Barbara Reichle: Auseinandersetzungen - Was Kinder dabei lernen

„Kinder brauchen Eltern, die in kritischen Situationen ruhig und gelassen bleiben und die sich fair und konstruktiv auseinandersetzen“, sagt die Entwicklungspsychologin.

Prof. Dr. Barbara Reichle ist Inhaberin des Lehrstuhls für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der PH Ludwigsburg. Sie forscht zu den Themenbereichen „Kindliche Sozialentwicklung!“ und „Partnerschaftsentwicklung“.

 

BarbaraReichleWie wirkt sich verbale Gewalt bei Auseinandersetzungen mit Kindern aus?

Sie hat gravierende Folgen für ihre weitere Entwicklung. Wenn Eltern sich nämlich gegenseitig oder auch ihre Kinder anschreien, schüchtert das die Kleinen in höchstem Maße ein. Studien belegen, dass Kinder sich dann ängstlich zurückziehen. Sie wollen so vermeiden, selber Ziel des Angriffs der Eltern zu werden und reagieren schüchtern. Bis ins Jugendalter hinein fühlen sie sich in Konfliktsituationen unsicher und wissen nicht, was sie sagen sollen. Damit machen sie sich erneut angreifbar und werden oft ausgelacht und gehänselt. Andere wiederum zeigen ein aggressives Auftreten. Sie lernen am elterlichen Modell, dass man andere durch Anschreien und Beleidigungen einschüchtern kann, Es gilt das Motto: „Bevor die anderen mich verletzen, werde ich aggressiv.“ Doch die Angst bleibt. Sie lässt sich nicht wegbrüllen. Wenn Eltern wüssten, wie sehr Kinder unter verbaler Gewalt leiden, wären sie bestimmt viel vorsichtiger.

Welche Art von Streitkultur tut Kindern gut?

Kinder entwickeln sich am besten, wenn Eltern sie in ihrer Persönlichkeit ernst nehmen, sich für sie interessieren und bei Auseinandersetzungen ruhig und gelassen bleiben. Dies gilt auch für den Umgang der Partner miteinander. Am Vorbild von Mutter und Vater lernen die Kleinen nämlich soziales Verhalten. Wichtig: Ein Kind sollte bei elterlichen Auseinandersetzungen nicht das Gefühl haben, der Anlass des Streites zu sein. Ein typisches Beispiel: Die Familie steht kurz vor dem Start in den Urlaub. Es geht hektisch zu. Ein Elternteil schaut nervös auf die Uhr, der andere ist noch nicht mit dem Packen fertig. Die Situation spitzt sich zu. Es kommt zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Kinder neigen dazu, diese auf sich zu beziehen. Und sie können dabei leicht auf die Idee kommen: „Ich bin Schuld. Denn ich habe eben getrödelt. Hätte ich mich beeilt, müssten Mama und Papa nicht streiten.“

Wie können Eltern in solchen Situationen reagieren?

Wenn Nervosität aufkommt und die Auseinandersetzung vielleicht etwas heftiger als normal ausfällt, könnten Mutter oder Vater vielleicht kurz inne halten und dem Kind sagen: „Das hat jetzt nichts mit dir zu tun.“ Was oft hinzukommt: Kinder mögen keine Abweichung vom normalen Programm. Wenn es hektisch wird, beginnen sie zu stören. Die Kleineren quengeln, die Größeren albern und toben herum. Sie möchten ihre Eltern damit keinesfalls ärgern, sondern fühlen sich unsicher. Hier sollten Mutter oder Vater die Luft etwas herausnehmen, bevor sich die Situation zuspitzt. Sie könnten ihre Kinder auffordern, noch ein wenig in ihrem Zimmer zu spielen, zum Beispiel: „Während ihr spielt, packen wir in Ruhe die Koffer. Und dann geht’s bald los. Wir freuen uns. Ihr auch?“ Eltern können so ihren Konflikt von den Kindern wegnehmen.

Sollten Eltern Konflikte um jeden Preis vermeiden?

Auseinandersetzungen sind wichtig. Wenn Eltern Konflikte vermeiden und vor ihren Kindern alle Probleme unter den Teppich kehren, tun sie ihnen damit keinen Gefallen. Überall, wo Menschen zusammen leben, arbeiten und spielen, kommt es zu Meinungsverschiedenheiten. Denn es ist unmöglich, alle Interessen und Bedürfnisse und auch noch die Erwartungen und Gefühle unter einen Hut zu bringen. Es kommt daher im Zusammenleben mit anderen immer mal zu Interessenskonflikten. Hilfreich ist es, wenn in der Familie über solche Dinge gesprochen und diskutiert wird. Kinder lernen dabei, ihre Gefühle zu beschreiben, ihren Standpunkt zu vertreten und Konflikte fair auszutragen. Dies ist eine wichtige Grundlage für eine gute Streitkultur. Wer das von klein auf in der Familie mitbekommt, wird dabei auch die schöne Erfahrung machen: Ärger und Wut haben nicht das letzte Wort. Nach einem Streit gibt es eine Versöhnung.

Sollten Eltern sich nach einer Auseinandersetzung vor dem Kind versöhnen?

Auf jeden Fall. Sonst können Kinder ja nicht lernen, wie Versöhnen funktioniert. Eltern sollten auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn es in einer Auseinandersetzung mit den Kindern mal etwas lauter zugeht. Wer sich krampfhaft um Beherrschung bemüht, verliert sie irgendwann unkontrolliert. Und das ist viel schlimmer als ein kurzes Donnerwetter zwischendurch. Wer schmollt und den Rest der Familie im Unklaren darüber lässt, was los ist, verbreitet Unsicherheit. Klare Aussagen sind wichtig. Vorwürfe sollten vermieden werden, denn die führen zu Rechtfertigungen, diese wieder zu Vorwürfen und so weiter: ein verzwickter Kreislauf. Beim Streiten sind gewisse Regeln wichtig, etwa: Jeder darf seinen Standpunkt darstellen und wird dabei nicht unterbrochen. Die anderen hören zu und nehmen die Äußerungen ernst. Man kann auch Versöhnungsrituale einführen, etwa auf den anderen zugehen und ihn in den Arm nehmen. Dies bewirkt mehr als große Worte und zeigt: Alles ist wieder gut. Hier hat jede Familie Gestaltungsspielraum und Platz für Kreativität.

Wie sollten Mütter und Väter sich verhalten, wenn das Kind Anlass ihrer Auseinandersetzung ist?

Es gibt amerikanische Längsschnittstudien, die gezeigt haben: Wenn Eltern sich in der Erziehung nicht einig sind und den Streit darüber vor dem Kind austragen, waren die negativen Auswirkungen noch Jahre später bei den Kindern oder Jugendlichen in Form von sozialen- oder Persönlichkeitsbesonderheiten zu beobachten. Eltern sollten den Streit also nach Möglichkeit nicht vor dem Kind austragen, sondern später in aller Ruhe darüber reden. Jüngere Kinder brauchen feste Regeln, in denen sich Mutter und Vater einig zeigen. Denn Kleinkinder haben eine heteronome Moral. Das heißt: Für sie ist Gesetz, was Mama, Papa oder die Erzieherin im Kindergarten festgelegt haben. Sie brauchen solche festen Strukturen. Denn diese helfen ihnen, in der unübersichtlichen Welt eine Ordnung zu erkennen und sich zu orientieren. Wenn Kinder in die Schule kommen, ändert sich ihr Verständnis von Moral. Sie wird langsam autonom. Das heißt: Kinder beginnen zu lernen, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Normen haben – auch Mutter und Vater. Sie lernen, dass Regeln von Menschen gemacht werden und dass es sich lohnt, darüber zu verhandeln. Nach wie vor gilt: Es ist gut, wenn die Eltern sich in grundlegenden Erziehungsfragen einig sind. Aber es gibt Situationen, in denen die Mutter anders entscheiden würde als der Vater. Da ist es wichtig, die Verantwortung auch mal an den Partner abzugeben. Dies sollte sich allerdings die Waage halten. Es wäre nicht gut, wenn die Eltern sich gegenseitig ausspielen. Das durchschauen Kinder nämlich sehr schnell.

Frau Prof. Reichle, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg finden Sie unter www.ph-ludwigsburg.de

Ein Interview zum ThemaScheidung mit der Eltern-, Mobbing- und Trauerberaterin Dr. Jo-Jacqueline Eckardt lesen Sie bitte hier.

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