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"Welche Geschenke brauchen unsere Kinder?"

Gerald Hüther/André Stern
„Welche Geschenke brauchen unsere Kinder?“

„Die meisten Geschenke sind fragwürdige Verführungen“, sagen der Hirnforscher Gerald Hüther und der Bestsellerautor André Stern, “sie rauben Kindern die Kraft, ihre Begabungen zu entfalten und ihr Leben selbstständig und eigenverantwortlich zu gestalten“. Warum das so ist, und wie Eltern ihre Kinder sinnvoll beschenken können, erfahren Sie in diesem Interview.

Gerald Hüther ist einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. Er hat zahlreiche Bestseller über Entwicklung und Potentialentfaltung geschrieben, hält Vorträge und berät Politiker und Unternehmen. 2016 gründete er die Akademie für Potentialentfaltung. www.gerald-huether.de

André Stern, Sohn des Forschers und Pädagogen Arno Stern, in Paris geboren und aufgewachsen, ist Musiker und Autor sowie ein international gefragter Referent. Er ist der Autor der Besteller „…und ich war nie in der Schule“, „Begeisterung“, „Werde, was du warst“ und anderer Ratgeber. www.andrestern.com

 

Sie sagen in ihrem Buch, wir machen Kindern Geschenke als Belohnung für gute Leistungen oder solche, die mit bestimmten Absichten verbunden sind. Wenn es so wäre, was ist denn daran so falsch?

Wenn Eltern sich wünschen, dass ihr Kind sich auch später im Leben immer dann besonders anstrengt, wenn es für seine Leistungen belohnt wird, dann ist es völlig richtig, damit schon so früh wie möglich zu beginnen. Solche Eltern müssten sich nur darüber im Klaren sein, dass all das, was das Kind dann und auch später im Leben macht, was es zu lernen und zu erreichen versucht, nicht von dem Kind selbst so gewollt wird, sondern dass es dass alles nur macht, weil es diese Belohnungen bekommen will. Manche Schüler strengen sich dann so sehr an, dass sie sogar sehr gute Leistungen in Mathe erreichen, aber Mathe selbst interessiert sie nicht wirklich. Nur die Belohnung in Form guter Zeugnisse. Und wenn sie die nicht erreichen, haben sie das Gefühl, ein Versager zu sein. Sie sind dann von den Belohnungen abhängig geworden. Diese Art von Abrichtung durch Belohnungen, also durch Geschenke, funktioniert zumindest eine Zeitlang auch ganz gut, aber glücklich werden die Kinder so nicht, weil sie ständig versuchen, noch mehr Belohnungen zu bekommen. Später geht es dann um berufliche Aufstiegschancen und sogenannte Incentives  [„Anreize“: Prämien, Rabatte u.ä. – Anm. der Red.].

 


Halten Sie Kinder für „durch Geschenke bestechlich“?

 

Für bestechlich vielleicht nicht, aber für verführbar. Viele Erwachsene sind ja selbst verführbar, sie möchten mit dem, was andere erreicht haben und besitzen, mithalten und wollen, dass ihre Kinder nicht abseitsstehen. Aber es gibt ja auch Kinder, die überhaupt nicht durch Geschenke verführbar sind, solche wie Pippi Langstrumpf zum Beispiel oder Huckleberry Finn. Das sind richtig starke Kinder. Die wissen, was sie wollen und die lassen sich nicht durch Geschenke dazu verführen, etwas zu tun, was sie nicht selbst wollen, sondern was andere von ihnen erwarten.

Weil es aber nur wenige Kinder gibt, die so sehr bei sich sind, fallen sehr viele auf das herein, was die Hersteller und Verkäufer von Geschenken nur allzu gut wissen: zum Beispiel, dass vor allem kleinere Kinder natürlicherweise sehr anfällig für alles sind, was schillert und blinkt oder Geräusche macht wie z.B. Smartphones oder Tablets, die auf Knopfdruck bunte Bildchen und Filmchen zeigen. Das fesselt die Aufmerksamkeit von Kindern sehr leicht. So funktioniert und gelingt Verführung. Eltern und Erzieher haben kaum eine Chance, Kinder davon fernzuhalten, denn sie sehen solche „Spielzeuge“ ja überall, in der Werbung, bei ihren Freunden, oft sogar bei ihren eigenen Eltern.

Was ist so schlimm an blinkenden oder geräuschvollen Spielzeugen oder Smartphone- und Tablet-Spielen?

Kinder sind die geborenen Entdecker. Sie wollen herausfinden, wie das Leben geht und müssen Erfahrungen aus erster Hand machen, um diese dann als Lernerfahrungen in ihrem Gehirn zu verankern. Deshalb versuchen sie von ganz allein und aus sich heraus, nach Dingen zu greifen,  sie zu ertasten, sie in den Mund zu nehmen, sie zu drehen und zu wenden, eben immer und überall auszuprobieren, was alles geht und wie es geht. Sie machen das spielerisch und erproben dabei z.B. verschiedene Materialien wie Holz, Wasser, Sand. Sie wollen spüren und riechen, mitreden, singen und sich bewegen. Der Impuls oder die Motivation dazu kommt dabei immer aus ihnen selbst heraus. Wenn sie ihnen aber von außen vorgesetzt werden, kommt bei ihnen von innen zwangsläufig immer weniger heraus.

Deshalb ist das freie, unbekümmerte und ungelenkte Spiel des Kindes so wichtig. Beim Drücken eines Knopfes passiert im Gehirn wenig. Das Belohnungssystem wird kurz stimuliert und das Kind wünscht sich Wiederholung. Das macht es aber abhängig von solchen äußeren Stimulationen und ist nicht vergleichbar mit der tiefen inneren Erfüllung und dem Glück, das ein Kind erlebt, wenn es sich selbst etwas ausgedacht, es dann ausprobiert und schließlich sogar geschafft hat. Den strahlenden Blick, den Kinder dann haben, kennen Sie sicher alle.

 

Ist es nicht verständlich, dass Eltern wollen, dass ihre Kinder bekommen, was andere haben, um dazuzugehören und in der Zukunft „wettbewerbsfähig“ zu sein?

Natürlich! Kinder wollen dazu gehören und lernen, wie das Leben geht. Sie wollen gestalten und zeigen, was sie können. Sie können nur darauf hoffen, dass sie Begleiter haben, die ihnen auf diesem Weg helfen, weil sie selbst erkannt und verstanden haben, wie man eigenständig spielt, lernt und aktiv lebt. Sind Eltern selbst als Kinder verführt worden, laufen sie Gefahr, auch zu Verführern zu werden. Wenn man schon als Kind lernen muss, dass man nur dann von anderen angenommen wird und zu ihnen dazugehören darf, wenn man deren Erwartungen erfüllt, ist es sehr wahrscheinlich, dass man das ganze Leben damit verbringt, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Das ist ziemlich anstrengend. Und glücklich wird man so auch nicht.

Welches ist das wichtigste Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können?

Was wir unseren Kindern als Geschenk mit auf den Weg geben könnten, ist das tief in ihnen verwurzelte Gefühl, dass sie so, wie sie sind, völlig richtig sind. Dass sie sich nicht anstrengen müssen, ihre beiden Grundbedürfnisse, das nach Verbundenheit und das nach eigenen Gestaltungsmöglichkeiten zu stillen. Dann können sie auch ihr angeborenes Vertrauen zu sich selbst bewahren. Was sie also brauchen, wäre eine aufrichtige und liebevolle Begleitung. Liebe ist eine Haltung, die Entwicklung ermöglicht.

 

Wie schaffen Eltern das?

Jedes Kind braucht die Gewissheit, dass es so etwas wie einen sicheren Hafen gibt, wo es so geliebt wird, wie es ist. Dann können sie sich hinauswagen und ausprobieren, was sie können und was es zu entdecken gibt. Solange sich ein Kind geliebt und verbunden fühlt und weiß, dass es notfalls zurück kann und dort Sicherheit findet, wird es voller Selbstvertrauen in die Welt gehen, mit all seiner angeborenen Entdeckerfreude und Gestaltungslust.

 

Wie machen Kinder ihre wichtigsten Lernerfahrungen?

Kinder lernen im Spiel. Das junge Gehirn strukturiert sich und formt seine Nervenzellvernetzungen anhand der Erfahrungen aus, die ein Kind macht, wenn es ausprobiert, wie etwas geht. Deswegen ist es wichtig, dass Kinder so oft wie möglich frei und unbekümmert, auch ungelenkt von Erwachsenen spielen dürfen, viel ausprobieren können und Fehler machen dürfen, bis sie selbst erfolgreich sind und gelernt haben, wie etwas geht. Es ist wichtig, dass sich diese positiven Erfahrungen verfestigen, damit sich das Kind in seinen Stärken als wirksam erlebt.

Und das genügt, um später im Leben zu bestehen?

 

Wir wissen doch alle, wie erfüllend es sein kann, wenn wir uns mit etwas beschäftigen, das uns wirklich interessiert, weil es uns „liegt“. Immer dann vollbringen wir wie von selbst Höchstleistungen, ohne uns wirklich anstrengen zu müssen. Es macht einfach Freude, auf einem Gebiet immer mehr hinzuzulernen, sein Wissen und Können zu vervollständigen. Wäre es dann nicht ein wunderbares Geschenk, wenn wir den Kindern helfen würden, das zu erleben? Wenn Kinder in ihrem Element sind, tritt alles zutage, was in ihnen schlummert. Dann werden auch ihre Talente sichtbar, und wir erkennen das Wesen und die Veranlagung unserer Kinder in ihrer schöpferischen Tätigkeit.

 

Wie können Eltern ihren Kindern helfen, im Leben zu bestehen?

Kinder bringen alles, was sie dafür brauchen mit auf die Welt. Es ist ihre unbändige Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten. Mit Hingabe alles Mögliche zu entdecken und zu gestalten ist genau das, was sie tun, wenn sie spielen: Quasi aus nichts, aus den einfachsten Mitteln wie Stöcken und Steinen, aus Tüchern und Fäden schaffen sie sich kleine Welten, imitieren das Leben der Großen, erproben sich im Abenteuer. Sie würden am liebsten die ganze Zeit nur spielen, wenn es nach ihnen ginge.

 


Was steht dem im Wege?

Leider sind viele Erwachsene noch immer der Meinung, das Spielen sei gegenüber den vielen „ernsten“ Tätigkeiten, die sie ihren Kindern beibringen wollen, eher unwichtig. Wer das glaubt, wird dann auch bedenkenlos ein Kind beim Spielen unterbrechen, weil er meint, dass es jetzt an der Zeit sei, etwas Wichtigeres zu machen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die davon überzeugt sind, dass Spielen wichtiger ist als Schule. Oder dass ein selbst zusammen gebautes Moped ein ebenso aussagekräftiges Lernergebnis ist, wie eine gute Schulnote. Viele Erwachsene und deshalb auch deren Kinder sind vorrangig damit beschäftigt, etwas zu tun, was in den Augen anderer Personen als „wichtig“ und „relevant“ gilt und gesellschaftliche Anerkennung verspricht. Weil das den Kindern meist nicht liegt, interessiert es sie auch nicht. Weil sie aber ihre Eltern lieben und deren Erwartungen erfüllen möchten, versuchen sie ihr Bestes zu geben, und fühlen doch schmerzlich: „Ich bin nicht richtig.“ oder „Ich bin nicht gut genug.“

 

Sollten Eltern Computerspiele verbieten?

Wenn Kinder um ihrer selbst und nicht der Leistungen wegen geliebt werden, ist der Grundstein gelegt für ein selbstbestimmtes und sinnerfülltes Leben. Dazu gehört, dass sie zuhause mithelfen und mitgestalten dürfen. Wenn Kinder zu wenig Möglichkeit bekommen, unterschiedliche Herausforderungen zu meistern und sich in vielen unterschiedlichen Bereichen zu erproben und zu beweisen, wächst das Risiko, dass sie in virtuelle Welten abgleiten. Dort finden sie dann, wonach sie im realen Leben vergeblich gesucht hatten. Deswegen geht es darum, Kindern das zu schenken, was sie brauchen, genau hinzusehen und frühzeitig die Interessen eines Kindes zu entdecken. Denn wenn sie sich für etwas wirklich interessieren, werden Kinder wie von selbst zu Meistern ihres Fachs. Dann wird das Abtauschen in virtuelle Welten uninteressant, und dann braucht man das auch nicht zu verbieten.

Die meisten Eltern wollen ihre Kinder am Geburtstag und zu Weihnachten dennoch mit einem Spielzeug beschenken. Welche Geschenke, die man kaufen kann, halten Sie für sinnvoll?

 

Es geht ja nicht darum, das Schenken einzustellen, es geht darum, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, was man und warum man einem Kind etwas schenkt. Weil es der Schenkende so gern hat, wenn sich der Beschenkte freut, sich also in Wirklichkeit nur selbst beschenken will? Oder weil das Kind etwas lernen soll, was der Schenkende selbst sehr wichtig findet und mit seinem Geschenk also etwas erreichen will?

Wer meint, es gehe nicht ohne materielle Geschenke, kann ja wenigstens etwas auswählen, das Kinder möglichst vielseitig nutzen können und das ihrer Fantasie viel Freiraum bietet. Und natürlich alles, was Kinder seelisch und körperlich in Bewegung bringt.

 

Herr Hüther, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

 

Wer mehr über das Thema und die Autoren erfahren möchte, kann sich hier weiterklicken:

 

www.gerald-huether.de

www.andrestern.com

 

 

Gerald Hüther l André Stern
Was schenken wir unseren Kindern?
Eine Entscheidungshilfe

 

Leuchtende Kinderaugen, tiefes Glück und Verbundenheit – ist es das, was uns beim Schenken so gut
gefällt? Woher wissen wir, was unsere Kinder wirklich brauchen und welches Geschenk sie sogar ein
Leben lang begleiten kann? Als führende Entwicklungsforscher und Bildungsexperten laden Gerald
Hüther und André Stern zum Umdenken ein: Die meisten Geschenke sind nichts anderes als
fragwürdige Verführungen. Sie rauben Kindern die Kraft, die in ihnen angelegten Talente und
Begabungen zu entfalten und ihr Leben selbständig und eigenverantwortlich zu gestalten. Um zu
lernen, wie das Leben geht, brauchen Kinder uns, nicht unsere Geschenke.

 

Penguin Verlag
80 Seiten, Pappband

€ 10,00 [D]

ISBN 978-3-328-60119-7

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