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Meine Grenze ist Dein Halt

Wie können Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder wahren und deren Frust begleiten, ohne dabei die eigenen Grenzen zu überschreiten? Nora Imlau lädt dazu ein, darüber nachzudenken, ob Grenzen wirklich hart und streng sein müssen und zeigt, wie wohltuend ruhige Klarheit für die ganze Familie ist und wie Eltern oder Erzieher*innen den Weg zu mehr Entspannung finden.

“Ein Grundbedürfnis besonders von Eltern und Kindern ist das Bedürfnis nach Erholung und Entspannung. Die beste Burnout-Prophylaxe und die beste Grundlage für ein Familienleben, in dem wir freundlich und zugewandt mit unserem Partner*in und unseren Kindern umgehen können, sind klare Grenzen, mit denen wir die Schutz- und Schonräume aller Familienmitglieder wahren.” sagt Nora Imlau.

Nora Imlau ist Autorin mehrerer »Spiegel«-Bestseller, gefragte Vortragsrednerin und Journalistin für Familienthemen in Print- und Online-Medien, u.a. wirkt sie an der Kolumne »Familientrio« in der Süddeutschen Zeitung mit. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für die Rechte von Eltern und Kindern. Ein weiterer Schwerpunkt ist ihre Arbeit mit Schwangeren und Hebammen. Die vierfache Mutter gilt als eine der wichtigsten Stimmen einer neuen Elterngeneration, die ihren Kindern mit Vertrauen und Respekt begegnen will und nach Wegen sucht, die Bedürfnisse der Großen und Kleinen in einer Familie auf liebevolle Weise unter einen Hut zu kriegen. Während der Coronazeit begleitete sie viele Eltern in Workshops bei der Bewältigung der Herausforderungen, die durch die Isolation entstanden waren. Aus dieser Arbeit entwickelte sich die Idee zu ihrem neuen Buch “Meine Grenzen sind Dein Halt”.

Frau Imlau, wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Buch gekommen?

Ich beobachte diese ganze Entwicklung, wie Eltern mit ihren Kindern zusammenleben, schon sehr lange und ich schreibe seit 17 Jahren zu dem Thema. Als ich angefangen habe zu schreiben, hatte ich das Gefühl, dass es mein wichtigstes Anliegen war, Eltern dafür zu sensibilisieren, dass auch Kinder Grenzen haben und dass es wichtig ist, diese zu respektieren und zu wahren. Mittlerweile sehe ich fast das umgekehrte Phänomen: Eltern sind sich sehr bewusst darüber, dass Kinder Grenzen haben und wollen diese respektieren, sich nicht über deren Willen hinwegsetzen und stellen dabei aber ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse völlig zurück. Es kommt mir vor wie eine „Machtumkehr“.

 

Wie kam es zu dieser Verkehrung?

Ich kann auch sehr gut verstehen, wie leicht man in dieses Verhalten hineintappt. Die Eltern wollen alles anders machen als früher, und es fehlt ihnen an Vorbildern für eine ausgeglichene Balance der Bedürfnisse innerhalb der Familie. Es sind oft ganz liebevolle Eltern, die manchmal sehr willensstarke Kinder haben, was ja etwas Großartiges ist, die dann aber teilweise das Gefühl haben, selbst relativ jungen Kindern nichts mehr entgegen setzen zu können. Sie erzählen mir dann beispielsweise “Mein Kind bestimmt, ob wir raus gehen können oder nicht, oder ob wir einkaufen gehen können oder nicht" etc.

 

Sind das die Eltern, die so viel mitbestimmen lassen und eine Auswahl wie im besten Restaurant anbieten?

Ich finde es sehr wichtig, festzustellen, dass wir aus keiner Momentaufnahme schließen können, was das für Eltern sind. Es kann durchaus gute Gründe geben, einem Kind drei Wahlmöglichkeiten von Essen geben und es ist durchaus angemessen, mit einem Kind auch beim Einkauf darüber zu sprechen, was es für Obst in seiner Vesperbox haben möchte. Eine kleine Momentaufnahme gibt uns da keinen Aufschluss darüber. Was mir allerdings Sorgen macht ist, wenn Eltern sich in einer Bedürfniserfüllung selbst verlieren, wenn sie grundsätzlich nicht mehr fragen, was brauche ich, sondern, wenn eine Schieflage entsteht und sich alles nur darum dreht, was das Kind will.

Das habe ich in der letzten Zeit immer häufiger gesehen und spezifisch noch einmal verstärkt in der Corona Zeit, als die Eltern mit den Kindern alleine waren und auch deswegen ein schlechtes Gewissen hatten, weil die Kinder eingeschränkt waren, nicht mehr in den Kindergarten oder hinaus durften, um mit anderen Kindern zu spielen. Da gab es zurecht und verständlicherweise ja auch das Gefühl „die armen Kinder“. Dadurch hat sich vielleicht eben eine Überkompensation entwickelt, das Gefühl, zu den Kindern nicht mehr “nein” sagen zu können, überspitzt gesagt, dass sie dann 12 Stunden Fernsehen dürfen oder unendlich Süßigkeiten konsumieren dürfen, “weil sie das halt jetzt brauchen.” Insofern hat sich dabei in mir das Gefühl festgesetzt, dass wir gerade einer neuen Elterngeneration zusehen, von der ich ein großer Fan bin und von der ich glaube, dass sie Vieles ganz großartig macht und die Eltern-Kind-Hierarchien in Frage stellt, gleichzeitig allerdings Gefahr läuft, über falsch verstandene Bedürfniserfüllung in einen Burnout zu rutschen. Wenn Eltern alle Bedürfnisse ihrer Kinder jederzeit und perfekt erfüllen wollen, beugen sie sich quasi selbst so weit hinten über, dass sie schier einen Purzelbaum machen, um ihre Kinder nicht zu frustrieren.

 

Und dabei heißt es jetzt sogar aus der Richtung der Hirnforschung, gerade durch Frustrationen würden Kinder ja angeblich am meisten lernen?

Ja, da gibt es entwicklungspsychologische Forschung dazu, dass es für Kinder extrem wichtig ist, Bindung und Zugewandtheit zu erfahren und ihre Selbstwirksamkeit auch dadurch spüren zu können, weil das, was sie sagen, einen Unterschied macht. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Kinder die Grenzen anderer Menschen kennen lernen und merken, meine Eltern sind nicht nur Bedürfniserfüllungsautomaten, sondern es sind eigenständige Menschen und haben Grenzen. Kinder müssen zudem tatsächlich auch einen gesunden Umgang mit Frustrationen lernen. Das heißt nicht, dass wir Kinder mit Absicht frustrieren müssen, weil wir mächtiger sind und es können, aber wenn wir versuchen ihnen jede Frustration aus dem Weg zu räumen, dann können unsere Kinder auch nicht in dem geschützten Rahmen Familie die Kompetenz entwickeln lernen, mit Frustrationen und Enttäuschungen umzugehen. Doch genau das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt in der frühen Kindheit. Deswegen war es mir so wichtig, in der Coronazeit Workshops zum Thema “Grenzen” anzubieten, in denen ich Eltern bestärkt und erklärt habe, dass das nun eine schwierige Zeit für uns alle ist, es allerdings jetzt absolut essentiell ist, dass sie ihre Grenzen wahren, weil sie sonst in dieser Belastungssituation vor die Hunde gehen. Dabei sind dann auch dieser Satz und der spätere Buchtitel “Meine Grenze ist dein Halt” entstanden. Er bedeutet, wenn Eltern auf einmal alle Grenzen fahren lassen und alle Regeln auf einen Schlag für obsolet erklären, dann verlieren die Kinder den Halt.

Es war sehr schön, in dieser herausfordernden Zeit mit den Menschen so in Kontakt zu treten und ich habe eine sehr positive Resonanz erhalten und auch im Nachhinein noch viele Mails bekommen. Daraus ist dann die Erkenntnis entstanden, dass das Thema einen Nerv bei vielen Eltern trifft und darüber ein Buch zu schreiben.

 

Gab es nicht schon genug Ratgeber über dieses Thema?

Doch, es gab Bücher, da stand jedoch der Tenor, dass Eltern um jeden Preis Grenzen setzen müssen, weil die Kinder sonst Tyrannen werden, im Vordergrund. Es fehlte aber ein Buch aus einer explizit bedürfnisorientierten Perspektive. Ich blicke sehr liebevoll auf Eltern und auf Kinder und es geht mir überhaupt nicht darum, Eltern zu sagen, sie müssten härter oder strenger werden. Nein! Eltern müssen klar sein und Eltern dürfen ihre Grenzen auch einmal dehnen, sie dürfen sagen, jetzt kommst du mir entgegen, dann komme ich dir entgegen, es geht um Aushandeln und Respekt, nicht um Gewalt!

 

Sie sagen, Kinder kooperieren grundsätzlich gerne. Warum ist das so?

Gerne ist ein schwieriges Wort in diesem Zusammenhang, denn entwicklungspsychologisch ist es ja so, dass Kinder ja so “gemacht” sind, dass sie auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen sind, um zu überleben, sie haben also einen Bindungsmotor einerseits. Andererseits haben sie sehr viele emotionale und körperliche Bedürfnisse, die sie versuchen sich zu erfüllen, also einen Bedürfnismotor. Sie sind intuitiv darauf gepolt, mit den engsten Bezugspersonen um sich herum in Beziehung zu gehen und mit ihnen klarzukommen. Kinder sind zu Kooperation gemacht, weil sie alleine nicht überleben können. Deswegen testen sie auch, um zu sehen, wie gut die Bindung hält. Kinder, die unsicher gebunden sind, rebellieren weniger gegen ihre Bindungspersonen und äußern ihre Bedürfnisse leiser oder gar nicht mehr, sicher gebundene Kinder lautstärker. Das bedeutet aber nicht, dass kooperierende Kinder besser hören. Das wird manchmal missverstanden "übersetzt", es tut was man ihm sagt. Das stimmt so nicht: Ein Kind tut, was die Bindung hergibt bzw. erlaubt.

Man darf aber nicht daraus folgern, dass sich still und schüchtern verhaltende Kinder unsicher gebunden seien, denn es gibt natürlich auch unterschiedliche Persönlichkeiten und Temperamente. Wichtig ist: Auch wenn Kinder uns starke Gefühle zeigen, kooperieren sie mit uns, sie zeigen uns wie es ihnen geht, und wir als Erwachsene müssen den Raum dafür halten und ihnen zeigen “Du bist genau so gut, wie Du bist, und hier sind dennoch die Grenzen". "Du darfst nicht schlagen, treten etc.” Die Gleichzeitigkeit von bedingungsloser Liebe und Fürsorge und das Halten eines Rahmens, in dem die Kinder sich auch orientieren können, ist eine Königsdisziplin, das ist schwer. Viele Menschen haben früher selbst keine guten Vorbilder gehabt, sie kennen nur das eine oder das andere Extrem . Deswegen fällt es vielen Eltern heute auch schwer, diese Rolle einzunehmen, und gleichzeitig traue ich es dieser aktuellen Elterngeneration vollkommen zu, weil das coole Leute sind, die in der Lage sind, sich zu informieren, umzudenken und Glaubenssätze loszulassen. Ich spüre bei den Eltern wirklich eine sehr große Offenheit und Lernbereitschaft, um sich eine die Bedürfnisse gerecht ausgeglichene Elternrolle anzueignen.

Welches sind die Gründe, die es Eltern schwer machen, Grenzen zu setzen?

Viele Eltern haben durch ihre eigene biografische Herkunft nur die Erinnerung an zwei Gegenpole, das nette zugewandte Gesicht, das "ja" sagt, und "nein" ist für sie immer gleich mit Härte verbunden gewesen. Eltern haben wenig Vorbilder, wie man sehr freundlich und klar “nein” sagen und trotzdem verbunden bleiben kann. Es fehlt auch in unserer Gesellschaft eine Sprache dafür, wie man Grenzen respektvoll wahren kann, ohne den anderen zu verletzen. Das ist eine Entwicklungsaufgabe für uns alle, die wir in eine Leistungsgesellschaft sozialisiert worden sind, in der wir oft auch mal dazu getrimmt oder verleitet wurden, über unsere eigenen Grenzen zu gehen, “uns zusammen zu reißen", Müdigkeit oder Erschöpfung nicht zuzulassen, sondern uns zum Weitermachen zu zwingen. Diese Härte uns selbst gegenüber ist schon fast ein Kulturgut. Wenn ich Eltern dann sage: Du darfst Deine Müdigkeit und Erschöpfung spüren und zeigen, ist das eine große Umstellung, ein richtig gehender Paradigmenwechsel, denn viele von uns haben nur gelernt, immerzu weiterzumachen, egal wie es ihnen geht.

Ich habe das Gefühl, dass viele Eltern die autoritäre Erziehung ablehnen und einmotten wollen, weil sie selber so darunter gelitten haben. Doch das Wort “Grenzen” allein ist so autoritär besetzt, dass sie davor zurückschrecken, denn wir assoziieren damit sofort das Wort “Strafe”. Wenn Grenzen verletzt werden, wollen Eltern heute nichts mehr damit zu tun haben. Sie wollen harmonisch ohne Grenzen und Strafen miteinander in Liebe leben. Das ist ein sehr schönes Ideal und gleichzeitig funktioniert es nicht, weil sowohl Erwachsene als auch Kinder Grenzen brauchen. In meinem Buch stelle ich auch die Frage, ob wir vielleicht den Begriff “Grenzen setzen” auch sprachlich hinterfragen müssen, weil er sehr willkürlich klingt, vielleicht ersetzen wir ihn durch den Begriff “Grenzen spüren oder aufzeigen, wahren, kommunizieren”, damit klar wird, dass wir uns nicht von unseren Kindern entkoppeln müssen, indem wir so reagieren, als sei es uns völlig egal wie es dem Kind geht. Wir können eine Grenze wahren und trotzdem in Empathie bleiben und sagen “Ich weiß, das ist jetzt schwer für dich, das merke ich, wie kann ich es dir leichter machen?"

 

Wie können Eltern dorthin gelangen, die Grenze zunächst zu spüren, bevor sie sie setzen?

In meiner Arbeit bitte ich die Eltern ganz basal in sich hinein zu spüren.

Denn viele der Mütter, die den ganzen Tag, circa 12 Stunden oder mehr mit einem oder zwei Kleinkindern alleine zuhause sind, sie schalten ab einem bestimmten Punkt der Erschöpfung auf eine Art Autopilot, sie kochen, wickeln, tragen, stillen usw, sie spüren nicht einmal mehr, dass sie seit Stunden nichts getrunken oder gegessen haben oder dringend zur Toilette müssen. Sie spüren ihre basalsten Bedürfnisse nicht mehr, weil sie in einer Dauererschöpfung und Dauermüdigkeit gelandet sind, sodass sie vergessen haben, dass es auch einen Zustand von Entspannung oder Erholtheit gibt. Für sie ist es normal geworden, immer müde zu sein, dass sie schon gar nicht mehr merken, dass sie ein Schlafbedürfnis haben. Mit diesen Müttern, (denn meistens sind es Mütter, es sei denn die Rollen innerhalb der Familie sind vertauscht und der Mann bleibt zuhause), verabrede ich einen stündlichen Körpercheck, für den sie sich ihr Handy stellen müssen, um in diesem Moment ihren Körper zu checken: Habe ich Hunger oder Durst, bin ich müde, friere ich oder muss ich zur Toilette? Und sich dann die Erlaubnis zu geben, sich die Bedürfnisse zu erfüllen, auch wenn das Baby gerade schreit oder ein Kleinkind quengelt. Die Zeit, sich ein Glas Wasser zu holen oder zur Toilette zu gehen, das muss einfach sein.

 

Das heißt, man darf ein Baby schreien lassen?

Natürlich sollen wir ein Baby nicht schreien lassen, das versteht sich hoffentlich von selbst, aber dieses Dogma, dass ein Baby gar nicht schreien darf, ist in den Köpfen so groß geworden, dass Mütter ihre basalen Bedürfnisse komplett vernachlässigen. Ich darf eine kleine Zumutung an mein Kind verteilen, damit ich ein basales Grundbedürfnis wie Toilette gehen oder Wasser trinken erfüllen kann. Eine Mutter, die hungrig, durstig oder mit dem dringenden Bedürfnis zur Toilette zu müssen, ihr Kind stillt, ist angespannt, und auch das überträgt sich auf das Kind. Vor allem: Wenn ich immer wieder über meine Grenzen gehe und meine Grundbedürfnisse wieder und wieder hinausschiebe, summiert sich das und ich arbeite mich langsam aber sicher in einen Burnout hinein. Es gibt erschreckende Zahlen: Ein Viertel aller Mütter mit Kindern unter 12 Jahren hat nach Erhebungen des Müttergenesungswerks Kurbedarf aufgrund massiver Erschöpfung. Wir sind gewohnt, auf einer individuellen Ebene zu verhandeln, dass die jeweilige Mutter sich mal besser organisieren und sich um sich kümmern sollte. Dabei wird die strukturelle Ebene ausgeklammert, dass wir es als Gesellschaft normal finden und Müttern mit jungen Kindern zumuten, 12 Stunden oder bei Alleinerziehenden ganze Tage ohne Hilfe alleine auskommen zu müssen. Dabei wäre das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das können die Mütter nicht alleine leisten.

Noch schwieriger ist es, an die emotionalen Bedürfnisse von Müttern im oder nahe am Burnout heranzukommen, denn sie können oft gar nichts mehr fühlen. Das ist auch deshalb kritisch, weil mit der Erschöpfung auch die Feinfühligkeit und Empathiefähigkeit sinkt.

 

Wo setzen Sie bei den überlasteten Elternteilen an?

Ich frage sie nach ihrem Traum und wenn der lautet, eine Woche auf die Malediven, dann schauen wir gemeinsam, welches Grundbedürfnis dahintersteht. Ob das der Wunsch nach Ruhe, Abwechslung, Wärme, Durchschlafen, Spaß, Selbstwirksamkeit oder etwas anderes ist. Dann fragen wir, wie könnten Dein Partner und Du oder deine Familie und du das hinkriegen, dass ihr auch hier in deiner Welt Zeit für diese Bedürfnisse findet?

In einer klassischen Rollenverteilung haben die Frauen manchmal ein schlechtes Gewissen, dem Mann, der den ganzen Tag gearbeitet hat, das Kind in den Arm zu drücken, hier muss ich ihnen bewusst machen, dass sie ja auch den ganzen Tag gearbeitet haben. Noch schwieriger ist es natürlich für Alleinerziehende, wo abends gar keiner zur Ablösung heimkommt.

Es gibt einfach nicht die eine Lösung, die allen hilft, doch für Mütter, die so sozialisiert sind, dass sie sagen, ich muss die ersten drei Jahre für mein Kind da sein, ist es ein riesiger Schritt, sich dann trotzdem Unterstützung zu holen und das Kind bspw. drei Vormittage zu einer Tagesmutter oder in die Obhut einer Babysitterin zu geben, ohne diese Vormittage dann mit Arbeit zu verbringen, sondern sich in der Zeit eine Auszeit zu gönnen, um Kraft zu schöpfen.

Für andere ist die Lösung, sich Hilfe im Haushalt zu holen oder bestimmte Standards der Perfektion loszulassen, bspw. dann zu schlafen, wenn das Kind schläft und nicht den Haushalt auf Vordermann zu bringen. Dafür müssen sie oft mühsam lernen, das Bedürfnis nach Schlaf höher zu stellen als das nach einem blitz sauberen Haus. Das ist für viele hart, wenn sie erkennen: "Alles geht nicht mehr.” Eine 200 m2 große blitzsaubere Wohnung, ein Hund, zwei Kinder, das geht einfach nicht, da muss man dann einen Entschluss fassen, weniger arbeiten, eine kleinere Wohnung nehmen, oder weniger Sauberkeit in Kauf nehmen, denn irgendwie muss alles lebbar bleiben. Es ist zwar eine strukturelle Krise, wie ich in meinem Buch beschreibe, aber gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass wir auf der individuellen Ebene handlungsfähig bleiben, weil wir nicht darauf warten können, bis sich gesellschaftlich etwas ändert, denn bis dahin sind die Kinder groß.

 

Was sind sinnvolle Grenzen?

Eine gute Grenze ist zugewandt, klar und entwicklungsgerecht. Wenn ich in meinem Familienleben bestimmte Grenzen wahren will, muss ich natürlich auch darauf achten, wie alt und wie entwickelt das Kind ist, von dem ich diese Zumutung verlange. Ich kann natürlich nicht von einem zweijährigen Kind verlangen, 2 Stunden alleine zu spielen, aber einem 12jährigen Kind kann ich es durchaus zumuten, wenn ich in einer Zoom Konferenz bin. Aber auch wenn es altersgerecht entwickelt ist, gibt es ja auch Varianten. Ich muss immer von der Idee wegkommen, mich und meine Situation mit anderen Familien zu vergleichen, sondern auf meine individuelle Situation sehen. Welche Grenzen sind für mich sinnvoll?

Was ist noch wichtig?

Wichtig ist vor allem auch, hinzuspüren, ob ich gerade die Kraft habe, die innere Grenze zu vertreten oder bin ich so erschöpft, dass ich die gesetzte Grenze sowieso nicht aufrechterhalten kann. Sollte ich bspw. merken, dass bei uns der Medienkonsum gestiegen ist, ich das nicht möchte und ich will von einem Tag zum anderen, dass gar keine Medien konsumiert werden, muss ich auf der anderen Seite die Kraft haben, Alternativen anzubieten, mit dem Kind auf den Spielplatz zu gehen etc. Dann kann es darauf hinauslaufen zu sagen, so wie es gerade läuft, ist es nicht ideal, ich will daran etwas ändern, aber ich fahre den Konsum Stück für Stück zurück und ich suche zunächst nach Wegen, wie ich selbst aus der Erschöpfung herauskomme. Dann kann ich mit großer neuer Klarheit hingehen und sagen, weißt du was, ich war jetzt ein halbes Jahr sehr erschöpft, da sind ein paar Regeln eingerissen, aber jetzt bin ich wieder fit und jetzt möchte ich, dass wir die Medienzeit wieder auf 30 Minuten herunterfahren, wenn du darüber wütend und traurig bist ist, tut es mir leid, aber es ist okay. Ich habe den Raum, dich und deine Gefühle zu halten, ich kann dich trösten, wir können zusammen was anderes machen. Denn oft beobachte ich Eltern, die sehr erschöpft sind und quasi am Boden liegend noch versuchen, Regeln neu zu erfinden, weil sie merken, dass es aus dem Ruder läuft, aber dann keine Kraft haben, die Grenzen zu wahren. Doch vor allem bereits verschobene Grenzen sind nur mit hohem Kraftaufwand zurückzuschieben, da kann es sehr viel sinnvoller sein zu sagen, wir lassen diesen Zustand einfach jetzt noch einen Moment, auf die drei Wochen kommt es jetzt auch nicht mehr an, wir kommen erst selbst wieder zu Kräften bevor wir das angehen. Es ist ein Tabu, das auszusprechen: aber es gibt Zeiten, die nicht dafür geeignet sind Grenzen zu setzen, und sich da unter Druck zu setzen oder setzen zu lassen ist nur kräftezehrend und bringt gar nichts.

 

Also dann letzten Endes doch aufgeben?

Nein, es macht einen Unterschied, ob wir es auf dem Schirm haben oder nicht. Es ist schon sinnvoll, uns bewusst dafür zu entscheiden, dass jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt ist und wir auf die Zeit warten, wo wir es angehen. Denn es sollte ja nicht so sein, dass unser Familienleben dauerhaft ein Zustand von permanenter Überforderung ist. Wenn sich das so anfühlt, dann lade ich die Eltern dazu ein, sich zu überlegen, ob es irgendeine kleine Stellschraube in ihrem Leben gibt, wo sie etwas ändern könnten, um da herauszukommen.

Für viele Mütter beispielsweise ist es undenkbar, die Kinder nicht direkt nach ihrer Arbeit abzuholen, weil das ja “unnötig sei”. Hier ermuntere ich die Mütter explizit, so es die Schließzeiten erlauben, einen Halt einzulegen und vor dem Abholen der Kinder eine kleine Kaffeepause einzulegen. Oder wenn das nicht geht, dann rate ich dazu, mit den Kindern gemeinsam zuhause eine Pause einzulegen. Ein Ritual, bei dem man gemeinsam einen Tee trinkt, eine Kerze anzündet, einen Keks futtert und vielleicht gemeinsam eine Geschichte hört. Mütter können sagen: “Ich lade dich zu dieser Pause ein, wir atmen erst mal durch." Denn wie sollen Kinder, wenn nicht durch Vorbild, lernen, dass Bedürfnisse und Pausen wichtig sind. Viele Eltern haben gar nicht im Sinn, dass es bei solchen Pausen ja auch um Grenzen geht, weil das Vorgehen eher leise daherkommt.

Geht es auch darum, zusammen zu lernen, dass man sich öfter mal entspannen darf?

Eltern haben oft so viele Glaubenssätze im Kopf, was man darf und was man nicht darf: Darf ich wirklich “nein” sagen, wenn das Kind sofort auf den Spielplatz will, ich aber erst einen Kaffee trinken möchte, darf man sofort nach dem zu Hause ankommen und kurz eine Serie gucken, denn besonders der Medienkonsum ist sehr schambesetzt, auch bei Familien, die den Konsum durchaus schon regeln. Ich bitte die Eltern dann darum, sich das Große und Ganze anzugucken, das gesamte Familienleben und dann zu entscheiden, ob es dem Gesamtgefüge gut tut, wenn ich diese oder jenes erlaube oder verbiete.

Eigentlich ist es recht traurig zu sehen, wie viele Eltern Angst haben, selbst gesetzte Korsette zu verlassen, um es sich etwas leichter zu machen. Sie schaffen es nicht, sich selbst die Erlaubnis für etwas mehr laissez-faire zu geben, sondern brauchen eine Instanz, die ihnen sagt, du darfst das jetzt machen.

Und ja, wir müssen nicht immer funktionieren, und Entspannung passiert eben auf unterschiedliche Weise, der eine braucht Ruhe, die andere die Stimulation oder viel Bewegung, ein Kind braucht ein Hörbuch, das andere muss auf dem Spielplatz oder im Park eine Runde laufen

Wir müssen weg von den Dogmen und hin zu einer ganz individuellen Kommunikation über unterschiedliche Bedürfnisse, und dann können wir gute Kompromisse finden, die allen in der Familie gerecht werden.

 

Sie fragen dann “Was brauche ich und was brauchst Du?”

Ja. Das ist die Kernfrage im Leben mit Kindern und meine Erfahrung ist, dass Kinder diesen Blick auf gerecht verteilte Bedürfniserfüllung sowieso schon haben und finden, jeder soll das kriegen, was er braucht. Mein vierjähriger Sohn hat mich neulich, als er mich gestresst erlebt hat, gefragt, "Mama, was brauchst du?”, weil er diese Frage aus unserer Alltagskommunikation so kennt. Meine Kinder sind ganz normale Kinder, auch wild und auch mal schlecht gelaunt, aber wenn ich zu meinen Kindern sage, ich brauche jetzt mal eine Pause, dann fragt mit Sicherheit eines der Kinder “Soll ich dir einen Tee machen, und wenn das der Vierjährige ist, nein natürlich soll er das nicht, der Wasserkocher ist zu gefährlich, aber der Impuls von Fürsorge ist da und ich glaube, wir dürfen Kinder nicht unterschätzen. Sie können wunderbar nachvollziehen, dass man manchmal etwas braucht, denn das kennen sie ja selbst auch. So lernen sie, dass es Belastungsgrenzen gibt und wir Strategien haben, mit diesen Belastungen umzugehen.

Dafür braucht es also das gelebte Vorbild?

Es gibt sehr interessante wissenschaftliche Untersuchungen zum Freizeitverhalten von Frauen und Mädchen und darüber, wie stark sie in den ersten zwölf Jahren das Verhalten unbewusst von ihrem Müttern übernehmen. Wenn Mädchen also ihre Mutter nie ruhen sehen, sie nie Hobbies pflegen sehen, sie nie den eigenen Interessen nachgehen sehen, sondern diese immer an der Care Arbeit sind, dann entsteht bei den Mädchen das Bild, dass das als erwachsene Frauen ihre Aufgaben sind. Das bedeutet, jedesmal wenn eine Mutter auf dem Sofa liegt und liest und eines der Kinder geht vorbei, lernen die Kinder ein gesundes Freizeit- und Erholungsverhalten. Das ist genauso wichtig für Jungs, das zu beobachten. Genauso sehen sie den Papa involviert und dann ruhend. Denn das ist natürlich keine Frage des Geschlechts, es ist für alle Menschen wichtig, mal produktiv zu sein und mal was zu tun. Ganz wichtig: Es gibt keine moralisch hochwertige Art sich zu entspannen, da ist alles erlaubt, was Spaß bringt, auch wenn man die Zeit dann nicht “richtig nutzt”, der einzige Marker für eine gute Pause ist, ob man hinterher entspannter ist als vorher. Eltern müssen nicht noch beim Erholen Leistungsstandards erfüllen!

 

Erstaunlich, das Thema unseres Interviews verschob sich von den Grenzen hin zur Entspannung!?

Das ist kein Zufall und ich glaube, dass das ganz eng zusammenhängt und ich sage oft in meinen Vorträgen, dass unsere persönlichen Grenzen nichts anderes sind als die Außenkanten unserer Bedürfnisse.

Ein Grundbedürfnis von Eltern und Kindern ist das Bedürfnis nach Erholung und Entspannung. Die beste Burnout-Prophylaxe und die beste Grundlage für ein Familienleben, in dem wir freundlich und zugewandt mit unseren Partner*innen und mit unseren Kindern umgehen können, sind klare Grenzen, mit denen wir unser aller Schutz- und Schonräume wahren.

Und es kann weiterhin kein Zufall sein, dass in meinen Grenzen-Workshops die Grenzen, an denen wir am härtesten gearbeitet haben, nicht die erzieherischen Grenzen waren, im Sinne von “Darf das Kind aufs Klettergerüst oder nicht”, sondern es waren die Schonräume für die Eltern wie “Wie wahre ich meinen Raum für meinen Sport, für meine Partnerschaft, für meinen Toilettengang?” Meine Erfahrung zeigt: Wenn Eltern sich diesen Schonraum erobern, dann werden alle anderen Grenzziehungen leichter, weil sie dann die Kraft dafür haben, diese Grenzen zu spüren und zu vertreten.

 Frau Imlau, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Wer mehr über Nora Imlau und ihre Arbeit erfahren möchte, klickt hier:

www.nora-imlau.de

Buchtipps:

Meine Grenze ist dein Halt

Kindern liebevoll Stopp sagen

Was können Eltern ganz konkret tun, wenn sie sich auf dem Spielplatz fast die Füße abfrieren und ihr Kind allen freundlichen Bitten zum Trotz partout nicht nach Hause will? Wie können sie den Frust ihres wütenden Kindes annehmen und begleiten, ohne dabei die eigenen Grenzen zu überschreiten? Nora Imlau ist eine der wichtigsten Stimmen in der deutschsprachigen Erziehungslandschaft. Für einen der Brennpunkte bedürfnisorientierter Erziehung bietet sie neue, überraschende Lösungen.

Sie zeigt, dass Grenzen weder hart noch autoritär sein müssen und dass sie zu wahren nicht automatisch Zwang bedeutet, sondern vor allem wohltuende Klarheit. Und zwar sowohl für die Eltern als auch für ihre Kinder. Autonomiephasen, Stress beim Einkaufen und in der Schule, der gesellschaftliche Druck, wenn Eltern Grenzen so ausdrücken, wie sie es für richtig halten – bei all dem unterstützt die Erziehungsexpertin Mütter und Väter anhand vieler Tipps und Übungen sowie Hintergrundwissen aus Psychologie und Wissenschaft.

Beltz Verlag, Weinheim 2023

Der Familienkompass

Was brauche ich, was brauchst Du?

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Ullstein Verlag, 400 Seiten

 
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