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Resilienz für Familien

Krisenfest, das müssen Eltern in schwierigen Zeiten sein. Doch wie kann ich mich selbst stärken und für das Elternabenteuer wappnen? Was brauchen meine Kinder wirklich von mir? Was macht unsere Familie stabil?  


Ein Interview mit Romy Winter

 

Resiliente Menschen akzeptieren und wertschätzen zudem auch sich selbst und andere Menschen, wie sie sind. Sie gehen versöhnlich mit ihren ungeliebten Anteilen um und schämen sich weder für ihre Gefühle noch für ihre Grenzen. Das bedeutet keinesfalls, dass sie keine Ansprüche an sich haben, sich keine Mühe geben oder nicht auch mal zweifeln. Aber ihre grundsätzliche Haltung ist eine voller Zuversicht und Wohlwollen“, sagt Romy Winter.


Romy Winter ist psychologische Beraterin, Familientherapeutin und Gründerin des Familienz® Konzeptes. Sie ist auf Themen rund um Elternschaft, Persönlichkeitsentwicklung und Resilienz spezialisiert und arbeitet mit Einzelpersonen, Kindern, Paaren, Familien und Teams. Darüber hinaus ist sie als Dozentin u. a. für die Eltern-App »BO Family« und als Autorin und Chefredakteurin des Magazins »The Mothering Journey« tätig. Ihr Instagram Account @slowmothering hat mehr als 28.000 Abonnent*innen. Romy Winter lebt mit ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern in Norddeutschland.


Frau Winter, was sind die Risikofaktoren, die eine Familie in die Krise führen kann?

Jede Familie schlittert früher oder später mal in eine kleine oder große Krise. Das bringt das (Familien)Leben einfach mit sich. Zu den Risikofaktoren, die dazu führen können, zählen beispielsweise instabile Familienkonstellationen, die durch Trennung, Scheidung, wechselnde Partnerschaften oder Patchworkfamilien entstehen können. Natürlich führt das nicht zwangsläufig zu einer Krise, doch wir sollten solche elementaren Umbrüche im Leben, und die Risiken, die mit diesen Veränderungen verbunden sein können, grundsätzlich ernst nehmen, um angemessen reagieren und größere Krisen vermeiden zu können.

Auch schwierige Schwangerschaften und traumatische Geburten können zum Risikofaktor werden. Genau wie Arbeitslosigkeit, Mobbing, physische und psychische Erkrankungen eines Familienmitgliedes, finanzielle Schräglagen oder Armut, Flucht und Migration.

Auch bestimmte Entwicklungsphasen wie die Geburt, Pubertät oder der Auszug eines Kindes, Zuwachs oder Verluste in der Familie oder im Freundeskreis, fehlende Anbindung an das soziale Umfeld durch häufige Umzüge, Schul- oder Jobwechsel, soziale Isolation und Mobbing können eine Familie belasten.

Und neben all diesen sehr persönlichen und individuellen Risikofaktoren gibt es natürlich auch noch eine Handvoll globaler Herausforderungen, vor denen Familien heute stehen. Da wären zum Beispiel die Folgen des Klimawandels, die Begleiterscheinungen der Digitalisierung sowie weltweite Pandemien und andere traumatische Erlebnisse zu nennen — wie uns etliche Naturkatastrophen, die Corona Krise und der Krieg in der Ukraine leider jüngst bewiesen haben.


Und dennoch gehen Menschen ganz unterschiedlich mit Krisen um, manche wachsen daran, andere kommen ins Wanken, und wieder andere zerbrechen oder verbittern. Warum ist das so und was bedeutet resilient?

Das ist so, weil Menschen zum einen mit einem unterschiedlich großen Maß an Resilienz ausgestattet sind und zum anderen, sie im Laufe ihres Lebens ganz unterschiedliche Strategien erlernt haben, um mit solchen Widrigkeiten umzugehen. Resilient zu sein, heißt gut gewappnet und flexibel auf Herausforderungen zu reagieren und sie heil zu überstehen — ohne anhaltende Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit und Lebensfreude. Die Wissenschaft hat heute verschiedene Faktoren ausgemacht, die Erwachsene und Kinder resilient durch Krisen gehen lassen — und obgleich ein Teil dieser Kompetenzen angeboren ist, kann jeder Mensch seine Resilienz trainieren.

 

Welche Fähigkeiten brauchen Eltern und Kinder dafür?

Zunächst einmal ist Akzeptanz ein erster wichtiger Schritt. Wobei Akzeptanz hier nicht meint, dass man alles hinnehmen soll, was einem das Leben anbietet. Vielmehr geht es um die Haltung „Es ist, wie es ist.“ Dabei geht es darum, die Realität zunächst einmal anzunehmen, wie sie ist, ohne sie zu verdrängen — mit allen Gefühlen, die das in uns auslöst. Wenn ich etwas verändern oder bewältigen möchte, muss ich vorher genau wissen, wo ich stehe und wohin die Reise gehen soll. Den Ist-Zustand zu leugnen führt selten zum Soll Zustand.

Resiliente Menschen akzeptieren und wertschätzen zudem auch sich selbst und andere Menschen, wie sie sind. Sie gehen versöhnlich mit ihren ungeliebten Anteilen um und schämen sich weder für ihre Gefühle noch für ihre Grenzen. Das bedeutet keinesfalls, dass sie keine Ansprüche an sich haben, sich keine Mühe geben oder nicht auch mal zweifeln. Aber ihre grundsätzliche Haltung ist eine voller Zuversicht und Wohlwollen. Und das ist sehr wertvoll: Denn Kinder, die sich akzeptiert wissen und bedingungslos geliebt fühlen, sind anderen Menschen gegenüber aufgeschlossen und können gut um Hilfe bitten, weil sie es nicht als Schwäche empfinden. Sie sind kreativ bei der Lösung von Problemen und glauben an sich und ihre Fähigkeiten. Sie haben keine Angst davor, ihre Grenzen oder Fehler zu erkennen, dafür aber eine optimistische Lebenseinstellung – denn was kann ihnen schon passieren?

Für Eltern liegt die Herausforderung oft genau darin, dass Kind so zu akzeptieren wie es ist. Denn Eltern wollen stets das Beste für ihre Kinder, haben dabei aber manchmal eine zu festgefahrene und vordefinierte Idee davon, was das Beste ist. Dadurch bleiben die wahren Interessen und Fähigkeiten des Kindes manchmal unberücksichtigt — was zu Frust auf beiden Seiten führt. 

Wir dürfen akzeptieren, dass jedes Kind anders ist und von Geburt an ein einmaliges Wesen hat. Wir müssen auf unsere Kinder eingehen, statt sie in fertige Schablonen pressen zu wollen. Insbesondere in Familien mit mehreren Kindern kann das zur Herausforderung werden, aber jedes Kind verdient gleich viel Akzeptanz, selbst, wenn es uns nicht gleich leichtfällt.

Können Eltern Akzeptanz bei Kindern aktiv fördern?

Ja, zusammen mit den Eltern lernt ein Kind, Gefühle zu regulieren, innere Bilder zu steuern und leichter zu ertragen. Wenn Eltern ihr Kind mit allem, was sich zeigt, annehmen, und nichts klein- oder weg reden, dann lernt auch das Kind, sich so anzunehmen, wie es ist. Wenn wir  akzeptierend sind, wenn wir das ausstrahlen und vorleben, wenn wir nachfragen statt abzulenken, wenn wir hinfühlen statt wegzulaufen, dann können unsere Kinder einen weiteren Schritt in Richtung Akzeptanz gehen.

Selbstverständlich hat es großen Wert für die Resilienz unserer Kinder, was wir ihnen vorleben. Wenn unsere Kinder erleben dürfen, dass wir uns nicht an Unabänderlichem abstrampeln, sondern darin Chancen erkennen, wenn sie beobachten dürfen, dass wir uns und andere Menschen mit allen Stärken und Schwächen annehmen, wenn sie wahrnehmen dürfen, wie wir uns nicht gegen unsere eigenen Gefühle sperren, sondern sie authentisch, aber verantwortungsbewusst leben, dann werden sie die Grundhaltung der Akzeptanz leichter verinnerlichen. Denn Kinder saugen mit allen Sinnen all das auf, was wir (nicht) tun. Sie lernen auch in den Momenten von uns, in denen wir eigentlich gar nicht vorhaben, ihnen etwas beizubringen.

Das Wichtigste aber ist der feste Glaube an mein Kind.

 

Zum Leben gehört auch eine ganze Portion Optimismus, warum ist der so wichtig für die Kindheit?

Kinder können nur leben, wenn sie lernen dürfen. Und zum Lernen brauchen sie ihre Entdeckerlust. Diese Entdeckerlust wiederum folgt der Freude, der Neugier, dem Abenteuer und einem grundsätzlichen Optimismus. Mit diesem (unterschiedlichen großen) Paket an Kompetenz sind Kinder von Geburt an ausgestattet. Unsere Aufgabe ist es, unseren Kindern dabei zu helfen, diesen Optimismus zu erhalten.

Denn wenn ich positiv denke, mir erlaube Fehler zu machen und das Gute in meinem Leben erkenne, immer wieder die Perspektive wechsele, mich auf das Wesentliche fokussiere und einen Schritt nach dem anderen mache, dann komme ich zu einer bunten und freudvollen Sicht auf das Leben.  

Und diese Sicht auf das Leben, die schauen sich unsere Kinder von uns ab: Wie wir die Dinge oder die Welt erklären, hat Einfluss auf unser eigenes Leben und auf den Optimismus unserer Kinder. Welche Gedanken ich ausspreche und welche Perspektiven und Worte ich wähle, entscheidet darüber, wie meine Kinder über die Welt und sich selbst denken. Wir werden zu ihrer inneren Stimme.

Der Optimismus eines Kindes hängt aber natürlich auch davon ab, welche eigenen Erfahrungen sie machen (dürfen). Einige Eltern neigen dazu, ihre Kinder überzubehüten, um sie vor Enttäuschungen zu schützen und ihren Glauben an sich selbst zu erhalten. Doch Kinder brauchen ein gewisses Maß an Zumutung, um Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit entwickeln zu können. Die Erfahrung, Hindernisse überwinden zu können und mit Problemen fertig zu werden, ist wichtig, um einen positiven Glauben an sich selbst zu entwickeln. Deswegen ist es wichtig, dass wir unseren Kindern Mut machen und ihnen Raum für ihre Träume, Fantasien und Visionen geben, selbst wenn wir diese nicht teilen. Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen und Enttäuschungen erleben dürfen —  und sie müssen sicher sein können, dass wir da sind, wenn das passiert.

 

Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

In der Resilienzforschung gibt es verschiedene Ansätze, die auch zu unterschiedlichen Faktoren kommen. In meinem Buch Krisenfest fasse ich die Erkenntnisse der Forschung zu einer Art Schnittmenge aus folgenden Faktoren zusammen:

Akzeptanz
Optimismus
Verantwortungsbereitschaft
Selbstwirksamkeit
Soziale Kompetenz
Lösungsorientierung
Zukunft & Vision

Ganz wichtig für eine resiliente Lebensgestaltung ist es, die eigenen Ressourcen zu erkennen und in eine Handlungsfähigkeit zu kommen, zum Beispiel in dem man die Opferrolle verlässt und die Verantwortung für das eigene Tun und Nicht-Tun übernimmt.

 

Und Kinder? Was hilft ihnen Krisen zu überstehen?

Kinder brauchen natürlich vor allem einen sicheren Hafen, um Krisen gut überstehen zu können — was bedeutet, sie brauchen uns. Selbst dann, wenn es gar nicht so aussieht, wie beispielsweise bei unseren Teenies. Die verlässliche Fürsorge mindestens einer Bezugsperson hat sich für Kinder als der wichtigste Resilienzfaktor herausgestellt. Es braucht also sichere Bindungen. Aber auch Autonomie.
Denn die Resilienz unserer Kinder hängt maßgeblich von ihrer Selbstwirksamkeitserwartung ab. Dahinter steht die Überzeugung, eigenständig Einfluss nehmen zu können und die Kontrolle zu haben — über sich selbst, seine Fähigkeiten und bestimmte Situationen. Die Erwartung wiederum hängt stark von den Erfahrungen ab, die ein Mensch in seinen frühsten Lebensjahren macht. Wer beispielsweise als Kind ignoriert oder weinen gelassen wurde, weil man das früher eben so machte, der wurde früh mit einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht konfrontiert. Deshalb ist es so wichtig, dass Kinder angemessen, verlässlich und prompt auf die vom Kind geäußerten Bedürfnisse eingehen. So entsteht die Überzeugung: Ich kann etwas bewirken. Ich bin selbst wirksam.

Selbstwirksame Kinder haben eher das Gefühl Situationen kontrollieren zu können, was eine optimistische Grundeinstellung positiv bedingt – und umgekehrt. Doch wer nicht erwartet, etwas zu bewirken, wird es erst gar nicht erst versuchen, sondern die Situation meiden und sich selbst negativ bewerten. „Ich schaff’s eh nicht.“

Sie betonen, dass es ganz wichtig ist, zu vermitteln: Du kannst das! Wie können Eltern dieses Gefühl vermitteln?

Wir müssen die Haltung zunächst mit jeder Faser unseren Körpers ausstrahlen und auch an unsere Kinder glauben, wenn sei es mal nicht können. Und wir sollten sie weder unter- noch überfordern.
Dabei helfen Aktivitäten, Aufgaben oder Spiele, die altersgemäß sind und dem tatsächlichen Entwicklungsstand des Kindes entsprechen. Das richtige Maß an Zumutung motiviert Kinder, all ihre Ressourcen, Stärken und Kompetenzen einzusetzen. Kinder brauchen so genannte Kompetenzinseln und Aufgaben, weil denen sie voll im Flow sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Insel musikalischer, wissenschaftlicher, sportlicher, sprachlicher, poetischer oder abenteuerlicher Natur ist. Um die Erfolgserfahrungen unserer Kinder zu stärken, müssen wir zunächst ganz genau hinsehen, hinhören und hinfühlen, was unsere Kinder gut und gerne machen. So erfahren Kinder Erfolgserlebnisse, Anerkennung und Selbstwirksamkeit.

 

Welche Aktivitäten haben Sie dabei im Auge?

Keine konkrete — denn das ist ja genau der Punkt: Jedes Kind hat seine ganz eigene Kompetenzinsel. Wer sein Kind ganz genau beobachtet und sich mit Erziehern oder Lehrern austauscht wird schnell feststellen, wo das Potential seins Kindes liegt. Eine Indizfrage kann sein: Was könnte das Kind den ganzen Tag lang machen, ohne dass ihm langweilig wird? Worin ist vielleicht besser als viele andere? Was macht es richtig gern?

Darüber hinaus empfehle ich auch immer gemeinsame Aktivitäten als Familie. Bestenfalls sind das ebenfalls Aktivitäten wo jeder seine Stärken einsetzen kann, wichtiger ist allerdings, dass alle gemeinsam Spaß haben und verbindende Erfahrungen sammeln. Das stärkt den Familienzusammenhalt.

 

Wie kann ein Familienzusammenhalt entstehen, der uns hilft Krisen zu meistern?

Familie ist ein stetiges Einpendeln auf zwei Polen: Nähe und Freiheit. Einerseits braucht es ganz klar Eigenschaften, Aktivitäten, Werte und Rituale die uns als Familie ausmachen, formen und verbinden. Zum anderen braucht jedes Familienmitglied aus ausreichend viel Raum für die eigene Individualität, persönliche Interesse und andere Menschen. Gerade in Krisenzeiten braucht Familie ein tragfähiges Fundament, ein starkes Wir. Wie stark das Wir ist, hängt aber natürlich auch davon ab, wie gestärkt die einzelnen Ichs sind.

Gerät man als Familie in eine Krise kann das einerseits zusammenschweißen. Andererseits wird es eine Familie, die schon vorab sehr dysfunktionale Muster miteinander hatte, schwerer haben, adäquat auf eine Krise zu reagieren.

Die Kompetenz als Familie angemessen auf Widrigkeiten reagieren zu können, nenne ich Familienz. In meinem Buch gehe ich detailliert auf einige Familienz-Faktoren ein. Einer davon ergibt sich aus den gemeinsamen Ritualen einer Familie.

Denn zum einen formen Rituale die familiäre Identität und Zugehörigkeit, zum anderen vermitteln sie in Zeiten des Umbruchs Sicherheit, Orientierung und Stabilität.
Jede Familie hat Rituale, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht: Das können Geburtstagsrituale sein, bestimmte Festivitäten oder Familienbräuche. Ein Ritual, dass ich mit meiner Familie zelebriere ist der Film-Abend am Freitag: Popcorn, Pizza und Sofakissen beenden symbolisch unsere Schul- und Arbeitswoche und leiten das Wochenende ein. Das hilft nach einer sorgenvollen Woche die vergangenen Herausforderungen abzuschütteln und schafft einen liebevollen Übergang. Dieses Ritual hat meinen Kindern auch während der Corona Zeit geholfen: Trotz der Ungewissheit im Außen vermittelte der gemeinsame Film Abend ein Gefühl von Orientierung und Vorhersehbarkeit.

Rituale begleiten Familien durch den Tag (Abendessen), die Woche (Film Abend), den Monat (Besuch bei Oma), das Jahr (Ostern, Geburtstage, Weihnachten) und das Leben (Taufe, Konfirmation, Hochzeit...)

 

Warum sind Netzwerke wichtig? Heute arbeiten und wohnen viele Eltern weit weg von der Ursprungsfamilie. Plötzlich muss man umziehen. Andere Eltern , die man vielleicht über die Kita kennenlernt sind genauso im Stress wie man selbst. Wie schafft man es da, ein gutes Netzwerk bilden?

Meine Erfahrung ist, dass man es sich wirklich aktiv und kreativ knüpfen muss. Die Anforderungen an uns Eltern sind heute wirklich groß. Die Komplexität des Lebens nimmt zu, die Anzahl der Schultern, die diese Komplexität tragen nimmt hingegen ab. Es kommen tatsächlich auffällig viele Paare zu mir in die Beratung, deren eigene Herkunftsfamilien weit weg wohnen — und die unter der Belastung und der mangelnden Zweisamkeit leiden. Das ist ein strukturelles und gesellschaftspolitisches Problem. Dennoch wird es niemand für uns lösen können. Nicht so kurzfristig, wie wir Abhilfe brauchen. Insofern bin ich froh, dass es heute viele Apps, wie die BO Family App gibt, wo sich Eltern vernetzen können. Ich habe auch schon Aushänge in Betreuungseinrichtungen, im Bio-Supermarkt und in sozialen Netzwerken gesehen, wo Eltern sich vernetzt haben. Andere haben im Freundeskreis nach Lösungen zur gemeinsamen Entlastung geschaut.

Natürlich sind andere Eltern auch im Stress. Aber wir stehen uns manchmal auch selbst im Weg — aus Angst vor Ablehnung und weil wir niemandem zur Last fallen wollen. Wir müssen andere Eltern aktiv ansprechen und auch die verrücktesten Ideen austauschen. Vielleicht gibt es eine nette Familie im Kindergarten, in der Schule oder in der Nachbarschaft mit der man sich beim Holen und Bringen der Kinder abwechseln kann? Wir haben eine befreundete Familie, die mittlerweile eher wie eine erweiterte Version der eigenen Familie ist: Wir kaufen füreinander ein, holen, bringen und hüten abwechselnd Kinder, kochen manchmal doppelte Portionen und verabreden uns selbst immer wieder zu Auszeiten. Zeitweise fühlt es sich an als wären wir 4 Erwachsene für 6 Kinder und nicht mehr 2 Erwachsene für 3 Kinder. Obwohl das rein mathematisch beim Betreuungsschlüssel keinen Unterschied macht, macht es eben doch einen, weil wir viele Alltagsaufgaben durch vier teilen können.

Aber es braucht Aktivität, Mut, Kreativität und gewiss auch eine Prise Glück. Man muss es wollen, denn wie heißt es so treffend: Wer etwas will findet Wege, wer etwas nicht will, findet Gründe.

Auch die Natur halten Sie für einen wichtigen Faktor, um Resilienz zu entwickeln? Warum ist das so ?

Oh ja, die Natur ist ein echter Resilienz-Booster. Obwohl der Mensch heute zivilisiert ist und meist sehr urban lebt, hat die Natur ihre Wirkung auf uns noch nicht verloren. Die Natur ist zu einem Psychotop geworden. Resilienz hat auch etwas mit bewusster Regeneration zu tun. Und Natur hilft nachweislich zu regenerieren. Sie hat eine ausgleichende Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System und wirkt sich positiv auf die Produktion von Stimmungshormonen aus. Wer viel draußen ist verbessert zudem seine Schlafqualität und boostert sein Immunsystem. Immer mehr Forschungen belegen einen Zusammenhang zwischen unserer mentalen, körperlichen und spirituellen Gesundheit und positiven Naturerlebnissen. Ein echter Allrounder also, Mama Natur.

Für unsere Kinder sind die elementaren Erfahrungen, die sie ihn der Natur machen können von mindestens, nein eigentlich noch größerer, Bedeutung. Sie lernen im Kontakt mit den Elementen viele geistige, soziale und motorische Fertigkeiten. Sie finden hier unzählige Möglichkeiten, sich zu bewegen und zu spielen, was ihrer Gesundheit und ihrer Entwicklung zu Gute kommt und in Zeiten von erhöhter digitaler Aktivität von immensem Wert ist.

Ich empfehle Eltern und Kindern deshalb nur allzu gern ein wöchentliches „Waldbad“ — und nach Möglichkeit eine Stunde Frischluft und Freilauf am Tag.

 

Sie schreiben in ihrem Buch, dass Dankbarkeit eine Möglichkeit ist, Krisen zu überstehen. Würden Sie unseren Leser*innen an dieser Stelle vielleicht eine der vielen schönen Übungen aus Ihrem Buch verraten?

Man sagt, nicht die Glücklichen sind dankbar, sondern die Dankbaren sind glücklich. In jedem Fall kann ich bestätigen, dass es sich lohnt, die Perspektive immer wieder zu wechseln: Weg von dem defizitären Mangeldenken, hin zu einer Fülle im Herzen.
Denn das Leben ist wie eine Skulptur: Es formt sich nicht aus den Dingen, die uns durch eine Krise genommen werden, sondern durch die, die uns bleiben.

In diesem Sinne hat die Psychologie das Führen eines Dankbarkeitstagebuches für sich entdeckt. Daraus lässt sich auch ein wundervolles Familienritual machen. So können wir jeden Abend entweder beim gemeinsamen Abendessen oder beim Kuscheln im Bett Dinge zusammentragen, für die ihr an diesem Tag dankbar seid: Was ist gut gelaufen? Was war euer schönster Moment? Worauf freut ihr euch morgen? So ein Büchlein ist auch viele Jahre später noch eine unbezahlbare Erinnerung.

Frau Winter, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

 

Wer mehr über und von Frau Winter lesen möchte:

www.frau-winter.de

Instagram-Account @slowmothering

 

 

Buchtipp

Krisenfest - Das Resilienzbuch für Familien
 

Starke Eltern. Starke Kinder. Starke Familien.

Als Familie in eine Krise zu schlittern, ist keine Kunst – sei es durch außergewöhnliche Herausforderungen oder unvorhersehbare Schicksalsschläge. Doch wer sich als selbstwirksam erlebt und nicht so schnell den Optimismus und Humor verliert, ist widerstandsfähiger und kann Probleme besser bewältigen. Die gute Nachricht ist: Diese Eigenschaften lassen sich trainieren, nicht nur als einzelne Person, sondern als gesamte Familie! Die Familientherapeutin und Resilienztrainerin Romy Winter gibt Familien viele praktische Werkzeuge an die Hand, um die Beziehungen untereinander zu stärken und den Alltag zu entschleunigen sowie bewusst zu gestalten. So entsteht eine liebevolle Atmosphäre, die vor Krisen schützt und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür schafft, gut durch anspruchsvolle Phasen zu kommen.

Kösel Verlag, 2021

 
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