicht und geht weiter. Das Kind bückt sich, hebt die Geldbörse auf und läuft der Frau hinterher, um sie ihr zu geben. Es handelt nicht so, weil es Angst hat erwischt zu werden, wenn es das Geld an sich nimmt. Das Kind hat vielmehr gelernt, dass Ehrlichkeit wie eine Disziplin funktioniert, ein gewisser Ehrenkodex, an den alle in der Familie sich halten. Disziplin lässt sich mit unserem Beispiel der Leichtathletik vergleichen. Sie kann für Werte wie Dankbarkeit, Friedfertigkeit, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, Mitgefühl und Verlässlichkeit eingesetzt werden, ist aber für sich gesehen kein eigener Wert. Denn Disziplin kann, wie bereits beschrieben, Menschen unterdrücken. Sie kann aber, wie bei den Werten skizziert, Menschen wachsen und reifen lassen. Eigentlich ist Selbstdisziplin der bessere Ausdruck. Ganz entscheidend ist dabei das Vorbild der Eltern. Denn Kinder bekommen genau mit, wie Mutter und Vater mit ihrem Leben umgehen, was sie sich auf die Fahnen geschrieben haben und was sie davon umsetzen: Fahren sie bei jeder Kleinigkeit aus der Haut? Üben sie Rücksichtnahme? Gehen sie achtsam mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen um? Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Familienrituale und verlässliche Strukturen, die den Tagesablauf regeln, sind bei der Selbstdisziplinierung hilfreich. Denn ohne eine gewisse Grundordnung funktioniert achtsames Zusammenleben nicht.

Frau Prof. Amos, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Informationen zu Erzieihungswissentschaftlichen Seminaren: www.erziehungswissenschaft.uni-tuebingen.de

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