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"Richtig" und "Falsch" - Beides hilft nicht weiter

In den sozialen Netzwerken finden sich immer wieder Gegenüberstellungen wie:

 

„Was - du stillst noch? Das ist doch viel zu lange.“

„Du hast schon abgestillt? Viel zu früh“

 

„Du trägst dein Baby die ganze Zeit? Das geht ja gar nicht!“

„Dein Baby liegt gerne im Wagen? Kann gar nicht sein, Babys sind Traglinge“

 

„Du gehst schon wieder arbeiten? Rabenmutter!“

„Du bist immer nur zu Hause? Übermutter!“

 

Wer diese Listen liest, kann den Eindruck gewinnen, es nur falsch machen zu können. Ich lade heute ein, den Umgang mit richtig/falsch-Sichtweisen einmal neu zu denken:

 

 

1. Über die Aussagen

Ich bin natürlich nicht repräsentativ – aber ich habe bisher während der Begleitung meiner inzwischen drei Kinder maximal fünf solcher oder vergleichbarer Aussagen wirklich gehört. Es stimmt schon, vor allem beim ersten Kind werden Eltern oft mit ungefragten Ratschlägen konfrontiert. Ich habe allerdings den Eindruck, dass Eltern noch viel öfter solche Aussagen nur vermuten oder eigentlich sogar selbst denken und sie nicht wirklich zu hören bekommen. Oder sie begegnen ihnen in Sozialen Netzwerken, in für die Allgemeinheit formulierten Beiträgen.

Ich denke, unabhängig davon ob die Sichtweisen tatsächlich gesagt, nur gedacht oder allgemein geschrieben werden: Sie entspringen der Sichtweise eines Mitmenschen und sie sind völlig legitim (außer sie sind tatsächlich so vorwurfsvoll formuliert wie oben. Dann ist der Inhalt berechtigt, die Art und Weise natürlich fragwürdig). Was sie in dem Elternteil, der sie liest oder hört auslösen, ist sehr individuell: die einen berührt es wenig, die anderen denken darüber nach, wieder andere verunsichert es stark. Für die letztgenannten ist der nächste Punkt:

2. Über Unsicherheit

Ich denke, nicht die Aussagen an sich verunsichern Eltern. Sondern die Aussagen oder vermuteten Aussagen treffen auf Eltern, die entweder von sich aus unsicher sind oder durch ihre neue Aufgabe Kinder zu begleiten und die große Verantwortung die sie mit sich bringt, verunsichert werden. Es scheint wichtig, das einmal so klar auszudrücken: Unsicherheit ist nichts grundsätzlich schlimmes. Sie zeigt auf, dass Eltern noch nicht in allen Situationen wissen, was zu tun ist. Sie lernen gerade etwas Neues, sie entwickeln neue Fähigkeiten, treffen Entscheidungen, machen Fehler, lernen daraus und entwickeln Schritt für Schritt innere Klarheit. Erst wenn die Unsicherheit dauerhaft anhält, überhand nimmt und die Kinder das Vakuum an Sicherheit spüren und füllen, wird es Zeit sich damit auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls Hilfe zu holen.

3. Über Schwarz, weiß und ganz viel bunt

Die Liste lässt den Schluss zu, dass Eltern es nur falsch machen können. Andersrum gedacht, können sie es also auch nur richtig machen. Oder sie lassen die richtig und falsch Einteilung los und finden heraus, was für sie und ihre Familie stimmig ist. Sie entdecken das Dazwischen, es liegt so viel bunte Vielfalt zwischen zwei Polen. Bei der Beikosteinführung für Babys beispielsweise liegt zwischen „Mein Baby isst nur Fingerfood“ und „Mein Baby bekommt nur Brei“ ganz viel Freiheit und Freude – Füttern, selbst essen lassen, stillen, Fläschchen geben. Niemand muss sich für irgendwas ganz und gar entscheiden – erlaubt ist was für alle (!) stimmig und passend ist. Heute bist du fit und trägst mit Leichtigkeit und Freude dein zweijähriges Kind in der Trage? Wunderbar. Heute schläft es im Buggy auf der Heimfahrt von der Kita? Klasse! Du arbeitest weil es euch allen gut tut oder vielleicht weil die Lebensumstände es aktuell so erfordern? Wenn es für euch passt, ist das ganz und gar eure Sache! Und damit komme ich zum nächsten und wichtigsten Punkt:

 

4. Über die Außensicht und die eigene Wahrnehmung

Ja, alle Menschen haben Sichtweisen und Meinungen. Sie sind wundervoll unterschiedlich, haben oft damit zu tun wie wir groß geworden sind, welche Erfahrungen wir gemacht und welche Schlüsse wir daraus gezogen haben. Niemand muss seine Sichtweise für sich behalten, jeder und jede darf euch von seiner Sichtweise erzählen. Ihr müsst euch davon nicht angegriffen fühlen oder sie zu eurer Sichtweise machen. Ihr könnt sie hören, euch vielleicht sogar dafür interessieren, eure Sichtweise daneben stellen und vielleicht in Austausch gehen.

Die ausschließliche Orientierung an den Maßstäben, Meinungen, Sichtweisen der Außenwelt hingegen entfernt euch von euch selbst. Deswegen prüfen und reflektieren: Was stimmt für dich? Welche Erfahrung hast du? Wie ist deine Wahrnehmung? Wovon bist du überzeugt? Woher kommen deine Sichtweisen?

Also abkapseln und nur noch das eigene Ding durchziehen? Nein. Denn Gleichzeitigkeit ist etwas Wunderbares: Es ist möglich offen zu sein für Rückmeldung, vielfältige Sichtweisen und Meinungen UND sich nach Reflexion und Prüfung für eine eigene Sicht zu entscheiden. Denn für die persönliche und elterliche Entwicklung sind alle drei Aspekte – Unsicherheit, Sichtweisen von außen und die  eigene Klarheit – wohltuend und hilfreich.

Hanna Articus

 
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