Fördern - Warum gesunde Kinder keine Förderprogramme brauchen

Baby Mozart und Baby Shakespeare: Der Förderstress beginnt mittlerweile schon im ersten Lebensjahr. Dabei brauchen Kinder weder Musik, noch Verse in digitaler Form, sondern Eltern, die sie beim Erforschen ihrer kleinen Welt liebevoll begleiten.

Der dreijährige Felix wühlt mit seinen Händen wie ein kleiner Maulwurf in einem großen Blätterhaufen. Wie das knirscht und knackt! Wie bunt die Blätter sind! Und wie lustig sie beim Hochwerfen in der Luft herumwirbeln, ehe sie zur sanften Landung auf dem Boden ansetzen! Ganz abgesehen von dem super erdigen Duft! Bevor Felix und seine Mama den Heimweg antreten, verstaut der Junge die schönsten Blätter in seinem Rucksack. Zu Hause begegnen die beiden Laura und ihrer Mama.

„Wir waren gerade bei der musikalischen Frühförderung“, erzählt Lauras Mutter. „Schließlich kann man nicht zeitig genug anfangen, den Kindern einen guten Start zu ermöglichen.“ Felix Mutter denkt eine Weile nach: Hätte sie ihren Jungen auch zum Musikunterricht anmelden sollen? Immerhin geht die dreijährige Laura darüber hinaus auch noch zum „Englisch für Vorschulkinder“. Und wenn es regnet, sitzt Anna vor dem PC ihrer Mama und betrachtet die kleine Eisenbahn, die zu Mozart-Klängen ihre Runden dreht.

Ein Blick in Felix strahlende Augen und das vor Eifer gerötete Gesicht überzeugt die Mutter vom Gegenteil. Mittlerweile hat der Kleine seinen Rucksack mit den Blättern ausgekippt und beginnt sie zu sortieren: große und kleine, rote und gelbe. Aus den größten Blättern legt der Kleine einen Weg vom Kinderzimmer in die Küche. Und nun geht er Schritt für Schritt von Blatt zu Blatt, ohne daneben zu treten. Der Blätterweg ist nämlich in Wirklichkeit eine schmale Brücke, über die das Zwergenkind zu seiner Zwergenmama gelangt.

Kinder brauchen emotionale Sicherheit

Lauras Beispiel ist kein Einzelfall. In unserem Land boomen die Frühförderprogramme. Eltern greifen danach wie nach einem rettenden Strohhalm – koste es, was es wolle. Verunsichert durch die schlechten PISA-Ergebnisse setzen sie alles daran, ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Der Gedanke an ein schlechtes Schulsystem, zu wenige Arbeitsplätze und die zunehmende Globalisierung lässt bereits Eltern von Kleinkindern kaum noch ruhig schlafen. Nicht selten beginnen Förderkurse bereits in den ersten Lebensmonaten. Als eine gigantische Hysterie bezeichnet der Göttinger Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther diesen immer mehr um sich greifenden Förderwahn. Es würden ohne Sinn und Verstand Fähigkeiten gefördert, für die das Gehirn des Kindes noch gar nicht reif sei. „Gesunde Kinder lernen von ganz allein und in ihrem eigenen Tempo“, sagt er. „Sie brauchen vor allem emotionale Sicherheit, um zu gedeihen. Eltern können die Entwicklung ihres Kindes nur unterstützen, wenn sie sich ausreichend Zeit nehmen und sich ihm liebevoll zuwenden.“ Dieser intensive Kontakt sei viel wichtiger als die gezielte Förderung der Intelligenz mit noch so ausgeklügeltem Lernmaterial oder pädagogisch wertvollem Lernspielzeug, findet Prof. Hüther.

altLernen mit allen Sinnen

Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Die Hirnforschung hat nämlich längst bewiesen: Unsere Sinne sind die Verbindung zwischen der inneren und der äußeren Welt. Wenn ein Kind geboren wird, muss es zunächst mal alle möglichen Erfahrungen sammeln, um seine Umwelt zu begreifen. Das kleine Gehirn arbeitet wie eine Präzisionsmaschine. Es sammelt alle Sinneseindrücke und ordnet sie in Kategorien. Dies führt dazu, dass sich Nervenzellen vernetzen und dauerhaft festigen. Das funktioniert allerdings nur, wenn bei einer neuen Erfahrung möglichst alle Sinne beteiligt sind. Ein Beispiel: Der kleine Paul liegt auf der Krabbeldecke. Er strengt sich an, seine Stoffpuppe zu ergreifen, und rudert dabei mit Armen und Beinen. Der Kleine muss dort hinlangen, wo er die Puppe sieht. Und er muss zupacken, wenn er den Stoff mit den kleinen Händen abtastet und mit dem Mund fühlt. Paul wird diese neue Fertigkeit in der nächsten Zeit immer und immer wieder ausprobieren.

JungebeischlechtemWetterZeichentrickfiguren kann man nicht fühlen

Doch was passiert, wenn Paul auf seiner Krabbeldecke liegt und der Fernseher läuft? Die Zeichentrickfiguren, die über den Bildschirm wandern, kann er nicht greifen und nicht in den Mund stecken. Er erlebt sie also nicht in Beziehung zu sich selbst. Paul kann die Zeichentrickfiguren nur sehen und vielleicht noch hören. Aber andere Sinne, etwa Tast- und Gleichgewichtssinn, sind dabei nicht beteiligt. Passiert das öfter, können sich im Gehirn keine Vernetzungen bilden, die für komplexere Fähigkeiten erforderlich sind. Die Folge: Die unbenutzten Vernetzungen verkümmern. Dies ist der Grund, warum immer mehr Grundschulkinder Probleme haben, rückwärts zu laufen, Purzelbäume zu schlagen oder auf eine kleine Mauer zu klettern. „Kinder brauchen sinnlich wahrnehmbare Welterfahrungen, Gelegenheiten zum Staunen, Suchen, Zweifeln, Ausprobieren und Erleben“, sagt Prof. Dr. Renate Zimmer, Dozentin für Sportpädagogik an der Universität Osnabrück. „Nur wenn ein Kind selber tätig ist, werden alle Sinne angeregt. Es lernt die Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten der Dinge kennen: etwa dass ein Ball rollt, fliegt vom Boden hoch prellt und dass dies nicht mit jedem Ball gleich gut gelingt.“

Kinder schaffen sich ihre eigene Welt

In ihrem Buch „Kinder brauchen Selbstverstrauen“ (siehe Buchtipps) schreibt sie: „Für Kinder ist es noch nicht selbstverständlich, dass aus einer Wasserpfütze über Nacht eine spiegelglatte Eisfläche wird. Das Eis muss sinnlich erfasst, auf vielfältige Weise begriffen werden: vorsichtiges Betasten, darauf treten, rutschen, stampfen, um die Festigkeit zu ergründen. Und da Kinder nichts wirklich glauben, was sie nicht auch nachvollziehen können, stellen sie am Abend ein Gefäß mit Wasser vor die Tür oder schütten in ein Rinnsal eine neue Pfütze, um sich am Morgen zu vergewissern, ob sich das flüssige Wasser tatsächlich in hartes, kaltes Eis verwandelt hat. Die Wirklichkeit muss gespürt, Ereignisse müssen nachvollzogen, Zusammenhänge selbst entdeckt werden. Denn nur so können Kinder die Welt verstehen und ihren Aufbau für sich selbst rekonstruieren.“

Das Kind oft loben und ermutigen

Kinder brauchen also keine Förderprogramme, sondern möglichst viel Gelegenheit zu schmecken, zu fühlen, zu riechen, zu sehen und zu hören. Sie brauchen Zeit und Ruhe, ihre kleine Welt zu erforschen und alles Neue beliebig oft auszuprobieren. Denn jedes Kind hat sein individuelles Entwicklungs- und Lerntempo. Mädchen und Jungen brauchen Eltern, die ihnen möglichst oft Gelegenheit zum Forschen und Entdecken geben. Die aufmerksam und achtsam mit ihnen umgehen, um herauszufinden, was die Kinder interessiert und was ihnen Freude macht. Die ihr Kind nicht mit anderen vergleichen, sondern sich mit ihm über jeden kleinen Fortschritt freuen, es loben und ermutigen. So gewinnt das Kind Selbstvertrauen: „Wenn Mama glaubt, dass ich über den Baumstamm balancieren kann, dann schaffe ich es auch!“

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