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"Ich fühle was, was du nicht siehst."

Wie ein Kind die Welt erlebt und warum sich ein Perspektivwechsel für die ganze Familie lohnt.


Ein Interview mit Carina Thiemann

 

 

Carina Thiemann lädt dazu ein, einen ganz neuen Blick auf schwierige Situationen zu werfen sowie die Welt aus Sicht des Kindes zu sehen und zu denken. Sie eröffnet damit eine neue Perspektive auf den Alltag und erklärt im Interview, wie fremdbestimmt und dennoch kooperationswillig Kinder sind und wie es Eltern auch unter großem Stress schaffen können, ihr Einfühlungsvermögen nicht zu verlieren und die Bedürftigkeit ihres Kindes beispielsweise auch in vermeintlichen Trotzsituationen zu erkennen.

 

 

 

“Wie auch immer sich unser Kind verhält – wenn wir die Welt durch seine Augen sehen, werden wir schnell feststellen, dass es einen guten Grund für sein Verhalten hat. Es ist unsere Aufgabe als Eltern und Betreuende, uns auf Augenhöhe zu begeben, um angemessen zu reagieren. Hier kann ein Perspektivwechsel Augen und Herzen öffnen.” sagt Carina Thiemann.

 


Carina Thiemann ist Erzieherin, Sozial- und Traumapädagogin, systemische Familientherapeutin, sowie systemische Kinder- und Jugendtherapeutin i.A.. Sie arbeitete als Erzieherin, Sozialpädagogin und Einrichtungsleitung, u.a. in Krippe und Kindergarten, Hort, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendamt. 2021 gründete sie Weltvonunten, dem auf Instagram fast 65.0000 Menschen folgen. Als Beraterin begleitet sie Familien, Erwachsene, Kinder- und Jugendliche und pädagogische Fachkräfte. Sie lebt mit ihrer Familie bei München.

Frau Thiemann, wie kamen Sie auf die Idee, dass ein Perspektivwechsel für Menschen, die Kinder begleiten, nötig sein könnte?

Vor einigen Jahren stolperte ich als junge Erzieherin und frische Bonusmama eines Kleinkindes über die Frage: »Wärst du gern Kind mit dir als Elternteil oder Pädagog:in?« Mir fielen leider sofort zahlreiche Situationen ein, in denen ich darauf mit einem ganz klaren »Nein« antworten musste und die mir einen Stich versetzten, egal ob in meiner Arbeit mit Kindern oder meinem Patchwork-Familienleben: Immer wieder wurde ich unglaublich ungeduldig, teilweise sogar ungehalten, wenn die Kinder einfach nicht mitmachten.

Ich stellte mein eigenes Verhalten Kindern gegenüber immer mehr in Frage.

Nachdem ich dann einen ersten Ratgeber zur bedürfnis- und beziehungsorientierten Begleitung von Kindern gelesen hatte, war meine Neugier geweckt. Ich tauchte ein in Hunderte von Büchern, ein schier unendliches Angebot an Impulsen auf Social Media und in den Austausch mit anderen Pädagog*innen und Eltern. In der ersten Zeit klang vieles, was ich las oder hörte, für mich wie eine Fremdsprache, doch nach und nach orientierte ich mich immer besser. Einigen dieser Ansätze konnte ich sofort mit Herz und Verstand zustimmen, andere lösten Fragezeichen oder auch Widerstände in mir aus.

Ich fing an, auf meinem Account @welt_von_unten in den sozialen Medien Geschichten aus der Perspektive von Kindern zu teilen und Angebote für einen friedvolleren Alltag mit Kindern zu entwickeln. Ein Schlüssel für eine liebevolle Beziehung zu unseren Kindern ist, dass wir uns emotional auf diese und ihre Sichtweise der Welt einlassen. Das ermöglicht uns, in herausfordernden Situationen umzudenken und Lösungen zu finden, die uns ohne diesen Perspektivwechsel nicht unbedingt in den Sinn kommen würden.

 

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Als bedürfnisorientierte Begleitung für mich noch ein neues Thema war, hat es mir geholfen, erst einmal einen Überblick über die Grundbedürfnisse zu gewinnen. Denn Kinder, aber auch Erwachsene, brauchen beständige und liebevolle Beziehungen, Sicherheit, individuelle und entwicklungsgerechte Erfahrungen, Grenzen und Strukturen, stabile und unterstützende Gemeinschaften sowie eine sichere Zukunft.

 

Diese Grundbedürfnisse beschreiben Sie im Einzelnen in ihrem Buch, wie auch das sogenannte Eisbergmodell. Was hat es damit auf sich?

Damit wir uns für die Perspektive unseres Kindes öffnen, kann uns dieses Modell helfen. Das Eisbergmodell hilft Eltern, Unsichtbares sehen zu lernen. Der größte Teil eines Eisbergs befindet sich unter der Wasseroberfläche und ist für uns nicht sichtbar. Genauso ist das mit den Gedanken, Bedürfnissen und Gefühlen unseres Kindes: Das meiste davon entzieht sich unseren Blicken und ist verborgen. Wir sehen nur, was das Kind gerade tut, wie es sich uns zeigt. Dieses sichtbare Verhalten lässt uns aber oft ratlos zurück, wenn wir es isoliert betrachten: Warum will das Kind partout die Mütze nicht anziehen? Warum will es sich so gar nicht wickeln lassen? Diese Ratlosigkeit ruft wiederum Ohnmacht in uns hervor. Wir fühlen uns nicht mehr handlungsfähig. Haben wir jetzt keine souveränen und friedvollen Strategien zur Hand, bleiben uns nicht mehr viele Möglichkeiten übrig: Wir erstarren und tun nichts. Oder wir lassen unsere Werte und guten Vorsätze fallen und handeln genau entgegengesetzt zu ihnen, um überhaupt irgendetwas zu tun. In dem Fall passiert, wofür wir uns im Nachgang häufig schlecht fühlen: Wir werden laut, grob oder unfair zu unseren Kindern.

Es ist also hilfreich, zunächst die Spitze des Eisbergs, das Verhalten des Kindes achtsam zu beobachten und wertfrei zu beschreiben. Im nächsten Schritt stellt man sich vor, welche Gedanken das Kind gerade hat – was geht wohl in ihm vor?, um anschließend zu erforschen, welche Gefühle das Kind gerade empfindet. Wir sollten uns davon verabschieden, dass wir alles wissen und dass alles, was wir denken und sagen, richtig ist. Gleichzeitig können wir mit unseren Annahmen weiterarbeiten um von den Gefühlen, die wir glauben zu erkennen, auf die darunter liegenden Bedürfnisse zu schließen.

Das Eisbergmodell können wir nicht nur auf Kinder anwenden, sondern auch auf Erwachsene und nicht zuletzt auf uns selbst. Dabei zeigt sich aber ein großer Unterschied: Während wir bei Kindern davon ausgehen können, dass Bedürfnisse in der Regel im Hier und Jetzt entstehen, tragen wir Erwachsenen womöglich schon über Jahre und Jahrzehnte unerfüllte Bedürfnisse mit uns herum. An diesen Mangel werden wir in verschiedensten Situationen des Alltags immer wieder erinnert, weswegen der Blick auf den eigenen Eisberg genauso wichtig ist wie die Beschäftigung mit den Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen eines Kindes.

Sie gehen davon aus, Kinder seien immer kooperationswillig?

Ja, Kinder gehen niemals mutwillig in den Widerstand, sondern immer aus einem Bedürfnis heraus. Damit haben sie eine unglaubliche Ressource, die vielen von uns abtrainiert wurde: Sie nehmen sich selbst wichtig und achten ihre Bedürfnisse. Der Konflikt entsteht in dem Moment, in dem entgegengesetzte Bedürfnisse aufeinanderprallen und wir diesen Zusammenstoß nicht abfangen oder begleiten.

 

Welche Bedürfnisse könnten sich auf dieser untersten Ebene des Eisbergs offenbaren?

Bei einem Kind, das kein Küsschen von Oma zum Abschied möchte, liegt die Vermutung nahe, dass das Kind hier das Bedürfnis einer körperlichen Grenze hat.

Die Voraussetzung für Verständnis für unsere Kinder ist Wissen, auch Wissen über uns selbst. Nur wenn wir verstehen, können wir Verständnis haben. Und nur wenn wir Verständnis haben, können wir Empathie empfinden. Empathie ist eine Schlüsselfertigkeit, um Kinder feinfühlig zu begleiten. Viel zu selten durfte die heutige Elterngeneration echte Empathie erlernen. Vielmehr wurde sie darauf konditioniert, im Außen zu erspüren, welches Verhalten gerade von ihnen erwartet wird. Wie viele von uns mussten Oma und Opa ein Küsschen geben, ungeachtet dessen, dass wir das gar nicht wollten?

 

Wie schaffen es Erwachsene, den “Autopiloten” abzuschalten, der sie dazu bringt, zu heftig zu reagieren und herausfordernde Situationen zu meistern?

Es gibt mehrere Leitfragen, die sich Eltern in herausfordernden Situationen stellen können: Muss das sein? Muss das jetzt sein? Muss das so laufen? Gäbe es auch einen spielerischen Weg?

Wir können und sollen Kinder nicht vor allen Frustrationen bewahren, sonst haben sie keine Gelegenheit, sich im Aushalten und Anpassen zu üben. Doch wenn wir auf Widerstand stoßen und feststellen, dass uns die Angelegenheit, der Zeitpunkt oder die Art und Weise eigentlich nicht wichtig ist, dürfen wir zurückrudern und einen neuen Weg einschlagen.

 

Warum spielen das Verständnis und das Validieren, die radikale Annahme und Anerkennung der jeweils eigenen oder fremden Wahrnehmung, ohne darüber zu urteilen, eine so große Rolle bei der Erziehung?

Wenn ein Kind stürzt und weint, und sei es nur vor Schreck, bestätigen und begleiten wir dies. Das Gegenteil von Validieren ist, dem Kind seine Gefühle abzusprechen, etwa mit Worten wie »Ist doch nicht so schlimm«, »Ist doch nichts passiert« oder »Du hast keinen Grund zu weinen«. Die eigene Vergangenheit zu validieren bedeutet anzuerkennen, dass unsere Bedürfnisse und Grenzen an manchen oder vielen Stellen missachtet und übergangen wurden. Validieren ist deswegen so wichtig, weil die Gefühle, die diese Erlebnisse ausgelöst haben, ohnehin in uns stecken. Solange wir die auslösenden Erlebnisse oder auch die Gefühle selbst leugnen, ablehnen oder verdrängen, werden sie immer weiter unkontrollierbaren Einfluss auf uns nehmen – ähnlich wie bei einem Luftballon, den wir versuchen, unter Wasser zu drücken, der aber immer wieder auftauchen wird. Die eigenen Gefühle und das eigene Erleben zu validieren, ist eine wichtige Basis für unser eigenes solides Management von Emotionen und einen friedvollen Umgang mit unseren Kindern.

 

Wie kann das ganz konkret in der Praxis aussehen?

Indem wir uns immer wieder klar machen, dass jeder einzelnen Verhaltensweise von Kindern und auch unseren eigenen Gedanken Gefühle und Bedürfnisse zugrunde liegen. Jedes Verhalten hat einen guten Grund. Einen guten Grund anzunehmen, ist unter anderem laut der Traumatherapeut:innen Hans-Joachim Görges und Lydia Hantke eine tragende Säule der Traumapädagogik. Doch auch im Familienalltag kann uns diese Haltung von unglaublich großem Nutzen sein.

 

Was steht dem im Wege?

Das sind oft unsere eigenen Glaubenssätze. Es gibt eine ganze Reihe von belastenden und einschränkenden Glaubenssätzen, die auch in einer banalen Situation wie zum Beispiel dem täglichen Einkaufen dafür sorgen können, dass wir Schwierigkeiten haben, uns liebevoll und verantwortungsvoll uns selbst und unseren Kindern gegenüber zu verhalten, zum Beispiel: “Nur, wenn ich angepasst bin, bin ich liebenswert.”

Eine der größten aktuellen Herausforderungen von Elternschaft ist, dass wir uns unsere eigenen Glaubenssätze bewusst machen und sie auflösen. Wir sollten unsere Kinder möglichst frei von wenig hilfreichen Annahmen begleiten. Wir bewerten manche Situationen als bedrohlich und stressig, weil sie uns an frühere Erlebnisse und Gefühle erinnern, und verlieren darüber unsere Souveränität und Leichtigkeit. Genau in den Momenten, in denen wir auf Widerstand des Kindes treffen, fallen wir schnell in altbekannte Muster, in denen es hauptsächlich darum geht, das Kind zu dominieren. »Kinder müssen auch einfach mal auf uns hören!«, sagt der trotzige Erwachsene, der in diesem Moment alles andere als erwachsen ist. Außerdem kann ein Umgang mit Kindern, der nur darauf abzielt, dass sie unter allen Umständen folgen, den Weg für künftige Grenzüberschreitungen, ein niedriges Selbstwertgefühl oder auch Missbrauch ebnen.

Das Kind, das gelernt hat, dass seine eigene körperliche Integrität achtlos übergangen wird, kann sich leicht zur Jugendlichen entwickeln, die glaubt, sie muss sich gegen ihren Willen vom Klassenkameraden küssen lassen – nur weil er das will oder beim Konsum von Drogen einwilligen, obwohl sie es nicht möchte. Diese Schlussfolgerungen treffen natürlich nicht immer so plakativ zu. Dennoch lassen sich bei der Reflexion unserer Verhaltensmuster erstaunlich oft Ursprünge in Erfahrungen aus der Kindheit aufdecken.

Indem wir also uns selbst auf Augenhöhe begegnen und unsere eigenen Erfahrungen, Gefühle und Bedürfnisse und die unserer Kinder validieren, haben wir das Fundament für eine starke elterliche Führungsrolle bereits gelegt. Mit dieser Voraussetzung kann es gelingen, Kinder vielmehr auf Augenhöhe zu begleiten, als sie von oben herab zu erziehen.

Sie sagen, wenn wir das nicht tun, kann es sogar zu Verletzungen für das ganze Leben kommen…?

Aus entwicklungstraumatischen Erlebnissen wie Bestrafungen und Beschämungen, wenn man einen Fehler gemacht hat, entstehen nicht nur Glaubenssätze, sondern, wie ein Pionier auf dem Gebiet der vererbten Familientraumata, Mark Wolynn, in „Dieser Schmerz ist nicht meiner“ zeigt, auch emotionale Wunden und seelischer Ballast. Sie erschweren uns oft, friedvoll und einfühlsam mit unseren Kindern umzugehen. Genau in den Momenten, in denen die Belastung und der Stress sehr akut sind, steht die große Bedürftigkeit des Kindes unserer eigenen Bedürftigkeit entgegen. Wir fühlen uns an unsere eigene Kindheit erinnert. Neben dem realen Kind ruft auch unser unversorgtes inneres Kind nach Zuwendung und Fürsorge.

 

Es geht auch darum, eigene innere Härte zu erkennen und loszulassen?

Ja. Es gibt viele Glaubenssätze über Kinder wie »Das muss ich mir von dir nicht gefallen lassen«, die wir aus unserer Kindheit übernommen haben. »Da muss das Kind auch mal durch«, »Das Kind will doch nur Aufmerksamkeit«, »Schreien stärkt die Lungen«, »Das Kind darf nicht verwöhnt werden, sonst wird es zum Tyrannen«, »Es kann sich nicht alles immer um das Kind drehen«.

Diese Glaubenssätze kann und sollte man hinterfragen und für sich und zum Wohle der Kinder auflösen, um sie nicht an die nächste Generation weiterzugeben.

 

Provokant gefragt, sind also unsere Eltern und deren Eltern daran schuld, wenn wir unsere Kinder anschreien?

Es ist nicht hilfreich, in solchen Kategorien wie Schuld zu denken und zu sprechen. Wenn wir unseren Blick bewusst auf die guten Gründe und die Herausforderungen und Voraussetzungen der jeweiligen Generationen und Einzelpersonen lenken, können wir entdecken, dass jeder Elternteil sein Bestes gibt. Als Kinder unserer Eltern werden wir deren Fehler leicht erkennen können, weil wir die Leidtragenden sind. Doch wenn wir auch die fehlenden Ressourcen, den Wissensstand und weitere Umstände unserer Eltern mit in unsere Betrachtung einbeziehen, werden wir feststellen, dass selbst hinter dem scheinbar böswilligsten Verhalten der Versuch steckt, das Richtige zu tun.

 

Was brauchen Kinder, um zu widerstandsfähigen Erwachsenen heranzuwachsen?

Das Wichtigste sind stabile und verlässliche Beziehungen. In diesen Beziehungen erfahren Kinder nicht nur Liebe, Zuwendung und Interaktion, sondern auch Co-Regulation. Damit ist gemeint, dass wir als Eltern die eigenen ruhigen Gefühle auf das emotional aufgewühlte Kind übertragen. Co-Regulation wird im Zusammenhang mit bedürfnisorientierter Begleitung von Kindern immer wieder thematisiert. Dennoch ist es weder selbstverständlich noch leicht, sie im Alltag mit Kindern umzusetzen. Voraussetzung für gelingende Co-Regulation ist die Fähigkeit der Mentalisierung, also den Gefühlsausdruck und das Verhalten des Gegenübers zu interpretieren, indem Annahmen über Gedanken, Gefühle, Einstellungen und Wünsche angestellt werden.

Was bedeutet Co-Regulation?

Grundsätzlich sprechen wir von gelingender Co-Regulation, wenn wir in Momenten der emotionalen Erregung unserer Kinder selbst bei uns und ruhig bleiben. Wir dürfen dabei unsere eigenen Grenzen achten und verteidigen, wir müssen uns nicht wehtun lassen und können lernen, selbst zu bestimmen, welche Aussagen uns verletzen und welche nicht. Das gelingt, indem wir Reiz-Reaktions-Muster erkennen, reflektieren und neu verknüpfen.

Ein typischer Reiz wäre, wenn das Kind zum wiederholten Male das »Stopp« des Elternteils »überhört« und weiter das Haustier ärgert. Der Elternteil fühlt sich immer weniger selbstwirksam und dafür immer hilfloser und verzweifelter, packt schließlich das Kind und stellt es ruppig in sein Zimmer, begleitet von einer Schimpftirade im Stil von »Wie oft soll ich dir noch sagen, du sollst nicht ...!« Gelungene Co-Regulation hingegen wäre, wenn der Elternteil erkennt, dass das Kind gerade nicht kooperieren kann, und ruhig, aber bestimmt eingreift und Kind und Haustier trennt.

Der große Unterschied liegt darin, wie die Erwachsenen den Reiz bewerten. Bei der erstgenannten, schroffen Reaktion geht der Elternteil unbewusst davon aus, dass die Situation bedrohlich ist. Eigene Bedürfnisse werden mit dem Verhalten des Kindes übergangen. Das kann im Hier und Jetzt unangenehm sein, aber auch negative Erinnerungen hervorrufen, in denen das Bedürfnis übergangen worden war und der Handlungsspielraum als Kind noch viel kleiner war. Obwohl die Situation als Erwachsene zu bewältigen wäre, fühlt es sich überfordernd an, weil aus einer kindlichen Rolle heraus gefühlt wird.

Bei der zweiten Reaktion hingegen bleibt der Elternteil souverän in der elterlichen Führungsrolle.

 

In Ihrem Buch finden Eltern viele Fragen zur Selbstreflexion, um Glaubenssätze aufzuarbeiten und Hindernisse, die dabei im Weg stehen, zu erkennen. Um Glaubenssätze aufzulösen, haben Sie einen großen Teil des Buches der therapeutischen Klopftechnik gewidmet. Können Sie erklären, warum Ihnen diese Technik so am Herzen liegt?

Das Klopfen ist eine sehr sanfte und auflösende Methode, die darauf abzielt, Gefühle zu regulieren und das eigene System auszubalancieren. Sie kann dabei unterstützen, Gefühle zu validieren und sich selbst zu regulieren. Das Klopfen stammt aus der sogenannten Energetischen Psychologie und bezieht durch das Klopfen mit ein oder zwei Fingern beziehungsweise der flachen Hand bestimmter, aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bekannter Akupunkturpunkte den Körper in den Prozess der Gefühlswahrnehmung und -steuerung mit ein. Im entsprechenden Kapitel stelle ich Eltern die Klopfmethode vor, kombiniert mit der Inneren-Kind-Arbeit, auch anhand eines Schaubildes. Mit meinen Anleitungen können Eltern sie selbst oder auch mit therapeutischer Unterstützung anwenden und ich gebe auch Beispiele, sogenannte Skripte, wie man ganz konkrete belastende Situationen mit dem Klopfen bearbeiten kann.

 

Können Sie uns ein Beispiel aufzeigen?

Es gibt verschiedene Klopfmethoden, je nachdem, welches Problem oder Ziel besteht. Um beispielsweise Glaubenssätze aufzulösen, wird ein Satz aus zwei Teilen formuliert. Teil eins validiert den bisher bestehenden Glaubenssatz. Es muss keine Sorge bestehen, dass man sich diesen Satz umsomehr »einklopft« oder verstärkt. Die Überzeugung ist ohnehin schon da und nur dadurch, dass sie gesehen wird, kann sie sich lösen. Dieser erste Teil wird mit einem zweiten Teil, einem neuen, stärkenden Glaubenssatz, kombiniert und ebenso “eingeklopft”. Ein Beispiel von vielen in meinem Buch:

»Auch wenn ich die Überzeugung habe, dass ich nur wertvoll bin, wenn ich leiste ...« …erlaube ich mir, Pausen zu machen und meine Grenzen zu achten.«

Zunächst bestimmt man einen Stresswert auf einer Skala von 1-10. Anschließend klopft man die Abfolge in mehreren Runden und schließt mit der sogenannten Gamut-Folge. Dabei wird der Stresswert überprüft, bis der Stresswert bestenfalls bei 0, mindestens unter 2 angekommen ist.

 

Frau Thiemann, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Wer mehr über Carina Thiemann und ihre Arbeit erfahren möchte, kann hier weiterlesen:

www.weltvonunten.de

 

oder am 26. September 2023 um 20 Uhr ihr Online Event besuchen: https://elopage.com/s/weltvonunten/lesung-ichfuehlewaswasdunichtsiehst

Buchtipp:

 

Carina Thiemann

Ich fühle was, was du nicht siehst

Wie ein Kind die Welt erlebt und warum sich ein Perspektivwechsel für die ganze Familie lohnt


Carina Thiemann, Pädagogin und reichweitenstarke Gründerin von „Weltvonunten“, zeigt in ihrem ebenso kenntnisreichen wie einfühlsamen Buch, wie Kinder ihren Alltag erleben: der Wutanfall beim Abendessen nach einem langen Tag in der Kita, der dem Kind viel Kooperation abverlangt hat, das Trödeln beim Umziehen, weil die Gedanken des Kindes noch bei seinem letzten Spiel hängen oder auch der Protest beim Eincremen, weil die neue Creme so kalt ist und merkwürdig riecht. Durch den Perspektivwechsel spüren Eltern unmittelbar und eindringlich, was es in unserer Zeit wirklich bedeutet, Kind zu sein: Sie erkennen und verstehen die Bedürfnisse und Nöte hinter dem Verhalten ihrer Kinder, die in stressigen Alltags- und wiederkehrenden Konfliktsituationen nur selten wahrgenommen werden. Carina Thiemann zeigt praxis- und lebensnah, wie Eltern ihr Kind als Mensch im Blick behalten können, bietet Auswege aus Machtkämpfen und zeigt kreative Wege für eine friedvolle Elternschaft, die den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht wird.


Kösel Verlag 2023, 208 Seiten

€ 18,00

 

 
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