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"Nur gut"

Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht?

 

Dieser Satz begegnet mir immer wieder. In Fachtexten, als Überschrift oder als Leitsatz für soziale Projekte. Ich halte ihn für problematisch, da ich denke, dass er nur einen kleinen Teil der Familien anspricht. Die Kausalität stimmt nicht immer. Er passt dann, wenn eine Familie ausreichend Ressourcen zur Verfügung hat. In Form von sozialem Netz, Möglichkeiten zum Ausruhen, Reflexionsbereitschaft und Ideen zur Veränderung und Selbstfürsorge.

 

Monika hat ihr zweites Baby Theo bekommen. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihrem Hund in einer Doppelhaushälfte. Immer wieder sind Monikas Nächte unterbrochen. Tagsüber ist sie dann dünnhäutig und schnell reizbar. Beim Kinderarzt liest sie den Satz „Kindern geht es nur gut, wenn es ihren Eltern gut geht. Monika fühlt sich angesprochen und weiß, dass sie sich öfter ausruhen sollte, um wieder mehr Kraft und Geduld für ihre Kinder zu haben. Am Wochenende wird sie ausschlafen.

Für Monika stimmt der Satz. Er bedeutet, dass sie sich als Mama wichtig nehmen darf, dass sie anerkennen darf, dass sie der Motor der Familie ist. Dass sie sich gut um sich kümmern sollte, da sie in der intensiven Zeit mit kleinen Kindern viel geben muss. Energie, Aufmerksamkeit, Bedürfnisbefriedigung, Körperlichkeit….

Svenja und Taha streiten viel. Ihre Ehe ist seit den Kinder Lio und Lara belastet. Sie wissen, dass sich etwas ändern muss. Im Fernsehen hören sie den Satz: „Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht“. Sie denken darüber nach und führen ein Gespräch, dass sich die Streitigkeiten negativ auf die Entwicklung ihrer Kinder auswirken kann. Sie beschließen eine Paartherapie zu besuchen.


Auch hier bewirkt der Satz etwas positives und stärkt das familiäre Miteinander.

Vielleicht stimmen aber auch folgende Sätze: Kindern kann es schlecht gehen, auch wenn es den Eltern gut geht? Und: Kindern kann es gut gehen, auch wenn es den Eltern schlecht geht? Mein Erleben ist, dass Familien und deren Lebenswelten bunt und vielfältig sind. Und manchmal auch sehr herausfordernd. 

 

Tanjas Baby Isabell hat seit Geburt einen Herzfehler. Isabell tut sich schwer beim Stillen, nimmt kaum an Gewicht zu und weint oft stundenlang. In einer Elternzeitschrift liest Tanja den Satz: „Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht“. Kopfschüttelnd legt sie den Artikel weg. Tanja geht es gut, sie ist in ihrer Kraft und rund um die Uhr für ihre Tochter da. Aufgrund der chronischen Erkrankung geht es Isabell leider nicht gut.

 

Birgül hat Zwillinge bekommen. Elia und Max. Als Mama hat sie Schwierigkeiten, eine Bindung zu ihren Söhnen aufzubauen. Eine große Traurigkeit und Selbstzweifel umhüllen sie. In der Baby- Begrüßungspost steht auf einer Postkarte der Satz: „Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht“. Als Birgül diesen Satz liest, vergrößern sich ihre Schuldgefühle.

 

Elenas Tochter Stella ist 14 Jahre alt. Sie wird in der Schule gemobbt und ritzt sich. Im Wartezimmer der Beratungsstelle hängt ein Poster mit dem Satz: „Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht“. Elena denkt über diesen Satz nach. Sie kann ihn für ihre Lebenssituation nicht bestätigen. Äußere Einflüsse bewirken, dass es ihrer Tochter aktuell so schlecht geht. Oder haben doch sie als Eltern versagt?

Valentina ist alleinerziehend mit drei kleinen Kindern. Phillin, Tilda und Mo. Als Mama ist sie oft erschöpft und überfordert. Die Wohnsituation ist beengt und die finanziellen Mittel knapp. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft. Sie schaut sich im Internet nach Unterstützungsmöglichkeiten um. Auf einer Homepage liest sie die Überschrift: „Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern auch gut geht“. Valentina weiß, dass es ihr gerade nicht gut geht und dass ihr alles zu viel ist. Sie weiß auch, dass sich ihre unglückliche Situation auf ihre Kinder überträgt. Sie fühlt sich allein gelassen und ist durch den Satz zusätzlich frustriert.

 

Papa Benni hat die Diagnose Prostatakrebs erhalten. Häufig hat er Schmerzen, was ihn sehr belastet. Es gelingt ihm immer wieder, seine Gedanken um die Erkrankung zur Seite zu schieben und sich voll und ganz auf das Spiel mit seinen Kindern Tim und Emilia einzulassen. Ihm begegnet der Satz: „Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht“ in einer Fernsehdoku. Benni sieht das nicht so. Ihm als Papa geht es aktuell nicht gut. Dennoch kann er ein liebevoller, präsenter Vater sein. Außerdem ist seine Frau eine ganz wundervolle Mama, und den Kindern geht es rundum gut. Er schaltet den Fernseher aus.

Der 7-jährige Gregor wohnt in einer Wohngruppe. Sein Vater befindet sich im Gefängnis und seine Mutter ist alkoholkrank. Gregor fühlt sich wohl im Heim. Er ist der Gruppenbeste im Tischtennis und Mittwoch ist sein Lieblingstag, weil es dann immer Schokoladenpudding gibt. Gregor hört, wie die Erzieher sich über den Satz: Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht, unterhalten. „Stimmt nicht“, denkt er sich.

 

Corinna Muderer
Räume für Menschen

 
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