Heilsame Geschichten

Caroline Kleibel

Komm mit auf die Geschichteninsel

„Wer wurde im Mittelalter in jede Burg eingelassen?“, fragt Thomas Brezina. Und der beliebte Kinderbuchautor gibt sich die Antwort gleich selber: „Der Erzähler, der die besten Geschichten wusste. Geschichten, die die Menschen interessiert, fasziniert und berührt haben, die Neuigkeiten aus der Welt brachten, die oft Aspekte des eigenen Lebens angesprochen haben und hilfreiche Lösungsvorschläge anboten.“

Wer wird heute am liebsten in jedes Kinderzimmer eingelassen? „Eltern und Großeltern, die Geschichten erzählen können“ , weiß Helga Kernstock-Redl. Die Psychotherapeutin und Mutter von zwei Kindern hat ein Buch geschrieben, das von der Bedeutung des Erzählens, des Heilens und Tröstens, des Stärkens und Ermutigens von Kindern durch Geschichten handelt. Wer seinem Kind etwas wirklich Gutes tun will, so sagt sie, sollte unbedingt das Geschichtenerzählen zu einem fixen Bestandteil des Handelns machen, denn: „Es gibt nichts anderes, was auf so einfache und sichere Art eine Vielzahl von positiven Auswirkungen hat.“

Den Einwand: „Geschichten erzählen, das kann ich nicht“, lässt Helga Kernstock-Redl nicht gelten. Es sei leichter als Fahrradfahren, meint sie. Man brauche dazu nur die richtige Technik und ein wenig Geduld. Manchmal auch Stützräder zu Beginn in Form einer Vorlese-Geschichte. Wertvolle Tipps dazu finden sich in ihrem Buch.


Helga Kernstock-Redl:

Heilsame Kindergeschichten

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öbv&htp Verlag, Wien 2005, ISBN 3-209-04759-6.


Geschichteninseln aufbauen
Wem es nicht gegeben ist, wie von selbst ohne besondere Planung einen optimalen „Geschichteninselzustand“ aufzubauen, sodass Kinder gerne zuhören, für den hat Helga Kernstock-Redl die eine oder andere praktische Anregung parat. Zunächst einmal geht es darum räumlich einen guten Erzählplatz, eine „Insel“ eben, zu schaffen: Diese „Geschichteninsel“ kann eine Ecke auf der Couch sein oder im Bett. In fremden Räumen, im Wartezimmer, im Autobus, reicht oft schon eine bestimmte Sitzhaltung, bei der die Erzählerin, der Erzähler mit dem Rücken oder den Armen einen Bereich abgrenzt. Jeder Besuch der „Geschichteninsel“ soll einen klaren Anfang und ein deutlich markiertes Ende haben: „Möchtest du eine Geschichte hören?“ „So, nun ist diese Geschichte vorbei.“ Dazu kommen noch die konkreten Einleitungs- und Abschlusssätze. Helga Kernstock-Redl rät zur „Landung auf der Geschichteninsel“ zu einem bestimmten Einstiegszaubersatz. Dieser – schon bald Lieblingssatz – erleichtert dem Kind das Loslassen des Gewohnten und Ankommen in der kreativen Geschichtenwelt, das Einschwingen auf neue Arten des Fühlens und Denkens. Der Satz kann dabei ruhig eine kleine Irritation enthalten und nachdenklich machen: „Es war einmal und es war einmal nicht ein kleiner Bär...“ Oder: „In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, vielleicht an einem Tag wie heute oder auch nicht, also genau in so einer Zeit lebte einmal...“ Oder: „Vor 300 Jahren, gerechnet von deiner Geburt an nach rückwärts, also insgesamt von heute aus gesehen vor 305 Jahren...“ Wiederholungen und Reime wiederum geben dem Erzählten Rahmen und Rhythmus: Wer würde sich nicht erinnern an „den Wind, den Wind, das himmlische Kind“ – Die stimmliche Betonung von Schlüsselworten – „und plööööööötzliiiiich geschah es“ – oder eine Serie von Bewegungen – dreimal klatschen oder nicken – helfen dem Kind, ganz bei der Sache zu bleiben. Überhaupt empfiehlt Kernstock-Redl, möglichst viele Sinnesempfindungen in die Geschichte einzubauen: „Erzählen Sie daher von Geräuschen und Gerüchen, von Empfindungen in den Händen oder auf der Haut, vom Kribbeln oder der Schwere, von all den Dingen, die ein Gefühl im Herz oder Bauch machen kann, von Bildern und Farben und auch von möglichen Gedanken.“Beim Verlassen der „Geschichteninsel“ dient ein immer gleicher Schlusssatz als Zeichen zur Abfahrt: „...und schau, schau, schau, der kleine Bär...“. Ein bewusst gewähltes Ritual wie Licht abdrehen, Wasser trinken, sich umarmen gibt das Signal für das Wiedereintauchen ins Alltagsmeer und platziert das Kind gut und sicher zurück in der Realität.

Ende gut, alles gut„Eine gute Geschichte muss mit der Schilderung einer positiven Situation beginnen, im Mittelteil kommt dann die Katastrophe oder Schwierigkeit, gefolgt von einem Lösungsweg, und am Ende wird wieder ein positiver Zustand hergestellt“, fasst Helga Kernstock-Redl den Aufbau kurz und bündig zusammen. Wirklich gute Geschichten – von Phantasiefiguren genauso wie wahre Begebenheiten - haben immer gute, stark machende Botschaften. Sie holen ein Kind dort ab, wo es steht – sprachlich, emotional, inhaltlich. Sie sind interessant von ihrem Aufbau her und weil ein Kind etwas von seinem eigenen Leben darin wieder findet.

Sowohl vergangene als auch zukünftige Problemsituationen lassen sich in indirekter Form aufarbeiten. Eine Geschichte kann etwas „in Ordnung“ bringen, verstehbar machen und abschließen. Sie kann aber auch vorausschauend eine mögliche Problemlösung in die kindliche Gedanken- und Gefühlswelt hineinstellen: Ein Krankenhausaufenthalt, ein Umzug, eine schlechte Note kann besser gemeistert werden, wenn das Kind schon vorher weiß, wie so eine „Geschichte“ ausgehen kann.

„Alles, was einem Kind gefällt, ist in irgendeiner Form gut, denn etwas davon ist brauchbar, es fasziniert oder interessiert. Das gilt auch für Geschichten in Fernsehserien, wobei natürlich das Problem daran sein kann, dass neben dem Guten - z.B. mehr Selbstwertgefühl durch Identifikation mit dem Starken - sehr viel Schlechtes - z.B. Kämpfen als einzige Problemlösung - transportiert wird und sich aufgrund 100facher Wiederholung unweigerlich im kindlichen Denken verankert. Daher ist elterliche Fürsorge und Auswahl so wichtig, sowohl beim Inhalt als auch bei der Menge: Kämpfen ist tatsächlich eine mögliche Problemlösung, aber es gibt noch viele andere Möglichkeiten. Doch woher soll ein Kind diese kennen? Man kann nicht alles vorleben, doch zumindest erzählen kann man darüber“ , ist Helga Kernstock-Redl überzeugt.Und ihr Resümee: „Wir Erwachsene werden im Erzählen intensiv dazu aufgefordert, uns in die Kinderwelt einzufühlen und zu erforschen, welches Thema jetzt gerade interessant ist – Kinder verweigern gnadenlos Geschichten, mit denen sie nichts anfangen können. Wir verstehen danach ein Kind besser – und das Kind unsere Welt. Geschichten zu erzählen, lässt sich erlernen. Und Kinder freut es, wenn einmal wir Erwachsenen ihnen zuliebe etwas lernen wollen und es nicht umgekehrt fordern. Das gehört dann zu den kleinen, feinen Erinnerungsgeschichten, aus denen sich eine glückliche Kindheit zusammensetzt.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der österreichischen Frauenzeitschrift "Welt der Frau", 9/05, www.welt-der-frau.at

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