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Verweilende Ruhe

Verweilende Ruhe - Warum entspanntes Miteinander sein so wichtig für Kinder ist 

 

Interview mit Ingrid Löbner

Ingrid Löbner ist Psychoanalytische Beraterin, Körpertherapeutin und Traumatherapeutin. Sie arbeitet an der Familienberatungsstelle Pro Familia in Tübingen und lehrt seit 1991 an der Staatlichen Hebammenschule der Universität. Sie arbeitet seit über 20 Jahren in der Schreiberatung und berät jährlich etwa 300 besorgte Eltern. Bis heute hat sie etwa 2000 Eltern mit schreienden Babys, unruhigen Kleinkindern beraten.
www.gelassene-eltern.de

Was fällt Ihnen bei Ihrer  Arbeit mit Eltern von unruhigen Kindern besonders auf?

Ich finde es immer wieder unglaublich, wie wenig unsere Gesellschaft auf “Sein” beruht.
Wenn man Kinder, und das fängt bei Babys an, einfach wahrnimmt und sie sein lässt wie sie sind, dann verläuft die Entwicklung bei den allermeisten Kindern wie von selbst. Jedoch stehen die meisten Eltern heute leider von Anfang an unter einem immensen Druck von allen Seiten.
Die Familie und Freunde haben bestimmte Erwartungen, die Politik und die Arbeitgeber sowieso. Es soll alles möglichst schnell geschehen: Abstillen, alleine schlafen, Sich-sinnvoll-als Kind-beschäftigen, das Kind fördern etc.  Außerdem geistert nach wie vor das Gespenst der Angst vor dem so genannten “Verwöhnen” durch die Familien.  Alles zusammen bringt eine große Unruhe in die Familien und macht dementsprechend auch die Kinder unruhig. So kommen die gestressten Eltern und Kleinkinder in meine Beratungen.


Was raten Sie den Eltern?

Ich rate erst einmal gar nichts, sondern schaffe eine Atmosphäre, in der wir gemeinsam erst
einmal entspannen und in mehr Ruhe kommen können.
Es ist oft das erste Mal seit der Geburt, dass Eltern entspannen, wenn ich ihnen mit gemütlichem, wirklich bequemem Da-Sitzen in ersten Schritten dabei behilflich bin, Entspannung zuzulassen, zu erleben, wie sich Entspannung allein schon körperlich anfühlen kann! Wir können dann gemeinsam die Ruhe spüren und auch sehen, wie sehr die Kinder sich das wünschen. Die Eltern bemerken dann, wenn sie feinfühlig sind (und das sind die meisten Eltern!), dass ihr Kind gar nicht viel mehr braucht,  außer wahrgenommen zu werden in seinem “So- Sein“. Ich ernte dann manchmal Blicke von diesen kleinsten Menschen, die mich sehr anrühren.
Ich erlebe das täglich, denn die Kinder kommen ja nicht einfach so, voller Vertrauen zu mir,
weil ich anscheinend eine nette Frau wäre. Natürlich wollen sie lieber bei ihren Eltern auf dem Schoß sitzen, nah auf dem Körper sein, nah an dem Geruch, nah an der elterlichen Hand, nah allem, was ihnen vertraut ist, nah dem Blick, der sie anders liebt als mein Blick, so gern ich sie auch habe.

Ich mache diese Erfahrung, wie froh kleine Kinder an der Ruhe sind und glaube fest daran, wenn man mehr Ruhe kultivieren würde, dann könnten wir uns viel Eltern- und Kinderleid und viele Umwege ersparen.

 

Was würde dazu gehören, diese Entspanntheit zu kultivieren?

Eltern sagen zu mir oft, und ich meine das in keinster Weise eitel: Sie seien sehr berührt,
was mit dem Kind in den Stunden bei mir passiert, wenn sie spüren, jetzt geht es mir und dem Kind besser. „Mein Kind war noch nie so ruhig wie bei Ihnen … es hat noch nie so gespielt … hat sich noch nie so gezeigt wie bei Ihnen“. Das hat, glaube ich wirklich, mit meinem ehrlichen Interesse an diesem Kind, sei es noch so klein, zu tun. Und wenn man das so weitertragen würde, also weniger am Kind herum bessern oder die Kinder weniger mit Ansprüchen belegen könnte, wäre viel gewonnen. Vieles können die Kinder einfach noch nicht können, stattdessen brauchen sie einfach die Zeit und die Ruhe zu wachsen und sie selbst zu sein.

Das beschäftigt mich immer wieder und macht den Kern meiner Arbeit aus. Wenn es gelingt, Eltern zu zeigen, wie glücklich die Kinder über diese Art des „Sie-in-Ruhe-Lassens“ sind, setzt sich das fort. Es ist mir wichtig, Eltern oder dem Fachpersonal in Kindergärten zu erklären, dass mit Kindern oft einfach schlicht ein Missverständnis besteht, zu viel, zu hohe Förderung, dabei sind sie noch klein.

Sie sind ja auch  Autorin von Erziehungsratgebern, können Sie diese Erfahrungen in Ihren Büchern weitergeben?

Bedingt, aber hoffentlich. Das Schwierige am Bücher-Schreiben ist, dass man eigentlich jeden kleinen Menschen und seine Eltern persönlich und individuell kennenlernen muss. Man kann zwar Grundlagen beschreiben, aber dann ist es doch oft im Einzelfall wieder anders. Man muss jedes Kind wahrnehmen, das ist sehr zentral. Allein dieses ganz individuell wahrgenommen zu werden, ist für Kinder enorm entlastend, und wenn die Eltern dann miterleben, wie viel Ruhe entsteht und man ihnen dann erklärt warum, geht die Faszination für das eigene Kind oft direkt los. Dann nimmt man die Eltern mit in die Begeisterung über ihr Kind so, wie es IST.


Beginnt der Stress tatsächlich schon im Babyalter?

Ja, schon für die Eltern von Babys besteht der Stress oft darin, dass sie hören: „Du darfst das und das ja nicht machen, sonst bleibt das immer so. Du musst dein Kind jetzt gleich daran gewöhnen, dass es dies und das macht, und das und das kann“. Es ist weit verbreitet, dass man die Babys oft früher zu etwas bringen will, wo sie einfach noch nicht sind.

 

Was zum Beispiel wird Eltern von Ihrer Umgebung zugeraunt?

Dein Kind muss alleine schlafen können! Du darfst es nicht so viel herumtragen, sonst verwöhnst du es und wirst es nie wieder los!
Da kann man sowieso nur lachen und sagen: Kein Kind will sein Leben auf dem Schoß der Eltern verbringen, dazu sind Kinder ja von sich aus viel zu neugierig.  Aber man kann auch sachlich dazu sagen, wenn ein Kind innerlich satt ist und alle Bedürfnisse zum Beispiel nach Sicherheit und Nähe gestillt sind, dann geht es in die Exploration, das geht ganz natürlich vonstatten. Satt gestillte und zufriedene Kinder fallen vom Schoß der Mutter wie der reife Apfel vom Baum. Diese Unkenrufe, die noch sehr in unserer Gesellschaft verbreitet sind, die stimmen einfach nicht!
„Du darfst es nicht so oft füttern, wie es Hunger hat.“ “Gib seinen Bedürfnissen nicht nach” ist die Überschrift dieser Stimmen. Es gibt einfach Zeiten, in denen Kinder sehr viel nuckeln wollen und Nähe brauchen, das ist oft nur die Angst vor dem nächsten Schritt. Es gibt diesen Punkt, an dem Eltern sagen „Ich kann nicht mehr, jetzt reicht es“. Dieser Zeitpunkt wird heute nur leider von der Umwelt bestimmt und oft viel zu früh angesetzt, er kommt ganz von selbst, meistens etwas später als die Verwandtschaft, die Nachbarschaft oder wer immer sich da einmischt, denkt. Babys brauchen einfach noch mehr Nähe, möchten ihre Eltern mehr spüren. Eltern, die den Bedürfnissen ihrer Kinder nachgeben, bekommen ein schlechtes Gewissen und Stress, weil sie von außen gestresst werden. Das hat in den letzten Jahren leider wieder zugenommen, dass man wieder strenger geworden ist und die Kinder wieder weniger klein und weniger ganz sie selbst sein lässt.

 

Mit welchen Symptomen kommen die Kinder?

Oft kommen die Eltern, weil die Kinder chronisch unruhig sind und nicht schlafen können.
Was oft auch genau daran liegt, dass es an Nähe fehlt oder das Kind eben nicht angenommen wird, wie es ist. Oder es kommen Eltern, die sich mit dem dauerndem Gezappel und Gequengel und allgemeiner Unzufriedenheit des Kindes nicht mehr zurecht finden. Da beginnt dann meist der Teufelskreislauf: Eltern fühlen sich dann in Zugzwang und denken, sie müssten das Kind mehr fördern, dem Kind mehr bieten. Die Eltern machen dann immer mehr Angebote im Außen statt mehr zu gemeinsamer Ruhe zu finden. Es gilt zu verstehen, dass das Kind eigentlich zu sich und ins Trödeln kommen muss. Ruhiges Verweilen fehlt in so vielen Familien. Da helfe ich den Eltern und zeige ihnen, wie sie in ein ruhiges Verweilen mit dem Kind kommen können.

Wie gelingt das?

Kinder, die in Unruhe sind, zappeln viel, als Reaktion darauf, dass sie am Ende ihrer Kraft sind. Ihnen fehlt besagte Ruhe, dass sie mehr ins Tagträumen kommen. Wenn man Kinder nun zu sich nimmt und sie auf eine bestimmte  Art und Weise gemütlich auf dem Schoß hält, kann das Wunder bewirken.

 


 

Jedes Kind fängt bei dieser gemütlichen Art zu sitzen und die Hände des Erwachsenen gut haltend an seinen Füßen zu spüren an, sich selbst mehr zu spüren. Man stärkt dadurch intuitiv Selbstberuhigungs-Strategien des Kindes: Es nimmt die Hände mehr zu sich, an den Körper, an seine Beine, meistens aber in seine Mitte, zu seinem Mund, oder es nestelt vor sich an etwas herum, entweder nur mit seinen eigenen Händen, oder an einem Bändel der Kleidung, oder am Schlüsselbund oder sonst etwas seiner Eltern, beschäftigt sich ruhig vor sich hin. Sein Blick geht ins Weite oder ist nur so leicht müde. Da merken die Eltern dann plötzlich, dass das Kind gar nicht viel braucht, um zur Ruhe zu kommen, dass es tagträumend vor sich hin spielt. Oft auch plötzlich unverkennbar auch seine Müdigkeit zeigt und gähnt.

Bei einem Kind, dem Physiotherapie verschrieben worden war, weil es den Kopf immer nur in eine Richtung bewegte, habe ich sogar erlebt, dass es durch die Entspannung den Kopf nach beiden Seiten drehte und das innerhalb nur einer Sitzung! Das passiert sehr oft, dass sehr schnell in ein oder zwei Sitzungen bereits deutlich Besserung eintritt. Das freut mich jedes Mal sehr. Und natürlich, wenn ich in der Stadt manchmal Eltern treffe, die mich ansprechen, weil sie mit ihrem kleinen Kind bei mir waren und mir rückmelden, es hätte so viel Gutes bewirkt. Das sage ich nicht aus Eitelkeit, sondern weil es so sehr helfen kann, den überfordernden Stress rauszunehmen.

 

Viele Kinder haben Einschlafprobleme, können Sie auch hier helfen?

Man kann eigentlich sagen, wenn ein Kind nicht ruhig verweilen und nicht Tagträumen kann,
wird es sich auch immer schwer tun mit dem Einschlafen. Denn ruhiges Verweilen und Tagträumen sind die Vorstufen davon, sich in den Schlaf fallen lassen zu können. Einschlafen ist ein Sich-Fallen-Lassen.
Der erste Schritt ist, den Eltern zu helfen, dass sie mehr entspannen können, nicht nur, indem man es ihnen gemütlich macht, sondern auch, indem man auch mit ihnen über alle ihre Sorgen spricht. Kinder spüren, ob ihre Eltern entspannter sind, dann lassen sie auch los, dann fällt ihre Anspannung ab, dann zeigen sie plötzlich Müdigkeit, gähnen, nehmen ihre Hände selbstberuhigend zur Mitte und zum Mund, nuckeln daran, und das ist der Moment, wo man anfangen kann,
den Eltern zu zeigen: So können sie daheim dann beim Schlafen helfen, denn dieses Tagträumen ist die Vorstufe des Einschlafens.

Manchmal bekommen Kinder, wenn sie entspannen, auch Stuhlgang, machen plötzlich in die
Windel, weil sie entlastet sind, und weil jetzt buchstäblich alles in Fluss kommt. Ich bestätige Eltern in ihren Wahrnehmungen dieser körperlichen Anzeichen. Eltern nehmen solche Dinge zwar sehr gut wahr, aber es fehlt daran, sie zu bestätigen. Sie erleben nicht, dass das, was sie wahrnehmen, wichtig ist!

Also erreichen die Eltern ihre Babys und kleinen Kinder über den Körper?

Ja, dass guter, sich gegenseitig wohlig wahrnehmender Körperkontakt enorm hilfreich bei aller Ruhe ist, das habe ich bei meiner körpertherapeutischen Ausbildung gelernt und durch meine eigenen Beobachtungen in den Stunden mit Eltern und kleinen Kindern weiterentwickelt. Es geht darum, das Kind liebevoll, mit gutem Gespür füreinander zu halten. Dazu müssen es sich die Eltern zunächst, wie oben beschrieben, selbst bequem machen, erst dann können sie wirklich entspannt sein, um ihr Kind gut zu halten. Das Halten darf nicht mechanisch passieren, es ist keine Technik, die zu erlernen ist, sondern ein verweilendes “Wir spüren uns und sind ruhig in Kontakt”. Wenn das gewährleistet ist, kann man richtiggehend von außen zusehen, wie das Kind zu sich kommt. Traditionelle Kulturen machen das intuitiv, indem sie die Kinder lange auf dem Körper tragen, also stetig dabeihaben und dann konzentriert ihre eigene Arbeit tun, das Kind spürt jemanden ständig und ist hinten auf dem Rücken in Ruhe dabei und für sich.

 

Funktioniert das auch mit Kindern, die völlig außer sich sind, bei denen man den Eindruck hat, man kommt gar nicht an sie heran?

Ja, guter Körperkontakt hilft allen Kindern! Es geht hierbei um ein freundliches “Einhegen”. Ich sage dann beispielsweise: “Komm’ mal ein bisschen mehr her zu Deiner Mama, Deinem Papa”. Man muss auch den Eltern zu Beginn zeigen, wie sie das machen können, ohne dass das Kind das Gefühl bekommt, ich werde festgehalten. Es darf nicht zur Maßnahme werden, denn das spüren und mögen Kinder gar nicht! Sobald es zu einer Halte-Technik wird, machen Kinder das nicht mit. Kein, auch kein kleiner Mensch, will für eine Maßnahme herhalten, sondern es sollte ein echtes Miteinander sein: “Komm’, spür ’ mal, so ist es doch besser, so ist es gemütlicher, so haben wir mehr voneinander.”
Das ist ja im Spiel genauso: Kinder merken, ob ein Spiel einen pädagogischen Zweck hat oder aus Freude am Einfach-miteinander-Sein mit ihnen gespielt wird. Ja, das ist ein guter Vergleich.
Es muss ein echtes absichtsloses Interesse aneinander sein, das ist die Voraussetzung. Hier muss man den Eltern manchmal erst einmal etwas helfen, damit sie in ein gutes Gespür dafür kommen mit ihrem Kind, in eine gute, man könnte sagen in ruhige Körper-Zwiesprache.

 

Wie gelingt diese Zwiesprache?

Das eine - und das kommt aus meiner körpertherapeutischen Ausbildung - ist, dass es sich
Eltern wirklich bequem machen, um entspannen zu können. Ich sage: die Mama ist die Königin und so wird sie auch bei mir `gebettet`, bequem unterstützt - wie eine Königin! Mir ist kein Weg zu viel, als “unterstützende Dienerin” noch ein Kissen zu holen, oder eine Fußbank, auf die sie ihre Füße setzen kann, dann kann sie sich entspannen und niederlassen. Ich lasse nicht locker, bis die Mütter wirklich bequem sitzen und wirklich ihre Last ins Sofa, in den Sessel abgeben können.

Die Eltern wertschätzen, es ihnen dabei bequem machen, das ist ein so wichtiger erster Schritt. Dann kann man beginnen und den Eltern zeigen, wie man dem Kind behilflich ist, sich auf dem Körper der Eltern niederzulassen. Dann lassen die Kinder sich nieder, und es kann Ruhe einkehren. Ich würde das sehr gerne einmal filmen.  Aber die Eltern kommen oft sehr erschöpft und fertig an, da kann ich natürlich nicht als erstes fragen, ob ich filmen darf.

 

Wie nehmen die Mütter das Angebot an?

Wenn sie darin gut begleitet und bestärkt werden, sehr gut. Ihr Alltag ist anstrengend genug,
nun geben sie jetzt erst einmal die Hälfte ihrer Belastung in den Sessel ab. Ich sage z.B.
“Der Thron hier ist jetzt erstmal dafür da, dass Sie sich hineinfallen lassen”, dabei müssen viele Mütter oft erst einmal lachen und das ist schon mal gut. Durch solche Bilder bekommen sie Wertschätzung und Anerkennung. Oft bin ich die erste, der sie in ganzem Ausmaß erzählen, was alles auf ihren Schultern lastet, wobei sie dann Wertschätzung durch genaues Angehört-Werden erleben.

 

Wertschätzung und  Anerkennung, fehlt sie in unserer Kultur?

Es gibt Kulturen, wo die Mütter noch viel belasteter sind, weil sie bspw. die Schwiegermütter mitversorgen müssen, doch es gibt natürlich Kulturen, die ihre Eltern deutlich mehr unterstützen.

Welches ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für Familien?

Das größte Übel in unserer Kultur ist es, dass es immer noch üblich ist, dass die Männer sehr schnell wieder arbeiten gehen müssen und die Frauen, ohne andere Erwachsene, alleine mit ein oder zwei Kindern zu Hause sind. Viele Mütter mit kleinem Kind sind sehr sehr einsam. Ich habe mich in Tübingen dafür eingesetzt und gute Mitstreiter im „Bündnis für Familie“ gefunden, dass wir vielfach Elterntreffs eingerichtet haben, damit Mütter (aber ebenso gerne Väter), nicht mit Baby oder Kleinkind alleine in ihrer Wohnung sind und vor Einsamkeit die Lust am Kind verlieren, sondern damit sich Eltern wieder mehr zusammentun.


Da ist die Politik auch gefragt, oder?

Ja, natürlich. Tübingen hat hier ein besonders lobenswertes Projekt, ELKIKO (ElternKinderKontakte). Das war die `Mutter` aller Elterntreffs nach dem Motto “Eltern für Eltern”, ausdrücklich ohne pädagogische Begleitung, denn Eltern wollen nicht immer Pädagogen dabeihaben, die ihnen sagen, wie was geht. Das Ziel ist auch hier vor allem, miteinander gemütlich zu verweilen und sich einfach über dies und das zu unterhalten.

Einige Eltern übernehmen z.B. das Frühstück-Machen (mehrfach die Woche gibt es „Brunch“ für Eltern mit noch Kleinen) und federn den Stress derer mit Säuglingen damit etwas ab. Dann wird vielleicht gespielt oder etwas gesungen, die Hauptsache ist auch hier wieder das gemütliche Beisammensein. Entspannen! Kein Anspruch, kein: „Wir müssten etwas …“ , sondern einfach nur zusammen sein und die Seele baumeln lassen.

Wenn das gelingt, können die Kinder entspannen und die Eltern dürfen erleben, wie viel leichter es ist, wenn Kinder unter anderen, vor allem auch unter Kindern sind.

 

Gilt das für alle Kinder?

Natürlich gibt es Babys, die erst einmal Ruhe alleine mit den Eltern haben wollen.  Allerdings hat das Alleinsein eine Kehrseite. Wenn die Mutter sich allein zu Hause einsam fühlt, zeigt sich das Phänomen, dass schon ein Baby beginnt, sich zu sehr auf die Mutter einzustellen, also eher auf die Mutter aufzupassen als bei sich zu sein. Schon sehr kleine Kinder haben sehr feine Antennen dafür, wie es der Mama oder dem Papa geht, also jeweils der Hauptbezugsperson. Dann schlafen Kinder beispielsweise nicht oder schlecht, weil sie mitempfinden, in einem Gefühl sind, sie müssten auf die Mutter aufpassen, damit sie nicht in die Traurigkeit rutscht.
Die kindliche Unruhe hat eben oft auch mit den Eltern zu tun, deswegen ist es so wichtig bei den Eltern anzufangen.
Dass Eltern dann aber heute schnell in den Stress zurück gehen, weil man ihnen zuallererst nahelegt hat, auch mit kleinen Kindern schnell beide wieder zu arbeiten, halte ich für eine ganz fatale Entwicklung.

 

Könnte das auch ein Grund für die Zunahme der  ADHS-Diagnosen sein?

Ich bin der festen Überzeugung, dass meine Arbeit auch etwas Prophylaxe gegen ADHS ist, weil die nächste Sorge bei viel Zappelei die Diagnose ADHS ist (manche Eltern fragen mich das auch sofort, ob es das sei), weil bei aller Anspannung und Belastung die Kinder einfach nicht mehr aus der Unruhe finden. Diese Kinder sind zutiefst erschöpft. Es ist ein Teufelskreislauf, weil die Eltern dann denken, das Kind ist zappelig, es braucht mehr, wir müssen es mehr fördern. Sie denken: „mein Kind ist so neugierig“. Da verwechseln sie etwas, natürlich ist jedes Kind neugierig, aber als Interpretation für die Unruhe ist diese Annahme häufig falsch und der Schluss, ihm mehr bieten zu müssen, ist ein Irrweg.

Wie sieht dieser Irrweg aus?

Oft holen Eltern das dritte oder vierte Spielzeug hervor, klappern mit diesem und jenem. Oder sie fragen sofort: “Hast du Durst oder Hunger?”
Aus Not und Unsicherheit interpretieren sie Bedürfnisse in ihr Kind hinein, die gar nicht da sind, sie haben immerzu das Gefühl, sie müssen fördern. Das hat sich in Eltern sehr festgesetzt durch die PISA-Studie und die jetzige Politik zu Früher Förderung und Früher Bildung.

 

Die Neugier muss nicht durch neue Anregungen von außen beantwortet werden?

Nein, es ist sogar umgekehrt: Wenn man Kinder in diese verweilende Ruhe bringt, werden sie zunächst neugierig bezüglich ganz Naheliegendem, ertasten und spüren ihre Hände und Füße, sie brauchen dann nichts oder nur ganz wenig, nur einen Gegenstand und sind zufrieden. Ihre Neugier richtet sich auf ganz kleine einfache Dinge. Sie können aus sich heraus und in Ruhe die Welt entdecken und spielen vor sich hin.

Ich möchte manchmal am liebsten bei Politikern vorstellig werden und sagen “Ihr macht die Leute kirre“ und man wird eines Tages ein Heer von Therapeut*innen und Psychotherapeut*innen brauchen, um  Kinder im Burn-Out zu heilen. Es braucht etwas ganz anders als Fördern, als Antreiben in Früher Bildung und Dokumentieren von Fortschritten, wie es derzeit bereits in den KiTas verlangt wird, nämlich: ein ruhiges Verweilen und Elterntreffpunkte, die die Eltern aus der Isolation holen und entlasten.

 

Was brauchen Eltern denn dann wirklich?

Sie brauchen oftmals viel mehr pragmatische Hilfe, dass jemand mal mit dem Kind raus geht, dass man schlafen kann oder jemand die Küche aufräumt, damit man sich mit dem Kind hinlegen kann. Junge Menschen müssen heutzutage wegen des Jobs irgendwo hinziehen, wo sie niemanden mehr kennen, deswegen sind junge Familien so einsam, das ist eine große Belastung auf allen Ebenen und wenn dann noch dazu kommt, dass gesagt wird „Du musst möglichst früh wieder arbeiten gehen“, dann ist der Stress vorprogrammiert und genau davon erzählen mir bei Fortbildungen dann auch die Erzieher*innen. Ich gebe Fortbildungen für Kitas, und die Erzieher*innen sind oft sehr froh, dass über Stress junger Familien gesprochen wird und jemand diese Vielfach-Ansprüche an Familien und was das auslöst, mal benennt.

 

Was nehmen die Erzieher*innen denn wahr?

Dass schon die Kleinen nicht mehr können, die Kinder sind müde, sie brauchen einen Schoß, der ihnen vertraut ist. Auch die feinfühlige, hinspürende Fachwelt sagt, nach einem halben Tag ist bei vielen Kleinkindern der Akku leer, länger sollten sie nicht fremd betreut werden.  Auch der Personalschlüssel ist nicht hoch genug und der Personalwechsel ist hoch, dadurch auch der Verlust von Bezugs-Erzieherinnen, also der Bindung für das kleine Kind.  Es arbeiten viele junge Menschen da, die oft nach kurzer Zeit woanders hingehen. Da ist keine anhaltende Bindung für das kleine Kind gewährleistet. Darüber gibt es zu wenig öffentlichen Diskurs, darüber redet kaum jemand.

 

Sind die Kinder also in den Kindergärten und Kitas nicht gut genug betreut?

In der Skala der Kindeswohlgefährdung ist festgehalten, dass es einen Gefahrenpunkt darstellt, wenn eine Mutter schnell nacheinander viele Kinder bekommt, weil man dann davon ausgehen muss, dass sie es nicht schafft, sich ausreichend um vier oder fünf Kleine zu kümmern. Von Erzieherinnen hingegen wird erwartet, dass sie zur Gruppe anwesender Kinder, weiter und weiter alle 14 Tage ein kleines Kind eingewöhnen und versorgen, das kann nicht gehen. Und hier wird fast nie über das Kindeswohl gesprochen. Das kann nicht sein. Jede Mutter, die Vierlinge bekommt, hat Unterstützung, weil man sich einig ist, dass das nicht gehen kann, aber eine Erzieherin betreut zeitweise 6 kleine Kinder, wo selbst 4 oder 5 kleine Kinder einfach zu viel sind. So wird man den Bedürfnissen von Babys und Kleinkindern nicht gerecht. Wenn eine Kollegin krank wird, hat eine Erzieherin 7 oder 8 Kinder. Dazu erleben die Kinder noch den Weggang von Bezugspersonen.

Die Kinder haben keine Wahl, als sich irgendwie anzupassen, denn sie brauchen die Versorgung, das spüren sie, und das ist mit Stress für die Kinder verbunden.

Spüren, beim eigenen Gefühl bleiben zu dürfen, das wäre eigentlich auch Prävention von Missbrauch, oder?

Ja, richtig! Es ist wichtig, dass Kinder feinfühlig sein dürfen und sich melden dürfen, wenn sie ein Bedürfnis wie Hunger oder wie eine volle Windel haben oder auch einfach Nähe brauchen und nur auf den Arm möchten. Und ihre Bedürfnisse müssen von feinsinnigen Menschen wahrgenommen werden. Das ist oftmals aufgrund von Weggang oder Mangel an Fachkräften nicht mehr gewährleistet, und das macht Kinder “wahllos” im  Akzeptieren von Versorgungspersonen. Das ist tatsächlich noch ein wichtiger Aspekt. Wenn wir nicht wollen, dass Kinder später sich leicht überreden lassen, nicht spüren können, was für sie stimmt, sich zu leicht jemandem überlassen, sollten wir sie als Babys und Kleinkinder nicht in solche Situationen bringen.

 

Warum wird über diese Zustände nicht gesprochen?

Weil es zurzeit ein Tabu ist. Der jetzige Zeitgeist verpönt den Platz “Zuhause am Herd” als minderwertig. Renz-Polster hat in seinem Buch “Die Kindheit ist unantastbar” gezeigt, dass diese frühe Betreuung, dieses `So schnell wie möglich alle Erwachsenen an den Arbeitsplatz zurück` von Wirtschaftsinteressen ausging, um u.a. dem Fachkräftemangel unserer Wirtschaft zu begegnen. Hier wurde nicht von den kleinen Kindern aus gedacht.
Wir könnten ja sagen, dass die Arbeit für Kinder auch zu Hause wichtig ist und es viel wert ist, wenn Eltern auch zu Hause sind und sich mit Ruhe kümmern, also das Motto wäre: Lasst uns den Familien Zeit geben. Zunächst sind es häufiger die Mütter, denn in der ersten Zeit, wenn gestillt wird, sind sie es, wenn wir das Stillen wertschätzen und mit Recht bewerben, die zu Hause bleiben. Man könnte also den Müttern Zeit und Ruhe geben, indem man ihnen auch bei längeren Pausen die Rückkehr an die gleiche Position am Arbeitsplatz garantiert; ebenso den Vätern. So könnten sich Babys mit Ruhe entwickeln und langsam von ihren Haupt-Bindungspersonen abnabeln.  Also statt Eltern das Zuhause-Sein und den Platz am Herd schlecht zu reden, sollte man ihnen dort, wo sie gebraucht werden, mehr Zeit, viel mehr Wertschätzung und mehr Zukunftsgarantien entgegenbringen!

 

Wollen Sie die Frau etwa wieder an den Herd schicken?

Wenn ich bei Fort- und Ausbildungen heutige Erwachsenen frage, was mit zu ihren schönsten Kindheitserinnerungen zählt und wie sie ihr Zuhause erlebt haben, dann sagen alle, und das überall in Deutschland, wo ich auch hinkomme, dass es immer schön war, wenn jemand da war, wenn man heimkam und wenn es gut roch und es was zu essen gab. Bingo! Das müssen beileibe nicht nur die Frauen sein, das können auch die Männer, für Kinder so zu sorgen!

Dass man das heute so klein redet, obwohl man weiß, dass die kindliche Entwicklung langsam geht und Kinder viel, viel stete Beheimatung brauchen, finde ich unerträglich. Eltern brauchen gute Bedingungen und Wertschätzung, denn sehr viele Eltern machen ihre Erziehungsarbeit sehr gut, wenn sie dürfen!

Und dass man das alles aus der Bindungsforschung weiß und die Politik nicht danach handelt, das ist etwas, was mich enorm beschäftigt.

Frau Löbner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

www.gelassene-eltern.de

Buchtipps:

Erziehen mit Mut und Muße
Was Babys und Kleinkinder wirklich brauchen

 

Es sind die alltäglichen, die kleinen und großen Momente im Leben mit Kindern, die Eltern manchmal verunsichern oder gar an den Rand der Verzweiflung bringen. Was brauchen Kinder wirklich? Wie konsequent soll man schon bei einem Baby sein, wenn das Schlafen oder Trinken zum Problem wird? Kann man Kleinkinder zu sehr verwöhnen? Was tun, wenn ausgerechnet das teure Smartphone zum begehrtesten Spielobjekt wird? Wie viel dürfen Kinder mitreden und wann sollte man auch einmal streng sein?
Diese und viele andere Fragen beantwortet Ingrid Löbner auf ihre unnachahmliche, erfrischend herzliche und souveräne Art. Erziehung braucht Mut und Muße, so ihre Botschaft. Mut zur Intuition, zur Langsamkeit – und auch die Muße zum Gewähren von kindlicher Langeweile oder endlosem Spiel, am besten in der freien Natur.

Verlag Fischer & Gann, Klappenbroschur, 240 Seiten, März 2017

Gelassene Eltern - Glückliche Kinder

Das moderne Leben verlangt jungen Eltern einiges ab - aber auch deren Kindern. Ein weitgehend durchorganisierter Alltag, selbst der Tag der Kleinsten läuft meist nach Terminkalender ab. Und kommt dabei jemand aus dem Tritt, geht es oft schnell an die Substanz ... Was tun, wenn ein Baby nicht mehr schläft, wenn Kleinkinder nicht mehr spielen wollen, wenn Trotz und Chaos regieren und in der Familie jegliche Ruhe abhandengekommen ist? Die Autorin zeigt mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung, wie man das Leben mit Kindern reibungsloser gestalten kann, warum Respekt, Würde und gute Grenzen der Schlüssel zum besseren Familienklima sind. Sie erklärt, wie Eltern feinfühliger auf ihre Babys reagieren können, warum Kleinkinder mehr Freiraum und mehr Muße brauchen. Und sie brauchen mehr Gelassenheit der Eltern - auch das macht Kinder glücklich!

Verlag Fischer & Gann, gebunden, 270 Seiten, März 2016

 
Das Online-Portal für Eltern

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