Monika Kiel-Hinrichsen: Kommunikation - Wie Eltern und Kinder besser miteinander reden können

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„Erst wenn wir Eltern die Logik unserer Kinder erfasst haben und wenn sie bereit sind, freiwillig, offen und ohne Angst über ihre Bedürfnisse und Probleme zu reden, können wir von einer geglückten Kommunikation sprechen. Ich muss die innere Not meines Kindes erfasst haben. Und das Kind muss fühlen, dass ich es verstehe. Wenn Erziehung auf Achtsamkeit, Geduld und Toleranz basiert, sprechen wir unsere Kinder als gleichwertige Partner an, ohne ihnen Verantwortung aufzubürden, die sie noch nicht tragen können. Dann verhelfen wir ihnen dazu, soziale Kompetenz zu entwickeln“, sagt die Erziehungsberaterin, Pädagogin und Buchautorin.

 

Monika Kiel-Hinrichsen, Jahrgang 1956, ist staatlich anerkannte Erzieherin, Sozialpädagogin und Waldorfpädagogin mit langjähriger heilpädagogischer Erfahrung. Sie arbeitet seit vielen Jahren am Therapeutikum Kiel, wo sie 2002 eine Elternschule und später mit anderen Kollegen die Familienbildungsstätte „Forum Zeitnah“ gründete. Sie bildet Tagesmütter und –väter sowie Erzieher aus und leitet pädagogische und Kommunikationskurse. Außerdem arbeitete sie seit zwölf Jahren im Bereich der Familienkultur an der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, Schweiz, gestaltend mit. Monika Kiel-Hinrichsen ist eine gefragte Referentin im In- und Ausland. Sie hat eine eigene Praxis für Biographiearbeit, Erziehungs- und Eheberatung, Mediation und Supervision.

Spiel und Zukunft: Wann und wie beginnt eine gute Kommunikation zwischen Eltern und Kind?

Frau Kiel-Hinrichsen: Die Basis für eine gute Kommunikation wird in den ersten Lebenswochen und –monaten geschaffen. Je feinfühliger Mütter und Väter auf die Bedürfnisse ihres Babys reagieren, desto intensiver ist die Bindung. Und diese ist entscheidend für das spätere Leben des kleinen Menschen. Denn sie schenkt Geborgenheit, Halt und Sicherheit: eine wichtige Basis, die das Kind in späteren Jahren befähigt, besser mit Belastungen umzugehen. Mütter und Väter müssen deshalb lernen, die Sprache ihres Babys zu lesen: Wie weint es? Was könnte ihm fehlen? Dies setzt eine hohe Wahrnehmungsbereitschaft voraus und ist für Eltern die wichtigste Aufgabe – vor allem im ersten Lebensjahr, aber auch später. Die meisten Bedürfnisse von Kindern in diesem Alter sind noch sehr elementar, wie Schlaf, Nahrung, körperliche Nähe, aber auch räumliche und seelische Grenzen, die Sicherheit vermitteln. Die Fähigkeit der Eltern, die Signale ihrer Kleinkinder zu verstehen und aufzugreifen, kommt der Eltern-Kind-Beziehung vorbeugend zugute, denn in diesem Alter wird bereits der Keim für das Zu- oder Weghören gelegt.

Warum hören Kinder zuweilen gar nicht zu, was ihre Eltern ihnen sagen?

Zum einen hören Kinder weniger zu, weil ihre Eltern zuviel auf sie einreden, alles begründen und erklären. Viele Mütter und Väter versuchen ständig, an die Einsicht ihres Kindes zu appellieren. Dabei lassen sie erkennen, dass sie selbst unentschieden sind. Doch bei einer guten Kommunikation mit Kindern spielen die Eindeutigkeit und die Wachsamkeit der Eltern eine bedeutende Rolle. Zum anderen erreichen Eltern ihre Kinder oft nicht, weil die äußeren Bedingungen nicht stimmen. Mutter oder Vater sollten nah beim Kind sein, wenn sie mit ihm reden, sich auf seine Augenhöhe begeben und Blickkontakt suchen. Kinder sind heute so vielfältigen Sinnesreizen ausgesetzt, dass sie vieles gar nicht mehr aufnehmen können. Das gilt auch für die Stimmen der Eltern, wenn diese von irgendwo herkommen und das Kind Mutters oder Vaters Nähe nicht wahrnehmen kann. Hinzu kommt: Kleine Kinder haben einen ganz anderen Zeitbegriff als Erwachsene. Wenn ein Kind zum Beispiel gerade sehr intensiv spielt, nimmt es die Stimme der Mutter nicht wahr, die von irgendwoher ruft: „Hör bitte auf zu spielen. Wir müssen gleich zum Einkaufen gehen.“ Und selbst wenn das Kind gehört hätte, was die Mutter sagt: Es kann mit dem Begriff „gleich“ noch nichts anfangen. Kinder brauchen in solchen Situationen zeitliche Spielräume. Denn sie können und wollen ihr Spiel nicht abrupt beenden. Andererseits brauchen sie die Eindeutigkeit der Eltern: „Ich sehe, dass du gerade spielst. Aber ich möchte gleich mit dir zum Einkaufen gehen. Du hast noch so lange Zeit, bis die Sanduhr abgelaufen ist.“

Wie bauen sich Konflikte zwischen Eltern und Kindern üblicherweise auf?

In jedem Konflikt gibt es mehrere Eskalationsstufen: Es beginnt mit einer harmlosen Meinungsverschiedenheit, setzt sich fort in einer Diskussion, geht über in Meckern und Schimpfen, dann in Schreien. In der fünften Stufe geht es um Schuldzuweisungen: „Immer machst du...“. Es folgen Drohungen: „Wenn du nicht tust, was ich dir sage, dann...“. In der letzten Stufe knallt die Sicherung durch. Die Eltern können nur noch brüllen, oder ihnen rutscht gar die Hand aus. Wenn dies mal passiert, helfen Schuldgefühle nicht weiter. Eltern sollten sich bei ihrem Kind entschuldigen und sich vornehmen, es beim nächsten Mal gar nicht soweit kommen zu lassen.

Was können Eltern tun, damit es nicht zum Äußersten kommt?

Sie sollten spätestens nach der dritten Stufe, also nach dem Meckern und Schimpfen, die Bremse ziehen und den Konflikt in andere, verträglichere Bahnen lenken. Ich gebe Eltern schon mal den Tipp, die beschriebenen Eskalationsstufen untereinander auf ein großes Blatt Papier zu schreiben. Bei der dritten Stufe könnten sie dann ein großes rotes Stoppschild zeichnen. Dieses Blatt sollte am besten dort aufgehängt werden, wo es häufig zu Konflikten kommt, zum Beispiel in der Küche. Was oft vernachlässigt wird: Es ist für Eltern, und vor allem für Mütter, wichtig, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Denn nur wenn Mutter und Vater zufrieden sind, fühlt sich auch das Kind wohl. Gut ist es, hin und wieder mal eine Auszeit vom Kind zu nehmen und mit einer Freundin ins Theater zu gehen oder mit guten Freunden zum Essen. Dies können Eltern natürlich nur entspannt tun, wenn sie eine gute Betreuung für ihre Kinder organisiert haben.

Wie können andererseits Eltern lernen, ihren Kindern richtig zuzuhören?

Oft haben Kinder das Gefühl, dass Mutter oder Vater ihnen nicht richtig zuhören und gar nicht verstehen, was sie im Augenblick bewegt. Es gibt beim Zuhören sehr gute Techniken, etwa das passive und das aktive Zuhören. Passives Zuhören wirkt als nachdrückliche, nicht-verbale Botschaft, die dem Kind mitteilt, dass es sich aussprechen kann. Eltern bringen mit dieser Form des Zuhörens nonverbal zum Ausdruck: „Ich möchte, dass du mir sagst, was du empfindest. Ich akzeptiere deine Empfindungen. Und ich überlasse dir die Entscheidung, was du mir mitteilen möchtest.“ Passives Zuhören ermutigt Kinder, über ihre Gefühle zu sprechen. Sie erwarten aber mehr als nur schweigendes Zuhören. Ältere Kinder brauchen manchmal sozusagen einen Türöffner, um über ihre Gefühle und Probleme reden zu können, zum Beispiel: „Magst du darüber sprechen?“ oder „Mich würde interessieren, was du darüber denkst.“ Eltern sollten offene, wertfrei formulierte Fragen stellen, die dem Kind die Möglichkeit geben, auch über weitere Aspekte des Problems zu sprechen. Hilfreich ist es darüber hinaus, dem Kind durch kleine Gesten und verbale Unterstützung zu zeigen, dass wir ihm innerlich folgen. Das können zum Beispiel Einwürfe sein wie „Ich verstehe“ oder Kopfnicken. Eltern teilen ihrem Kind dadurch mit, dass sie interessiert sind und dass sie akzeptieren, was es erzählt.

Was bedeutet aktives Zuhören?

Hier spiegeln Eltern die vorangehende Botschaft des Kindes, indem sie eine entsprechende Rückmeldung geben. Sie fassen die Bedeutung dieser Botschaft in eigene Worte. Ein Kind sagt zum Beispiel: „Ich will nicht in den Kindergarten.“ Die Mutter oder der Vater sagen: „Du gehst nicht gern in den Kindergarten, wenn ich arbeiten muss.“ Kind: Nein, überhaupt nicht. Ich will nicht gehen. Du fehlst mir dann.“ Mutter oder Vater: „Du hättest mich gern vormittags bei dir. Gibt es etwas, das dir helfen kann, damit es nicht so schwer für dich ist?“ Das Kind überlegt und sagt dann: „Wenn ich deine Jacke hätte, die riecht so gut nach dir.“ Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Das folgende Gespräch zwischen einem Kind und seinem Vater soll das deutlich zeigen. Die Familie ist vor kurzem in eine andere Stadt gezogen. Das Kind beklagt sich: „Ich habe hier keine neuen Freunde gefunden, keinen zum Spielen.“ Der Vater antwortet: „Na, ich wette, in deiner Klasse gibt es ganz nette Jungen, die gerne mit dir spielen würden.“ Kind: „Aber warum fragt mich dann niemand?“ Vater: „Vielleicht musst du fragen und darfst nicht immer so schüchtern sein. Trau dich doch einfach mal!“ Das Kind zieht sich schmollend zurück und meint: „Ach, du verstehst mich überhaupt nicht.“

Hier ist offensichtlich etwas schief gelaufen. Aber was?

Ich bin sicher, dass der Vater seinem Kind im besten Sinne helfen wollte. Aber dennoch ging es schief, weil er nicht mit wirklichem Verständnis auf das Problem des Kindes eingegangen ist, sondern gleich eine Gegenbehauptung aufgestellt hat. Als der Junge dieser nicht zustimmt, spricht der Vater eine Wertung aus. Das Problem verschiebt sich, und es entsteht der Eindruck, dass der Vater glaubt, es liege an seinem Jungen, wenn er keine Freunde findet.

Können Eltern denn aktives Zuhören lernen?

Ja, aber sie müssen es einüben, als würden sie ein Instrument erlernen. Das funktioniert nur, wenn man kontinuierlich probt. Am Anfang wirkt das aktive Zuhören auf viele Menschen noch befremdlich und unnatürlich. Es sollte auch möglichst keinen „Papageiencharakter“ annehmen, indem nur genau das wiedergegeben wird, was der andere gesagt hat. Eine hilfreiche innere Frage kann dabei sein: „Welches Bedürfnis höre ich aus dem Gesagten meines Kindes?“ und dieses dann mit eigenen Worten mit dem Gefühlszustand des Kindes zu verbinden. Es wird sich dadurch verstanden fühlen und kann sich Mutter oder Vater auf diese Weise viel vorbehaltloser öffnen. Durch das Zuhören entsteht größeres Vertrauen untereinander. Das Wesentliche beim aktiven Zuhören ist, ganz beim anderen zu sein, ganz bei seiner Not. Wenn dies gelingt, fühlt sich der andere verstanden und motiviert, zu einer Konfliktlösung etwas beizutragen.

Wie können Eltern es schaffen, Vorwürfe im Gespräch mit ihrem Kind zu vermeiden?

Generell ist es wichtig, Vorwürfe in einem Gespräch möglichst zu vermeiden. Ich-Botschaften sind ein Weg, den anderen so anzusprechen, dass er sich nicht angegriffen fühlt. In einer Du-Botschaft schwingt jedoch immer eine Schuldzuweisung mit. Mit der Ich-Botschaft versuche ich, dem anderen meine Bedürfnisse und Probleme zu erklären. Nur so kann er mich verstehen. Statt eines Vorwurfs wie in der Du-Botschaft, etwa „Du machst immer...“, formuliere ich in der Ich-Botschaft, wie es mir dabei geht, wenn der andere etwas tut, das mich stört. Das Wesentliche an der Ich-Botschaft ist also, ganz bei mir zu bleiben, ganz bei meinem Bedürfnis, bei meinem Problem, ohne den anderen dabei zurechtzuweisen oder kleine Seitenhiebe zu verteilen. Gelingt dies, wird der andere mich ernst nehmen und auf meine Argumente eingehen. Eine richtige Ich-Botschaft, die frei von Vorwürfen ist, stellt meinem Gegenüber keine unnötigen Hindernisse in den Weg.

Was passiert, wenn Eltern in Du-Botschaften reden?

Die Verantwortung für die eigenen Gefühle wird bei der Du-Botschaft kurzerhand auf andere verlagert. Auf diese Weise kann das Gesagte sein Ziel nicht erreichen. Du-Botschaften bewirken bei Kindern in der Regel Widerstand und Trotz. Sie lösen destruktiven Streit und gegenseitige Beschimpfungen aus. Sie bewirken, dass Kinder sich schuldig, herabgesetzt, kritisiert und verletzt fühlen. Aber auch, dass ein Kind sich an den Eltern rächen und sie herabsetzen will. Du-Botschaften vermitteln mangelnden Respekt vor den Bedürfnissen des anderen. Die Kinder reagieren entsprechend auf solche Botschaften. Sie werden trotzig und sperren sich gegen eine Veränderung. Du-Botschaften schädigen die Selbstachtung des Kindes. Es ist kein Wunder, dass es sich rächt, indem es selbst Du-Botschaften benutzt, die dann verletzte Gefühle, Tränen, zugeknallte Türen und Strafandrohungen zur Folge haben.

Wie wirken Ich-Botschaften auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind?

Ein Erwachsener, der eine Ich-Botschaft sendet, übernimmt Verantwortung für seinen eigenen inneren Zustand. Er taucht sozusagen in das hinein, was er tief in sich hört. Und er zeigt seine Verantwortung, indem er diese Selbsteinschätzung dem Kind offen mitteilt. Ich-Botschaften geben dem Kind die Möglichkeit, sein Verhalten von sich aus zu ändern. Es fühlt sich vom Erwachsenen nicht gezwungen, etwas gegen seinen Willen zu tun. Gleichzeitig vermeiden Ich-Botschaften negative Urteile und stärken beim Kind den Willen zur Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft. Ich-Botschaften erfüllen drei wichtige Kriterien für eine Erfolg versprechende Kommunikation. Erstens fördern sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Bereitschaft zu einer Änderung. Zweitens enthalten sie keine negative Einschätzung des Kindes. Drittens verletzen sie die Beziehung nicht. Zu guten Ich-Botschaften gehören keine Schlussfolgerungen wie „Du solltest dies oder das tun.“ Sie ermöglichen den Kindern vielmehr, eigene Lösungen für das Problem mit dem Erwachsenen zu entwickeln. Diese Lösungen sind oft überraschend kreativ und wären dem Erwachsenen vielleicht nie eingefallen.

Was würden Sie Eltern, die die Kommunikation mit ihren Kindern verbessern möchten, gern mit auf den Weg geben?

Wenn Sie mit den Techniken des aktiven Zuhörens und der Ich-Botschaften arbeiten, werden Sie ziemlich bald merken, dass die Spannungen in der Familie abnehmen. Da Kinder am Vorbild der Eltern lernen und deren Verhalten spiegeln, werden auch die daraus resultierenden Reaktionen die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Kind positiv verändern. Wenn Sie gelernt haben aktiv zuzuhören und Ich-Botschaften zu formulieren, legen Sie damit eine alte Rolle ab. Vielleicht empfinden Sie das auch als einen Verlust, eine Verunsicherung. Die alten Vorstellungen von Autorität tragen nicht mehr. Dafür wird eine neue Qualität der Beziehung zu Ihrem Kind entstehen, die von Nähe, Respekt und Gleichwertigkeit geprägt ist.

Frau Kiel-Hinrichsen, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Dieses Interview führte Jette Lindholm für unsere Redaktion.

 

Mehr über die Arbeit der von Monika Kiel-Hinrichsen mitgegründeten Familienbildungsstätte „Forum Zeitnah“ erfahren sie unter: www.forum-zeitnah.de

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