Erst Bindung, dann Bildung

Wie Krippenerziehung auf Kinder wirkt

Eine Tagung in Frankfurt befasste sich mit dem Wohl des Kindes

Neuen Zündstoff in die aktuelle Diskussion um die Krippenbetreuung von Kleinstkindern brachten internationale Forscher und Fachleute, die auf Initiative des Familiennetzwerks am 4. und 5. Mai in Frankfurt tagten und sich in klaren Worten zu dem Thema „Weniger Staat - mehr Eltern. Wer erzieht unsere Kinder?“ äußerten.

Der emeritierte Münchener Professor der Sozialpädiatrie und Gründer des Kinderzentrums in München, Theodor Hellbrügge, eröffnete den Kongress und wies nachdrücklich darauf hin, dass jedes Kind die Mutter als primäre Bindungsperson in den ersten drei Jahren braucht. Laut Hellbrügge kommt Betreuung von Kleinstkindern frühestens im Alter ab 1 ½ Jahren, am besten aber erst ab drei Jahren in Frage. Er plädierte dafür, nacheinander erst den Mutterberuf und dann den Erwerbsberuf auszuüben. Auf Hellbrügge gehen Sozialpädiatrische Zentren in aller Welt zurück und er ist der Vater der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, die in Deutschland für kleine Kinder Pflicht sind.

ProfHellbrüggefamiliennetzwerkfrankfurtkleinAufklären über Elternschaft bereits in der Schule

Der Brite Sir Richard Bowlby, dessen Vater schon in den fünfziger Jahren die Bindungstheorie begründet hatte, zeigte Erkenntnisse der Bindungsforschung und der Entwicklungspsychologie auf und forderte, dass ein Kind erst dann von anderen Menschen betreut wird, wenn es bereits eine Bindung zu einer festen Bezugsperson hat und diese als sicher empfindet. Schon in den Schulen sollte seiner Meinung nach über die Wichtigkeit der Mutter-Kind-Bindung und über die Konsequenzen der Fremdbetreuung im Kleinstkindalter aufgeklärt werden.

Der australische Pionier der Familientherapie Dr. Steve Biddulph unterstrich, es gäbe keine wissenschaftlichen Ergebnisse, die für eine Betreuung von Kleinstkindern unter drei Jahren außerhalb der Familie sprechen. Man kann den Schaden einer Fremdbetreuung nur dann abwenden, wenn der Betreuungsschlüssel von drei Kindern auf eine Erzieherin gewährleistet ist, eine sichere Bindung und Vertrauen zu einer primären Person besteht und eine lange Eingewöhnungszeit mit der sekundären Bindungsperson stattfinden könne.

Auf die Frage aus dem Publikum, warum sich die teils 50 Jahre alten Erkenntnisse aus der Bindungsforschung so schlecht und langsam verbreiteten, meinte der Bindungsexperte: „Vielleicht ist es so, dass diejenigen, die unsere Ergebnisse weiter tragen und verwerten könnten, Bindungsdefizite aus ihrer Kindheit haben und unsere Forschungen aus unbewusster persönlicher Betroffenheit von sich weisen müssen.“

AnnaWahlgren  familiennetzwerk frankfurtkleinGebraucht werden ist wichtig!

Die schwedische Autorin Anna Wahlgren warnte davor, Eltern, die eine bezahlte Kinderzeit nähmen, ins gesellschaftliche Aus zu manövrieren. Im Hinblick auf die hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen rief sie dazu auf, statt in einer künstlichen Welt, in der sich alles nur um das Kind dreht, zu leben, „Familien und Kinder an Arbeitsprozessen teilhaben und lernen zu lassen, denn der Mensch, ob groß oder klein muss das Gefühl haben,dass er gebraucht wird, muss merken, dass die anderen ohne ihn schlechter dran sind und dass er seinen Beitrag zur Welt leistet“.

Mit dem Herzen erziehen ...

Text der ersten Spalte Text der zweiten Spalte.Professor Gordon Neufeld, einer der führenden Entwicklungspsychologen in Kanada und den USA, der auf eine jahrzehntelange Erfahrung aus eigener Praxis und aus seiner Arbeit mit jugendlichen Straftätern blicken kann, warnte eindringlich vor der in vielen Elternkursen oder von Kinderärzten empfohlenen Methode des „Time-outs“, wobei ein Kind für einige Zeit alleine in sein Zimmer geschickt wird, um dort sein Problem alleine zu bewältigen, als zu verletzende Erfahrung. Auch sollte man nicht damit drohen, dem Kind etwas zu entziehen, woran es sehr hängt. Denn wer kann jemanden lieben, der ihm das Liebste nehmen will? Die drei Schlüssel zu einer guten Erziehung seien: Intuitiv miteinander zu sprechen, wahrhaftige (authentische) Beziehungen zu leben und ein weiches Herz zu haben. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen fasste er ganz unprätentiös zusammen: „Ich muss das Herz meines Kindes besitzen, um ein guter Vater zu sein.“

familiennetzwerk-frankfurtTagungMai 2007klein„Erst Bindung, dann Bildung“

Dieser Satz war der gemeinsame Nenner aller Diskussionsbeiträge, denn wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass sich bei Kindern unter drei Jahren während einer Trennung von der Mutter der Cortisolspiegel erhöht. Cortisol ist der Indikator für Stress und nur für Notsituationen gedacht. Bleiben die Cortisolwerte über längere Zeit erhöht, wie bei Krippenkindern nachgewiesen, geht das zu Lasten einer gesunden Kindesentwicklung, da die Wachstumshormone gehemmt und das Hirnwachstum geschwächt wird. Diese Defizite gehen letztlich zu Lasten der Gesellschaft, die sich mit den Konsequenzen wie Lernstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und Suchtkrankheiten auseinandersetzen muss.

Auch das soziale Verhalten und Werte wie Hingabe und Empathie werden in den ersten Lebensjahren erlernt, und zwar dort, wo wirkliche Bindung stattfindet, nämlich zwischen einer Mutter und ihrem Kind, erklärt Monika Steuer, Kinderärztin und Vorstand des Familiennetzwerkes. Und Bindung hat auch etwas damit zu tun, wie viel Zeit wir für unsere Kinder haben. Denn „ohne Quantität auch keine Qualität“.

In diesem Sinne äußerte sich auch die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie Buchautorin Christa Meves in ihrem während des Kongresses verlesenen Grußwort und nannte Liebe und Erziehung in der Familie „die entscheidende Stimulanz der Gehirnentwicklung“ unserer Kinder.

„Mein Kind hat mich verändert“ – und das ist auch gut so!

altProfessor Pechstein, der bedauerte, dass „wir uns auf dieser Tagung nur damit beschäftigen, was dem Kind gerade noch nicht schadet“, kritisierte die gesellschaftliche Haltung, in der „das Wohl des Kindes und die Leistung der Mütter negiert, und die wissenschaftlichen Erkenntnisse ignoriert werden“.

Die meisten Kinder zwischen drei und vier Jahren gingen ohne Angst und gerne in einen Halbtageskindergarten, sagte er. „Ohne das Ansehen der Krippenerzieherinnen schädigen zu wollen“ unterstrich er, „dass Untersuchungen zeigten, dass die meisten Eltern ihre Kinder in den ersten Lebensjahren selbst betreuen wollen, wenn sie können.“ Tatsächlich ist in Schweden nach der Einführung von Elterngeld die Zahl der in Krippen betreuten Kinder drastisch gesunken. Statt der Schaffung von neuen Krippenplätzen riet Pechstein Familienministerin von der Leyen zu einer umfassenden Aufklärung der Eltern über die gesundheitlichen Gefahren der Krippenerziehung auf der Basis der wissenschaftlichen Untersuchungen, zur Zahlung von Elterngeld und zu der ordentlichen Sanierung der vorhandenen, teils desolaten Krippenplätze mit einem Schlüssel von einem Kind auf drei Erzieher..

Die Tagung appellierte an Politik und Gesellschaft, Frauen die Rückkehr in den Beruf nach einer bezahlten Kinderzeit beispielsweise durch die Schaffung eine Mütterakademie möglich zu machen. Wenn Eltern sagten, „mein Kind hat mich verändert“, sei es genau das, was Kinder wollten und brauchten. „Ein Kind will verändern, will den Eltern etwas bedeuten“. .

„Rufer in der Wüste“?

Natürlich liegt keine dieser Aussagen im Trend und sie klingen besonders antiquiert, wenn sie von angegrauten Professoren vorgetragen werden, die im Anschluss an ihre Vorträge ihren Frauen für 44 Ehejahre danken und dafür, dass sie zu Hause geblieben sind, um die gemeinsamen Kinder zu erziehen.

Doch hinterfragt man, ob Arbeit und Selbstverwirklichung während der Kleinkinderzeit wirklich eine Errungenschaft sind, oder eine Folge von wirtschaftlichen Interessen und Strukturen, wie Anna Wahlgren es vermutet, eröffnet sich ein anderer Blickwinkel.

Zuhoererklein7b0560-20070505-17479familiennetzwerk-frankfurtWie immer man auch darauf blicken mochte, es war schwer zu übersehen, dass durch die Redner in diesem Hörsaal V der Frankfurter Goethe Universität über viel Fachwissen verfügten und die Sorge um und die Achtung für das Leben und Wohl des Kindes von Kindern im Mittelpunkt ihres Interesses standen.

Wenn Sie sich für den Wortlaut der Vorträge interessieren: Alle Beiträge dieser Tagung finden Sie im Wortlaut auf der Webseite des Familiennetzwerkes.

Die Tagung endete mit dem Frankfurter Appell für das Kindeswohl, den Sie ebenfalls auf den Seiten des Netzwerkes finden können.

 

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