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Elternliebe: Der Schatz, der unseren Kindern das Tor zur Selbstliebe öffnet

Den Selbstwert zu fördern ist das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können. Ob Freundschaften schließen, mit Herausforderungen zurechtkommen, Ängste überwinden oder Konflikte lösen: Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Ulrike Döpfner erklärt im Interview, warum ein starker Selbstwert der Schlüsselfaktor einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung von Kindern ist. Und was Eltern tun können, damit er sich stabil entfalten kann.

“Menschen versuchen, mangelnde Selbstliebe auf mannigfaltige Art zu kompensieren: Sie versuchen, die Leere durch die Liebe anderer Menschen zu füllen, und erwarten von diesen Menschen den Schlüssel zu ihrem Glück. Andere versuchen, die Leere durch Ruhm, Reichtum, Drogen oder andere Abhängigkeiten zu füllen.

Abhängigkeiten oder Ersatzbefriedigungen können jedoch nie das Gefühl der Selbstliebe ersetzen. Wie es der Begriff sagt: Selbstliebe bedeutet, dass wir uns selbst lieben – so wie wir sind. Wir können Selbstakzeptanz und Selbstliebe, den resultierenden Selbstwert und das Glück, das damit einhergeht, nicht delegieren. Das kann uns, auch wenn er oder sie es wollte, keiner abnehmen, wir können es nur selbst entwickeln und empfinden. Doch Eltern können unendlich viel tun, um für ihre Kinder das Fundament für Selbstliebe und einen gesunden Selbstwert zu legen.” sagt Ulrike Döpfner.

Ulrike Döpfner wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Sie ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Buchautorin und Mutter von drei Kindern. Ihr erstes Buch Was für ein Kind waren Sie? erschien 2014 und enthält Gespräche mit fünfzehn berühmten Zeitgenossen über ihre Kindheiten in unterschiedlichen Milieus und Zeiten. 2019 erschien ihr Buch Der Zauber guter Gespräche. Kommunikation mit Kindern, die Nähe schafft, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Kann es zu viel Elternliebe geben?

Zu viel Elternliebe gibt es nicht! Liebe, und zwar bedingungslose Elternliebe ist die Basis einer gesunden Entwicklung jeden Kindes und ein Schutzmantel, der Kindern hilft, dem Leben gegenüber gewappnet zu sein.

 

Wie können Eltern selbstwertfördernd erziehen?

Die Grundlage eines gesunden Selbstwerts ist, dass ein Kind spürt, dass seine Eltern es bedingungslos lieben und annehmen so wie es ist. Die Grundlage eines guten Selbstwerts ist das Gefühl: Ich bin gut und liebenswert so wie ich bin. Das heißt nicht, dass Eltern ihren Kindern nicht helfen sollten, etwaige Schwächen zu kompensieren – ein Kind sollte jedoch niemals das Gefühl bekommen: Meine Eltern lieben mich mehr, wenn ich so oder so bin und deshalb versuche ich mich zu ändern. Eltern können ihrem Kind vermitteln, dass sie es dabei unterstützen, zum Beispiel an seiner Impulsivität oder Ausdauer zu arbeiten, aber nicht, weil sie es dann lieber haben, sondern, weil sie ihrem Kind dadurch helfen möchten, besser mit den Herausforderungen des Lebens zurecht zu kommen.

 

Der Begriff ist zwar in aller Munde, was aber ist eigentlich Selbstwert?

Als Selbstwert bezeichnet den Wert, den wir uns selbst beimessen. Dieser ergibt sich aus den Vergleichen mit anderen Menschen und auch aus Vergleichen mit unserem angestrebten Selbstbild. Selbstwert ist zum Teil Veranlagung, er wird uns also zu einem gewissen Anteil mit in die Wiege gelegt, zum anderen und wohl entscheidenden Teil entwickelt er sich aus den Erfahrungen, die wir im Leben machen. Ein Kind mit einem guten Selbstwert fühlt sich geliebt und findet sich gut so, wie es ist. Es ist nicht von der Erfahrung geprägt, dass es sich verstellen, anstrengen oder beweisen muss, um angenommen und geliebt zu werden. Es kann sich authentisch verhalten und erfährt Anerkennung und Liebe. Unser Selbstwertgefühl wird gestärkt, wenn wir erleben, dass wir angenommen und geliebt werden, wie wir sind: Ich liebe dich, weil du du bist. Du bist einzigartig und wunderbar, genauso, wie du bist. Durch die Rückmeldungen von Eltern, Familie, Freund*innen, Kindergärtner*innen etc. wird das Bild, das Kinder sich von sich selbst machen, geformt und geprägt.

Bei der Selbstsicherheit hingegen, geht es darum, sicher und angemessen auf andere zuzugehen und ebenso auf sie zu reagieren. Selbstvertrauen wiederum bezieht sich auf mein Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Ein Kind mit einem guten Selbstvertrauen traut sich etwas zu und ist überzeugt: Ich schaffe das, was ich mir vornehme.

Selbstbewusstsein ist das aktive Erkennen der eigenen Persönlichkeit. Ein Kind mit einer guten Selbstwahrnehmung, kann Gefühle einordnen: Es fühlt sich nicht nur »gut«, »okay« oder »mies«, sondern weiß, dass es sich traurig oder ärgerlich fühlt, es kann unterscheiden zwischen fröhlich oder stolz. Zum anderen bedeutet Selbstbewusstsein, vom eigenen Wert und den eigenen Fähigkeiten überzeugt zu sein, die Begriffe Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl werden meist synonym verwendet.

Warum ist ein guter Selbstwert so wichtig?

Kinder, die von anderen angenommen werden, entwickeln einen besseren Selbstwert als solche, die viel Ablehnung erfahren. Es ist komplex – ein niedriger Selbstwert ist einerseits Ursache, andererseits die Folge von sozialer Ablehnung. Wenn ich mich als nicht liebenswert empfinde, werde ich entsprechend gehemmt auf die anderen zugehen und wahrscheinlich nicht sehr gut angenommen werden. Und wenn ich unangenehme Erfahrungen der Ablehnung mache, so ist das meinem Selbstwert abträglich.

Kinder und Jugendliche mit einem guten Selbstwert leben ihr Potenzial. Kinder mit einem schlechten Selbstwert haben Angst vor Misserfolg, da dieser ihren ohnehin schon instabilen Selbstwert noch mehr schwächen würde. Oft verhalten sie sich deshalb passiv, gehen keine Risiken ein und meiden Herausforderungen. Sie bleiben oft unter ihrem vollen Potenzial, da sie sich zu wenig zutrauen.

Kinder und Jugendliche mit einem guten Selbstwert sind in der Lage, Beziehungen auf Augenhöhe einzugehen. Haben Kinder keinen guten Selbstwert, kann ihre Strategie darin bestehen, andere abzuwerten, um sich selbst besser zu fühlen und machen sich entsprechend unbeliebt.

Manche Kinder mit schwachem Selbstwert treten den Rückzug an – weil sie sich selbst nicht wertvoll, nicht gut genug finden, wagen sie nicht, Beziehungen zu anderen Kindern einzugehen. »Keiner mag mich.«

Kinder und Jugendliche mit einem guten Selbstwert achten auf sich. Wer sich als wertvoll empfindet kümmert sich um sich selbst.

Kinder mit einem niedrigen Selbstwert sind anfälliger dafür, Opfer von missbräuchlichem Verhalten zu werden. Sie empfinden sich nicht als wertvoll, sind bedürftig nach Liebe und Wertschätzung. Für die meisten von ihnen ist jede Form von Beziehung zunächst eine Aufwertung, deshalb haben manche von ihnen Schwierigkeiten, sich vor missbräuchlichem Verhalten anderer zu schützen.

 

 

Kinder und Jugendliche mit einem guten Selbstwert sind in der Regel aktiv, wohingegen Kinder mit schwachem Selbstwert tendenziell eher passiv bleiben, weil sie dazu neigen zu denken: « »Was kann ich schon bewirken?« Kinder mit positivem Selbstwert wissen, dass sie Dinge in Gang setzen und bewegen können.

Langzeitstudien festgestellt, dass ein hohes Selbstwertgefühl auch im späteren Leben zu Erfolg in Partnerschaften und Beruf beiträgt und sich positiv auf die Gesundheit auswirkt.

 

Welche Rolle spielen die Eltern dabei?

Forschungsergebnisse zeigen, dass sich anhand der Qualität des Erziehungsverhaltens der Eltern das spätere Selbstwertgefühl der Kinder am besten vorhersagen lässt.

Wie können Eltern ihre Kinder beim Entdecken ihres Selbstwertes unterstützen?

Die prägenden Erfahrungen der ersten Lebensjahre beeinflussen, ob ein Kind ein sicheres Bindungsverhalten entwickelt. Dafür ist das Bindungsverhalten der Haupt-Bezugsperson – meist Mutter oder Vater – entscheidend: Erkennt sie die Bedürfnisse des Säuglings, kann sie Hunger, Durst, Müdigkeit oder den Wunsch nach Aktivität richtig deuten und die Bedürfnisse des Kindes stillen? Geht sie auf seine Emotionen – Wut, Freude, Traurigkeit, Langeweile − feinfühlig und angemessen ein? Kann sie durch körperliche Nähe Sicherheit und Geborgenheit vermitteln? Kommuniziert sie angemessen mit dem Säugling – verbal und auch nonverbal? Wie ist ihre Stimmlage? Wie ist ihre Mimik? Drücken diese Zugewandtheit, Wärme und Liebe aus oder eher Distanz, Stress und Unbehagen? Ist ihre Zuwendung kontinuierlich und zuverlässig oder sprunghaft, unberechenbar und launisch? Reagiert sie prompt, sobald ihr Kind seine Emotionen zum Ausdruck bringt? Weiß das Kind, dass es von Mutter oder Vaters getröstet wird, wenn es fällt, sich stößt oder andere unangenehme Erfahrungen macht? All dies entscheidet mit darüber, ob ein Kind sich sicher gebunden und geborgen fühlt und das sogenannte Urvertrauen entwickelt.

 

Warum ist Bindung so wichtig?

Die sichere Bindung ist die Basis für eine gesunde Entwicklung des Kindes und der Hafen, von dem aus Kinder die Welt erkunden und an den sie immer wieder andocken können. Fühlt ein Kind sich sicher gebunden, so ist es in der Lage, eigenständige Erkundungen und Lernerfahrungen zu machen, die zur Entdeckung seiner Umwelt und der Entwicklung seiner Selbsterkenntnis beitragen. Wir können unsere Kinder bei der Entwicklung dieser Prozesse unterstützen.

 

Wie denn?

Zum Beispiel, indem wir sie zu eigenen Entscheidungen ermutigen. In therapeutischen Situationen habe ich manche Kinder erlebt, die, vor eine Entscheidungsmöglichkeit gestellt, zu fast allen Wahlmöglichkeiten »egal« antworten. »Willst du Ball spielen oder kneten?« »Egal.« »Willst du mit dieser oder jener Aufgabe beginnen?« »Egal.« Dies sind Kinder, die aus den unterschiedlichen Gründen kein Gefühl für ihr Selbst entwickelt haben, die gar nicht wissen, was ihnen lieber ist, und die auch nicht denken, dass dies wichtig sei, weil ihnen dies so nie vermittelt wurde.

 

Ist es nicht übertrieben und eine Blüte unserer Zeit, dass Kinder bei allem mitreden dürfen?

Es geht nicht darum, dass Kinder bei allem mitreden dürfen. Es gibt jedoch viele kleine Alltagssituationen, in denen Eltern ihren Kindern altersgemäß Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten lassen können – will es lieber auf den Spielplatz gehen oder im Park spielen? Mag es lieber den Kakao mit warmer oder kalter Milch trinken?

Es ist von großer Bedeutung, zu wissen, was man mag und was nicht, was einem wichtig ist und was nicht, und die Möglichkeit zu haben, entsprechende Entscheidungen zu fällen und sein Leben entsprechend zu gestalten oder sich gegebenfalls zu wehren, wenn andere übergriffig werden.

Es hilft Kindern, herauszufinden wer sie sind und wie sie Dinge einschätzen, wenn ihre Eltern sie anregen, zu allen möglichen Angelegenheiten des Alltags ihre Meinung zu äußern: “Meinst du, der Schnee wird nachher so hoch sein, dass wir zusammen einen Schneemann bauen können? Findest du es schöner, wenn wir einen Blumenstrauß nur mit einer Blumensorte pflücken oder mit vielen verschiedenen?”

Wie wichtig sollte man Gefühle von Kindern nehmen?

Sehr wichtig. Kinder sollten auch lernen, auf ihre innere Stimme zu hören, deswegen ist es hilfreich, dass Eltern Gefühle ihrer Kinder nicht übergehen, sondern auf diese eingehen. Das ist besonders wichtig bei belastenden Gefühlen, wie etwa Angst. Anstatt unserem 7-jährigen Sohn, der sich nicht traut in den Keller zu gehen, zu sagen: „Ach, komm, das ist doch nicht schlimm“ oder „Das konnte deine Schwester schon mit 5 Jahren“, in dem Versuch, ihn zu motivieren seine Angst zu überwinden, sollten wir sein Gefühl ernst nehmen und es validieren: „Ich verstehe, du magst nicht in den Keller gehen, weil du Angst hast, richtig?“. Unser Kind fühlt sich so gesehen und verstanden. Im nächsten Schritt können wir gemeinsam überlegen wie man dieser Angst begegnen könnte: Das Licht die ganze Zeit anlassen? Zunächst in Rufweite bleiben, damit es sich allein traut, und es dann, nach ersten Erfolgserlebnissen, sich sukzessive eigenständiger bewegen lassen?

Wenn wir das Gefühl unseres Kindes erfassen und anerkennen, fühlt es sich verstanden und ernst genommen. Auf dieser Grundlage wird es eher geneigt sein, mit uns Lösungen für schwierige Situationen zu entwickeln, als wenn wir sein Gefühl übergehen oder abstreiten. Nehmen wir sein Gefühl ernst, lernt das Kind, seine eigenen Gefühle ernst zu nehmen und eine eigene, so wichtige innere Stimme zu entwickeln. Und auch darauf zu hören.

 

Das klingt einleuchtend, was könnte dem im Wege stehen?

Die eigenen Gefühle mancher Eltern wurden in ihrer Kindheit von ihren Eltern nicht anerkannt, sondern negiert oder heruntergespielt, überhaupt gab es früher weniger Austausch zu Gefühlen, deswegen fällt es den ehemaligen Kindern auch in ihrer Elternrolle manchmal schwer, sich mit ihren Kindern über deren Gefühle auszutauschen.

 

Wie ist das denn mit dem Loben? Manche Ratgeber betonen wie wichtig loben ist, andere meinen, heutzutage loben Eltern zuviel. Was ist denn nun richtig?

Viele Eltern verteilen großzügig viel Lob in der Annahme so den Selbstwert ihres Kindes zu stärken. Es gibt nur einen Haken: Loben wir undifferenziert und inflationär – wird also jedes Bild mit „Wunderschön“ und jedes Schaukeln mit „Super“ bedacht,  gewöhnt sich unser Kind daran, von uns bewertet zu werden. Es möchte immer mehr Lob erhalten, um sich gut zu fühlen. Lob motiviert unsere Kinder sich so verhalten wie wir es durch unser Lob verstärken. Nur: Unser Kind setzt als Maßstab für sein Handeln unsere „Beurteilung“ an und ist dementsprechend nicht intrinsisich motiviert – es handelt, um den Eltern zu gefallen und nicht, weil es selbst so handeln möchte. Außerdem kann es sein, dass es zunehmend die Liebe der Eltern als an Bedingungen geknüpft erlebt: Wenn ich mich so oder so verhalte, hat Mama mich lieb. Elternliebe wird nun nicht mehr als bedingungslos empfunden.

 

Wie können Eltern sinnvoll loben?

Wir trainieren Kindern den Hunger auf Lob durch unser intensives Lobesverhalten an. Kindern ist die liebevolle Aufmerksamkeit ihrer Eltern wichtig, vielmehr als die Bewertung durch ein Lob. Das bedeutet, dass Eltern eher beschreibend als bewertend loben sollten: Wenn ein Kind auf der Seilbahn am Spielplatz ruft »Guck mal, Mama«, und dann mit Schwung losbraust, können wir antworten: »Ich seh dich! Du bist mit viel Schwung runter gesaust!« Wenn ein Kind lange an einem Legoflugzeug gebaut hat, können wir sagen. “Das sieht aber kompliziert aus, das war bestimmt sehr schwierig zu bauen, oder?«

Förderlich ist es auch, seinem Kind eine Rückmeldung zu seiner Anstrengung, die es in eine Aktivität investiert hat, zu geben und nicht auf feststehende Eigenschaften wie sein Talent oder seine Intelligenz. Bezieht man sich auf die Anstrengung des Kindes, so weiß es, dass es durch sein Verhalten eine gute Leistung erzielen kann. Bezieht man sich auf feststehende Eigenschaften, denkt es bei Mißerfolg, dass es zu wenig begabt ist und neigt eher zu Entmutigung und mangelnder Anstrengungsbereitschaft.

Also bei einer guten Mathearbeit eher die Rückmeldung geben:

„Wie schön -  deine gute Vorbereitung hat sich ausgezahlt“ anstatt „Du bist wirklich eine Mathe-Genie!“

 

Was hilft Kindern ihr Potential zu leben?

Ich mache immer wieder die Erfahrung der geradezu magischen Kraft von Vertrauen – spüren Kinder, dass wir in sie und ihre Fähigkeiten vertrauen, fördert das sehr häufig eine positive Entwicklung, in der im Gegensatz zum durch Misstrauen ausgelösten negativen Teufelskreis ein positiver »Engelskreislauf« in Gang gesetzt wird: Wir vertrauen in unser Kind, es spürt unser Vertrauen und ist motiviert, sich positiv zu verhalten. Wir beobachten sein positives Verhalten, was unser Vertrauen in es bestärkt. Das strahlt auf unser Kind ab und verstärkt wiederum sein positives Verhalten.

In fast jeder Biografie erfolgreicher Menschen findet sich die Bedeutung einer oder mehrerer Mentorinnen und Mentoren ihrer Kindheit und Jugend. Oft hatten sie ihnen wichtige erwachsene Bezugspersonen gefunden, die ihnen etwas zutrauten und ihnen vermittelten, dass sie Potenzial hätten. Vertrauen verleiht Flügel.

Zudem kommt es auf die innere Haltung an, ob wir uns als »Opfer« der Umstände sehen oder ob wir davon überzeugt sind, durch unsere Gedanken, unseren Willen, unser Handeln und unsere Energie Dinge beeinflussen zu können. Menschen, die sich der Kraft ihrer inneren Haltung bewusst sind, sind aktive Menschen, die die Umstände ihres Lebens gestalten und sich nicht von Umständen, in die sie geraten aus der Bahn werfen lassen. Man kann diese Zusammenhänge Kindern erklären und ihnen das Bild mit dem halb vollen/halb leeren Glas nahebringen, damit sie verstehen: Je nachdem welche Perspektive man einnimmt, verändern sich die damit einhergehenden Gedanken und Gefühle, die dann wiederum zu ganz unterschiedlichen Handlungen führen. Die Vorbild-Funktion von Eltern ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig – Kinder können sich dann auch eine entsprechende Haltung „abgucken“, wenn sie sie bei ihren Eltern in herausfordernden Situationen erleben.

Wir sollten auch der Kraft der unbewusst angeeigneten Glaubenssätze nicht unterschätzen. Glaubenssätze sind starke Überzeugungen, denen wir Glauben schenken. Sie übermitteln Werte, die uns unsere prägenden erwachsenen Bezugspersonen – also meist Eltern oder auch Großeltern – in unserer Kindheit als unverrückbare Weisheiten vermittelt haben.

Eltern können davon ausgehen, dass auch sie ihrem Kind Glaubenssätze vermitteln, die es sein Leben lang prägen werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass der positive Glaubenssatz: »Ich bin richtig und liebenswert, genauso, wie ich bin« ein existenzieller Schutzschild für die Kinderseele ist, der unseren Kindern hilft, sich nicht abzuwerten oder in ihren Möglichkeiten einzuschränken.

Wie können Eltern konkret das Potential ihres Kindes bestärken?

Beispielsweise, indem sie ihnen die Bedeutung und Kraft der inneren Bilder erklären, die die Kinder selbst erzeugen können.

Denkt ein Kind: »Ich schaffe das, ich werde Pilot*in!«, sollten Eltern sich genau erzählen lassen, wie dieses Erfolgserlebnis aussehen wird.

Je konkreter Kinder Szenen beschreiben, desto besser können sie sie in Bildern visualisieren. Gut ist es, sie auch dazu zu inspirieren, sich andere Sinneswahrnehmungen vorzustellen: Was hören sie in ihrer Vorstellung? Was riechen sie? Was schmecken sie möglicherweise? Was fühlen sie mit ihrem Tastsinn? Je konkreter sich das Kind die entsprechende Situation mit allen Sinneseindrücken vorstellt, umso mehr wird sie zu einem kraftvollen Kompass dafür, wohin es seine Gedanken, Energie und Kraft ausrichten möchte.

 

Skeptiker werden hier fragen: Tagträumen genügt, um Pilot*in zu werden ?

Da haben die Skeptiker durchaus Recht – Tagträumen hilft, sein Ziel zu visualisieren und seine Energie in eine Richtung zu lenken, aber genügt allein natürlich nicht.

Die größten Talente, besten Anlagen und wertvollsten Ideen unserer Kinder werden nicht zum Blühen kommen, wenn sie nicht von Ausdauer geprägt werden. Ausdauer wird getragen durch die Konzentration auf ein Ziel.

Egal, ob ich mir vornehme, meinen Kleiderschrank auszumisten, eine neue Sportart oder Sprache zu erlernen oder eine berufliche Leiter zu erklimmen – ich muss die Ausdauer besitzen, in anstrengenden und herausfordernden Phasen mein Vorhaben durchzuhalten und »am Ball« zu bleiben. Nur dann werde ich eine gewisse Kompetenz in dem, was ich tue, erwerben, und erst dann stellen sich Erfolgserlebnisse und Zufriedenheit ein. Gebe ich auf, sobald nach der ersten Euphorie für mein Projekt Schwierigkeiten oder Anstrengungen aufkommen, so werde ich kein Gefühl von Kompetenz, Zufriedenheit und Erfolg entwickeln können. Deshalb sollten wir unsere Kinder dazu anhalten, neue Projekte nicht bei der ersten Schwierigkeit abzubrechen. Manchmal kann es helfen, vor Beginn eines neuen Projekts, wie eines neuen Hobbys, festzulegen, wie lang die »Ausprobierphase« sein sollte.

 

Sind Kinder nicht schon zuviel verplant, müssen Hobbies unbedingt sein?

Es ist schön, wenn Kinder ihren Neigungen – Sport, Musik oder auch etwa Kunst nachgehen. Dass Kindheiten jedoch total verplant werden mit Reiten, Ballett, Hockey und Theater AG finde ich für die meisten Kinder nicht ideal. Ich bin eine große Verteidigerin von zeitlichen Freiräumen für Kinder. Wenn jede Minute des Kindes entweder mit Schulprogramm oder außerschulisch organisierten Aktivitäten durchgeplant ist, wird zwar keine Zeit »vertrödelt«, es wird aber Kindern auch kein Raum gelassen, eigene Ideen und eigene Initiativen zu entwickeln. Kinder haben uns Erwachsenen gegenüber einen entscheidenden Vorsprung: Sie besitzen die Gabe, mit Leichtigkeit in den Moment und in ihr Tun ganz einzutauchen und in dieser Tätigkeit, die wie von selbst zu gehen scheint, dann vollends aufzugehen. Sie befinden sich dann im als beglückend erlebten Zustand des »Flow«. Wir Erwachsene sollten unseren Kindern genug Raum lassen, um in diesen Zustand des Flow zu geraten. Dazu gehört eine Portion Freiheit, dazu gehört, Kinder auch ein Stück in Ruhe zu lassen, ihnen Raum zu geben und freie Zeit zu gönnen.

 

Wie wirken sich Niederlagen und Fehler auf den Selbstwert aus?

Es gibt in der Tat Situationen, die das Selbstwertgefühl herausfordern. Auch am Ende jeden Schuljahres spielen sich in vielen Kinderseelen Dramen ab: Viel zu viele Schülerinnen und Schüler haben Angst, ihren Eltern ein schlechtes Zeugnis zu präsentieren.

Wir haben in Deutschland immer noch eine strenge Fehlerkultur: Fehler sind negativ besetzt, man versucht, sie zu vermeiden, und wenn sie passieren, schweigt man am liebsten darüber. Es ist schwierig, einen konstruktiven Umgang mit Fehlern an den Tag zu legen, wenn man selbst mit einer strengen Fehlerkultur erzogen wurde. Deshalb sollten Eltern auch hinterfragen, wie sie mit ihren eigenen Fehlern umgehen. Fehler sind für die Entwicklung von Kindern wichtig - läuft immer alles glatt, kann das Kind weder Resilienz noch Kampfgeist ausprägen.

Kinder, die sich der Liebe ihrer Eltern sicher sind und bei Fehlern und Niederlagen nicht mit Liebesentzug rechnen müssen, haben die Chance, keine chronischen „Fehlervemeider „ zu werden, sondern sich an Neues heranzutrauen mit der Gewissheit, dass ihre Eltern sie unterstützen und lieb haben, auch wenn mal etwas schief läuft.

 

Wie können Eltern einen liebevollen Familienalltag gestalten?

Die Grundlage eines lebendigen und liebevollen Familienlebens  ist der tägliche Austausch. Der lässt sich besonders gut bei gemeinsamen Mahlzeiten herstellen, gute Gespräche bei gemeinsamem Essen fördern Nähe und Verbundenheit.

Rituale, wie das Zubettgehritual, geben gerade kleinen Kindern Struktur und Geborgenheit.

Gemeinsame Aktivitäten fördern Spaß und Freude miteinander – so etwa Spiele, gemeinsames Musizieren,
Kochen, Gärtnern, Basteln, Sportaktivitäten oder gemeinsam Musik
hören.

Einander zuhören ist ganz wichtig, um einander zu verstehen und zu wissen, was beim Anderen gerade los ist.

Interesse am Alltag der anderen zeigen – die Kinder nach ihrem
Leben fragen, nach ihren Freunden, ihrem Hobby, ihrem Lieblingscomputerspiel. Auch nach der Schule, aber nicht nur danach.

Als Eltern auch von seinem Alltag erzählen.

Gemeinsame Erlebnisse schaffen, auch im Alltag kleine »Er-
lebnisinseln« einbauen – ein Frühlingspicknick im Wald veranstalten, zusammen Zaubertricks lernen und Oma und Opa eine Show bereiten, auf dem Balkon unter dem sommerlichen Sternenhimmel übernachten. Konflikte friedlich lösen.

Liebevolle Gesten wie Umarmungen, über den Kopf streicheln schaffen Nähe und ein Gefühl der Geborgenheit, genauso wie Liebeserklärungen - einfach so.


Frau Döpfner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Buchtipp:

Ulrike Döpfner

Der Schatz des Selbstwerts

Was Kinder ein Leben lang trägt

Den Selbstwert zu fördern ist das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können. Ob Freundschaften schließen, mit Herausforderungen in Kita und Schule zurechtkommen, Ängste überwinden oder Konflikte lösen: Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Ulrike Döpfner zeigt, warum ein starker Selbstwert der Schlüsselfaktor einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung von Kindern ist. Und was Eltern tun können, damit er sich stabil entfalten kann. Anhand vieler Tipps, Übungen und aktueller Erkenntnisse aus der Psychologie unterstützt Ulrike Döpfner Eltern, den Selbstwert und die Selbstliebe ihrer Kinder im Alltag zu stärken. Wie fördern wir ihre Freude am Lernen? Wie gelingt es, selbstwertstärkend zu loben oder Grenzen aufzuzeigen? Wie helfen wir Kindern, Probleme bei Sozialkontakten oder Ablösungsschwierigkeiten von den Eltern zu überwinden? Ein starker Selbstwert trägt ein Kind ein Leben lang, und er ist DER protektive Faktor, der ihm hilft, auch über die besonderen Herausforderungen, die mit der Pandemie verbunden sind, hinwegzukommen. Wie auch in ihrem erfolgreichen Buch »Der Zauber guter Gespräche. Kommunikation mit Kindern, die Nähe schafft« unterstützt Döpfner Eltern, zugewandt und klar mit Kindern zu sprechen. Kleine Geschichten, um gemeinsam mit dem Kind einen spielerischen Zugang zu herausfordernden Themen zu finden, ergänzen dieses Buch für Eltern mit Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter.

Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2022, 298 Seiten.

 
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