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Wir sehen die Welt nicht wie sie ist ...

Heute lade ich dazu ein, einmal hinter die Fassaden elterlichen Verhaltens zu spickeln und die Welt so ein bisschen größer, menschlicher & friedlicher werden zu lassen.



Susanne sitzt mit ihrem Sohn Tom am Fensterplatz im Zug. Tom bewegt sich viel, will spielen und etwas vorgelesen bekommen. Susanne lehnt alles ab und schaut regungslos aus dem Fenster.
Wie desinteressiert sie ist, das arme Kind, denkt Florentine.
Susanne hat eine Entzündung an einem Zahn, sie kann sich kaum rühren vor Schmerzen. Sie wollte mit Tom ins Museum, aber nicht einmal die Schmerztabletten wirken noch. Sie hofft so sehr, dass sie noch heute zum Zahnarzt kann.

 

Klara ist mit ihren beiden Kindern einkaufen. Beide Kinder sitzen im Wagen, alle drei lachen fröhlich. Als die Mädchen nach etwas fragen und Klara ablehnt, akzeptieren die Kinder das sofort. Klara spricht ruhig und gelassen, erledigt reibungslos den Einkauf, zahlt und geht.
Bewundernswert, daran will sich Martina ein Beispiel nehmen.
Klara war mit ihren Kindern schon vorher in einem anderen Laden. Die beiden Schwestern haben unentwegt gestritten. Klara hat genervt den Laden verlassen und mehrere Dinge vergessen und muss deswegen jetzt noch in diesen Laden. Im Auto hat sie mit den Kindern abgemacht, dass sie zuhause gleich zusammen einen Obstsalat machen, sobald sie den Einkauf erledigt hat.

 

Morgens am Bodensee. Paul liegt abseits schlafend auf einer Decke, während Luise die beiden Kinder mit Picknick & Lesespaß versorgt und in ihren Wasserspielen begleitet.
Typisch, sagt Michaela vor sich hin.
Die Kinder konnten letzte Nacht in der noch fremden Umgebung der Ferienwohnung nicht schlafen. Paul hatte beide die ganze Nacht im Arm und hat sich gekümmert.

 

Beim Abholen im Kindergarten ist Christa immer arg kurz angebunden. Manchmal murmelt sie im Vorbeigehen nur ein kurzes Hallo. Auch nach den Elternabenden schließt sie sich nicht an, wenn die anderen Eltern noch in das Café um die Ecke gehen.
Merkwürdig, beschließen mehrere Mamas.
Christa hatte im vergangenen Jahr zwei Fehlgeburten, die Trauer belastet die Ehe. Christa hält die ausgelassene Stimmung der anderen Familien und deren Geschichten aktuell nicht aus, will sich aber auch nicht erklären.

Alicia vergisst nie etwas. Die Kinder und sie selbst sind makellos gekleidet, die Vesperdosen liebevoll dekoriert, der Geburtstag Wochen vorher organisiert.
Krass wie sie das immer macht, so stark, findet Marisa.
Alicia leidet massiv unter ihrem Perfektionismus und hat sich jetzt sogar Hilfe geholt, um das Thema anzugehen. Sie spürt, dass sie den Druck an ihre Kinder weitergibt, was sie vermeiden will.

 

Marc ist latent dauersauer. Er hat Mühe ruhig zu bleiben, wenn er Sam vom Kindergarten abholt und nicht alles reibungslos läuft, das ist spürbar.
Weiß er nicht, dass Wut Kindern schadet? Das liest man doch inzwischen überall, fragt sich Simon.
Doch, Marc weiß das. Er selbst fand die Wutausbrüche seiner Mutter unerträglich und hatte immer Angst davor. Er gibt sich wirklich Mühe. Doch wenn alle schauen und er sich hilflos fühlt, wenn Sam nicht mitmacht, gerät er unter Druck. Deswegen ist er immer froh, wenn Meli Sam abholt. Schritt für Schritt wird auch er es schaffen, Sam liebevoll zu begleiten, das weiß Marc.

 

Wenn man sich mit Ramonas Kindern verabreden will, finden die Treffen immer draußen statt. Egal bei welchem Wetter schlägt Ramona den Spielplatz als Treffpunkt vor.
Oh man, so kompliziert, findet Merle.
Ramona schämt sich für den Zustand ihrer Wohnung. Sie strengt sich wirklich an, aber oft ist sie so erschöpft, dass sie es einfach nicht mehr schafft so aufzuräumen, dass sie sich mit Besuch wohl fühlen würde.

 

Im Park sausen Marie und Fritz mit ihren Laufrädern im Kreis. Sie rufen immer wieder nach Klaus und fordern ihn auf ihnen zuzuschauen. Er schaut kurz von seinem Handy auf, wendet sich dann aber gleich wieder whatsapp zu.
Markus denkt wie lästig und entfernend diese Handys doch sind.
Klaus schreibt mit seiner Frau Sarah. Sie haben gestritten und wenn er mit den Kindern nach Hause kommt, muss sie bald los zur Arbeit. Sie wollen das aber vorher noch abschließen.

Das alles sind echte Beispiele aus dem echten Alltag von echten Familien. Vorschnelle Urteile über einzelne Situationen oder auch länger anhaltendes Verhalten ohne die Hintergründe zu kennen, sind nicht hilfreich. So oft schließen wir aus einzelnen Momenten, Aspekten oder Verhaltensweisen auf den ganzen Menschen. Oder von einer Beobachtung elterlichen Verhaltens auf die gesamte Elternschaft. Wenn wir aber bei uns selbst schauen, nehmen wir doch auch solche und solche Momente, Phasen und Reaktionen wahr. Mal machen wir etwas grandios, ein andermal finden wir eine mittelgute Lösung. In einem Lebensbereich sind wir organisiert, strukturiert und Experten – in einem anderen haben wir keinen Plan und stolpern so vor uns hin. Wir sollten mit so viel mehr Gelassenheit auf uns, unser Verhalten und auf andere schauen – und uns selbst und anderen gute Gründe unterstellen. Wir sind nicht absichtlich oder aus Bosheit erschöpft, desinteressiert, abgelenkt, unordentlich, perfektionistisch. Vielleicht geht es uns gerade nicht gut oder wir müssen das eben noch lernen. Davon geht die Welt nicht unter und das Kind nicht gleich kaputt. Gewalttätiges und vernachlässigendes Verhalten ist davon natürlich ausgenommen, beides schadet der kindlichen Entwicklung. Wenn wir es uns gegenseitig schwer machen, weil wir uns Negatives unterstellen oder immens hohe Erwartungen an einander richten, dann leiden alle darunter. Die einen unter den Urteilen über sie, da diese auch unseren Umgang mit ihnen beeinflussen und wir selbst, weil wir die gleichen Erwartungen auch an uns selbst stellen.

 

Wir können lernen, vorschnelle Urteile und Zuschreibungen sein zu lassen, indem wir fragend und nichtwissend durch die Welt gehen und überlegen, in welchen Momenten wir selbst auf diese Weise handeln würden. Wann wir selbst regungslos dasitzen wie Susanne oder versunken im Handy tippen oder nicht mit anderen ins Café wollen oder etwas erst abschließen, wenn es perfekt ist.

 

Für unsere Kinder ist es ein Geschenk, wenn sie von uns lernen dürfen, dass Menschen nicht automatisch gänzlich merkwürdig, desinteressiert, perfekt oder böse sind nur weil wir sie in einzelnen Momenten so wahrgenommen haben. Menschen sind vielfältig, komplex und liebenswert menschlich.


Hanna Articus

 
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