Jesper Juul: Klimawandel in der Familie - Orientierungshilfen für Mütter und Väter

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„Kinder brauchen keine perfekten Eltern, die über jeden Zweifel erhaben sind. Sie brauchen vielmehr authentische Menschen aus Fleisch und Blut, die nicht alles wissen, doch stets bereit sind, sich weiter zu entwickeln“, sagt der dänische Familientherapeut und Buchautor.

Jesper Juul, Jahrgang 1948, ist einer der bedeutendsten Familientherapeuten Europas. Er wurde durch zahlreiche Seminare, Vorträge und Elternratgeber international bekannt und ist Gründer des „Kempler Institute of Scandinavia“ bei Aarhus / Dänemark.

Hier werden Menschen verschiedener Berufsgruppen, die professionell mit Familien zusammenarbeiten, zu Beratern ausgebildet. Darüber hinaus stärkt Jesper Juul die Kompetenz von Eltern in seinem Länder übergreifenden Beratungs- und Seminarprojekt „family lab“.

Eltern sind heute oft unsicher und fragen: Gibt es die ideale Erziehungsmethode?

Ganz entschieden nein. Was sich nämlich in der einen Familie bewährt, kann in der nächsten scheitern. Deshalb fassen wir sogar häufig verwendete Begriffe wie Grenzen, Regeln und Aufmerksamkeit im Lichte eigener Erfahrungen und Anschauungen unterschiedlich auf. Und das ist gut so. Denn alles andere führt zur Uniformierung. Es kann deshalb keine ideale Erziehungsmethode geben. Eltern sollten sich vielmehr gemeinsam Gedanken über ihre Wertvorstellungen machen: Woran glauben wir? Was sind die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen? Welche Werte, die uns unsere Eltern vermittelten, haben sich als konstruktiv erwiesen? Und welche sollten wir über Bord werfen? Keine Familie lässt sich mit einer anderen vergleichen. Und in jeder gibt es unterschiedliche Wertvorstellungen. Eltern sollten auf jeden Fall authentisch sein. Dazu gehört, auch mal seinem Ärger Luft zu machen. Immer verständnisvoll gegenüber den Kindern zu sein, ist unecht und verunsichert diese.

Brauchen Kinder mehr Grenzen?

An der Erkenntnis, dass Kinder gewisse Grenzen brauchen, hat sich nichts geändert. Eltern sollten jedoch dabei lernen, ihre eigenen Grenzen zu äußern. Statt zu fragen „Was ist richtig für mein Kind?“ müssten sie sich fragen „Was ist richtig für mich? Und was bedeutet das für mein Kind?“ Wenn Mutter und Vater sagen: „Ich will nicht, dass du den Fernseher einschaltest“ oder „Mir gefällt es nicht, wenn du deine Jacke immer auf den Boden wirfst“, ist das viel besser als: „Du darfst den Fernseher nicht einschalten“ oder „Du sollst deine Jacke nicht auf den Boden werfen“. Erst beim zweiten Hinschauen wird der Qualitätsunterschied deutlich. Eine Ich-Aussage stellt nämlich den Kontakt zum Kind her, während die Du-Aussage Distanz schafft. Dabei ist Kontakt zwischen Eltern und Kindern lebensnotwendig, wenn Kinder lernen und sich entwickeln sollen. Eltern sollten ihre eigenen Gefühle und Grenzen klar zum Ausdruck bringen und ihren Kindern mit Empathie und Mitgefühl begegnen. Und Kinder müssen Enttäuschung, Frustration und Schmerz erleben können – in der Gewissheit, dass ihre Gefühle ernst genommen werden.

Oft kommt es zwischen Eltern und Kindern immer wieder zu den gleichen Konflikten. Woran liegt das?

Solche sich wiederholenden Konflikte sind sowohl für Kinder als auch für Eltern frustrierend. Ein Beispiel ist die von Eltern festgesetzte Zubettgehzeit ihres Kindes. Vielleicht braucht das Kind gar nicht so viel Schlaf, wie Mutter und Vater meinen. Sie sollten sich darüber hinaus fragen: Ist an der Art und Weise, wie wir unser Kind ins Bett bringen, etwas nicht in Ordnung? Haben wir uns in Ruhe mit ihm beschäftigt, seit wir nach Hause gekommen sind? Konnten wir uns selbst entspannen, oder sind wir immer noch gestresst, wenn wir es zu Bett bringen? Geben wir ihm Zeit, sich umzustellen, oder verkünden wir von einem auf den anderen Moment, dass Schlafenszeit ist? Sollten wir unsere Überzeugung einfach über den Haufen werfen und das Kind selbst bestimmen lassen, wann es ins Bett geht? Oder sollten wir die Art und Weise ändern, wie wir selbst damit umgehen? Keine andere Familie auf der Welt ist mit unserer identisch. Also müssen wir gemeinsam experimentieren, um einen Weg zu finden, mit dem alle zufrieden sind.

Sollten Eltern sich in Erziehungsfragen immer einig sein?

In vielen Ratgebern wird betont, wie wichtig es ist, dass Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder an einem Strang ziehen. Dies setzt immer ein Elternteil unter Druck. Denn die Forderung nach Einigkeit führt oft dazu, dass ein Partner – in der Regel immer derselbe – schnell nachgibt, sich überreden lässt oder aufgibt. Natürlich gibt es Situationen, die Einigkeit erfordern. Doch dies ist viel seltener der Fall als wir denken. Kinder spielen ihre Eltern nur dann gegeneinander aus, wenn Mutter und Vater nicht zu ihrer Verschiedenartigkeit stehen. Es ist gut, wenn beide Partner einmal alle Punkte auflisten, über die ihrer Meinung nach Einigkeit bestehen sollte. So können sie feststellen, in welchen Punkten die Forderung nach Einigkeit als Belastung empfunden wird und ob man nicht besser mit der Verschiedenartigkeit und Uneinigkeit so umgehen kann, dass sie nicht in einem Machtkampf endet.

Wie können Eltern da einen guten Weg finden?

Indem sie ihre Kinder bei wichtigen Entscheidungen einbeziehen. Dies setzt einen guten Dialog voraus. Dieser kann aber nur funktionieren, wenn jeder bereit ist, dem anderen zuzuhören und ihn ausreden zu lassen. Eltern und Kinder müssen ihre Meinungen, Vorstellungen und Wünsche klar artikulieren. Erst wenn wir wissen, was jeder Einzelne als positiv und negativ empfindet, können wir entscheiden, was das Beste für die gesamte Familie ist. Und da wir uns unablässig verändern und entwickeln, müssen wir immer wieder offen miteinander sprechen. Für viele Familien ist dies ungewohnt. Wir haben gelernt, uns zurückzunehmen. Doch die Gemeinschaft in der Familie gewinnt nur dann an Energie und Substanz, wenn sich jedes Mitglied seiner Eigenverantwortung bewusst ist. Wer sich von Anfang an auf Kompromisse einstellt, wälzt dabei in Wirklichkeit den Großteil der Verantwortung auf den Partner ab. Umgekehrt gilt: Wenn der Partner uns ständig nach unserer Meinung fragt, aber vergisst, seine eigene zu äußern, sollten wir ihn freundlich, aber entschieden darauf aufmerksam machen.

Wie viel Aufmerksamkeit brauchen Kinder?

„Gesehen werden“ ist eigentlich die passende Beschreibung für den Begriff Aufmerksamkeit. Wirklich „gesehen“ fühle ich mich, wenn andere sozusagen hinter die Kulissen schauen und mich so erkennen, wie ich bin. Das setzt voraus, dass sich mein Gegenüber die Mühe macht, hinter die Fassade meines ängstlichen oder aggressiven Verhaltens zu schauen. Kinder verhalten sich aggressiv, wehleidig oder fordernd, wenn ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit missachtet wird, oder wenn die Eltern glauben, es durch oberflächliches Interesse oder die Erfüllung aller Wünsche ersetzen zu können. Das ist einer der Gründe, warum man sich genug Zeit nehmen sollte, mit Kindern zu spielen. Im Spiel führt das Kind Regie und gibt so den Eltern Gelegenheit, es besser kennen zu lernen.

Fehlt es Kindern heute an Empathie?

Nein. Mir fällt auf, dass Eltern heute oft alles daran setzen, ihre Kinder von unangenehmen Erfahrungen und Gefühlen fernzuhalten und die Familie zu einer Art Miniparadies zu machen. Diese Kinder wachsen in einer Gemeinschaft auf, in der die großen, wichtigen Gefühle tabu sind. Somit wird den Kindern verwehrt, ein Gespür für die Gefühle anderer zu entwickeln. Dies zeigt sich dann oft drastisch, wenn sie in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Beinahe dasselbe geschieht in Familien, in denen die Eltern Konflikten partout aus dem Weg gehen und alle Wünsche der Kinder erfüllen. Die Eltern verleugnen ihre eigenen Grenzen und verbergen ihre Emotionen. Die Kinder lernen dabei nicht, sich auf andere Menschen einzustellen und diese zu respektieren. Dabei hätten die Kinder Eltern nötig, die ihre Grenzen im eigenen Interesse setzen, die lebendig, warmherzig und irrational sind und die Konflikte austragen, ohne damit die liebevolle Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern in Frage zu stellen.

Mangelt es in den Familien heute oft an Zeit?

Es ist ein von den Medien geschaffener Mythos, dass Eltern heutzutage keine Zeit mehr für ihre Kinder oder für ihre Partnerschaft haben. Zeit war auch früher oft Mangelware. Nur: Die Erwartungen an die emotionale Substanz in der Familie sind in den letzten 20 Jahren gewaltig gestiegen. Und natürlich braucht es seine Zeit um zu lernen, wie wir uns auf eine Weise füreinander interessieren und engagieren können, die konstruktiv ist und nicht nur Ausdruck unseres schlechten Gewissens. So schön es ist, Anerkennung in der Schule oder im Beruf zu finden: Unser Bedürfnis, von denen „gesehen“ zu werden, die wir lieben, wird dadurch nicht kleiner. Im Gegenteil. Denn im Beruf und in der Schule finden wir aufgrund unserer Leistung Beachtung. Doch haben wir ein mindestens ebenso großes Bedürfnis, als Mensch gesehen und geschätzt zu werden. Und das geschieht fast ausschließlich in der Liebe zu Kindern und anderen Erwachsenen. Doch häufig versuchen Eltern den Mangel an Zeit dadurch zu kompensieren, dass sie ihre Kinder über alle Maßen verwöhnen und ihnen jeden materiellen Wunsch von den Augen ablesen. Die meisten Erwachsenen haben dabei aber ein schlechtes Gewissen. Denn ihr Gefühl sagt ihnen, dass sich ein solches Verhalten nicht bezahlt macht. Wenn eine Frau die Nähe und das Interesse ihres Mannes vermisst, dann nützt es nichts, ihr Blumen oder Schmuck zu schenken. Kinder erleben dies ganz genauso, auch wenn sie es nicht formulieren können. Sie können ihre Sehnsucht und Enttäuschung nicht anders zum Ausdruck bringen als durch Quengeln oder unerzogenes Verhalten. Ebenso wie Erwachsene haben Kinder das Bedürfnis zu erzählen, was sie tun, worüber sie nachgedacht und was sie erlebt haben. Das bedeutet nicht, dass Eltern immer alles gleich interessant finden müssen. Doch es ist wichtig, dass sie aufmerksam zuhören, um ein Gespür dafür zu entwickeln, was ihre Kinder eigentlich sagen wollen. Das erfordert Zeit, in der die Erwachsenen weder erziehen noch belehren, sondern einfach nur interessiert zuhören sollten. Nach dem Maßstab der Kinder ist dies echte Qualitätszeit.

Herr Juul, wir danken Ihnen für das Gespräch

Bücher von Jesper Juul finden Sie hier .

Informationen über das familylab finden Sie unter www.familylab.de.

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