Kinder sind wichtige Schöpfer unserer Welt

Warum Mädchen und Jungen heute mehr Freiräume brauchen

Ein Gespräch mit Dr. Eckhard Schiffer

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„Huckleberry Finn hatte keine Eltern, die ihn aus Sorge um seine Zukunft zu Sklaven des Wettbewerbs und der Leistung machten. Das war sein Glück. Er hatte Freiräume, in denen er nach Herzenslust zusammen mit seinen Freunden spielen und sich ausprobieren konnte – frei von Zwängen und Leistungsnormen. Ein Schatz, den es heute für unsere Kinder wieder neu zu entdecken gilt“, sagt der Arzt, Psychotherapeut und Buchautor.

Dr. med. Eckhard Schiffer (Jahrgang 1944) ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und seit 2009 im Ruhestand. Derzeit ist er ambulant am Medizinischen Versorgungszentrum Löningen diagnostisch und therapeutisch tätig und als Referent und Supervisor aktiv. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Prävention psychischer Entwicklungsstörungen und die Salutogenese. Der gefragte Experte zu Themen wie Baby-Begegnung und „Lerngesundheit“ und Buchautor ist verheiratet, hat drei Kinder und sechs Enkelkinder.

 

 

J. Lindholm für SuZ: Freiräume des Spielens und des Dialogs: ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt. Was verstehen Sie darunter?

Dr. Eckhard Schiffer: Ich vergleiche diese Freiräume mit denen, die in den Geschichten um Huckleberry Finn, Pippi Langstrumpf und Momo beschrieben werden. Räume, die sich sowohl im Spiel als auch im Dialog der Kinder untereinander und ebenso zwischen Kindern und Erwachsenen eröffnen. Solche Dialoge finden bereits statt, wenn Eltern und Kind sich anlächeln. Das Lächeln des Babys wird durch das antwortende Lächeln der Eltern verstärkt. Das Kind teilt ihnen so auch ohne Worte mit: Nimm mich als wertvolles Geschenk wahr! Vergiss mich nicht! Dies lässt sich auch aufs spätere Spielen übertragen. Wird das Spielen, Malen, Singen und Erzählen durch die Eltern und andere Bezugspersonen geachtet und nicht etwa entwertet, so wird auch das Kind – und das innere Kind in jedem Erwachsenen – geachtet und in seinem Selbstwertgefühl gestärkt. Ein Beispiel: Kinder malen zunächst einzig und allein aus der Lust am eigenen Gestalten. Sie möchten sich in dem, was sie schöpferisch hervorgebracht haben, verschenken. Entscheidend dafür, dass Kinder dies auch weiterhin lustvoll tun, sind das annehmende Lächeln der Eltern und ihre aufmerksame Wahrnehmung. Denn das Kind selbst steckt in jedem seiner Bilder. Schön, wenn Eltern diese freudig im Freundes- und Verwandtenkreis herumzeigen und sie an der Wand aufhängen. Dieses liebevolle, wertschätzende Wahrnehmen eines Geschenkes steht gegen die menschliche Urangst, vergessen zu werden. Das Drama aber beginnt leider nicht selten, wenn Bilder von Erwachsenen belächelt oder korrigiert werden. Es setzt sich fort im gequälten Gesichtsausdruck bei falschen Tönen in der Liedmelodie, in der fehlenden Aufmerksamkeit für die Geschichte, die das Kind erzählen möchte.

Kommen wir zu den Freiräumen des Spiels. Wo liegt hier das Besondere?

Vor allem, dass man sich in ihnen verlieren und bereichert aus ihnen zurückkehren kann. Es sind immer auch Abenteuerräume. Zweckfreies Spielen, in dem Kinder sich verlieren können, bedeutet leibhaftige Welterfahrung mit allen Sinnen, einschließlich des Bewegungssinnes sowie der Gefühle. Unser Innenleben wird reich, wenn wir als Kinder die Chance haben, uns mit all unseren Sinnen und unseren motorischen Fähigkeiten zu entfalten.

Astrid Lindgren hat schon vor Jahrzehnten die heilsame Wirkung dieser Zwischen- oder Abenteuerräume beschrieben: „Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die Kraft gibt, wenn das Leben schwer wird. Was auch geschieht, was man auch erlebt, man hat diese Welt in seinem Innern, an die man sich halten kann.“

Wie profitieren Kinder vom Spielen in Gruppen?

Kinder profitieren vom Spielen mit anderen vor allem dann, wenn es mehr um den Spielprozess als um das Ergebnis geht. Fest steht mittlerweile: Kinder, die gemeinsam mit anderen prozess- und nicht nur ergebnisorientiert spielen, lernen auch erfolgreicher. Darüber hinaus gibt eine solche Kindergruppe Halt. Und Kinder lernen, sich in sinnvolle Regeln einzufügen, ohne sich dabei in ihrer Lebensfreude eingeengt zu fühlen. Andererseits lernen sie, den anderen wahrzunehmen und zuzulassen, dass auch er sich nach seinen Möglichkeiten entfalten kann. Fairplay heißt das heute und meint: Trotz aller Rauferei bleibt mein Gegenüber doch mein Spielkamerad. Auch in den Geschichten von Pippi Langstrumpf oder Huckleberry Finn geht es wild zu. Es gibt auch mal Gemeinheiten, aber keiner wird ausgeschaltet. Der freundschaftlich-tragende Zusammenhalt und die Geborgenheit durch die Haltefunktion der Gruppe werden nicht zerstört. Elemente wie wertschätzende Wahrnehmung, Zusammenhalt und Geborgenheit durch den Halt der Gruppe sind Grundlage für das Vertrauen zum Leben und für das Bewusstsein, mit allen Anforderungen und Herausforderungen des Lebens irgendwie umgehen und fertig werden zu können.

Leider empfinden heute immer mehr Kinder heute Konkurrenzdruck. Woran liegt das?

Huckleberry Finn war in dieser Hinsicht ein Glückspilz. Er hatte keine Eltern, die ihm aus Sorge um seine Zukunft Wettbewerb und Leistung aufnötigten. Einer der berühmtesten Psychoanalytiker des letzten Jahrhunderts, der englische Kinderarzt Donald Woods Winnicott schrieb in seinem Buch „Vom Spiel zur Kreativität“, das Ideal vom wahren Selbst sei da angesiedelt, wo Kinder nicht genötigt würden, Fremdinteressen zu bedienen. Wettbewerbe für Kinder unter dem Motto „Jugend malt, musiziert, turnt, singt, tanzt, reitet...“ oder was auch immer sind Ausdruck der Verbissenheit, mit der immer mehr kindlicher Freiraum gegen programmierte Nachmittage und Wochenenden eingetauscht wird. Obendrauf kommen dann noch Schulaufgaben und oft auch Nachhilfe, die dem Kind bessere Startmöglichkeiten in seine Zukunft gewährleisten soll. Hier wird eine andauernde innere Friedlosigkeit erzeugt, denn die Leistung der eigenen Kinder steht im Vergleich zu der der jeweils anderen. Die Szene wird von Konkurrenz und Wettbewerb beherrscht: Was ist mein Marktwert? Wie steche ich meinen Konkurrenten aus? Vor solch einem Hintergrund entsteht, Winnicott folgend, das „falsche Selbst“. Und das ist wegen der inneren Friedlosigkeit suchtgefährdet, wie viele Beispiele – unter anderen aus meiner langjährigen Praxis - erschreckend aufzeigen. Kinder werden aber mit Entdeckerlust und Interesse an erkenn- und beeinflussbaren Funktionszusammenhängen geboren. Und so suchen sie auch im Laufe ihrer Entwicklung Spielsituationen, die sie fordern und ihnen etwas abverlangen: Balancieren, Klettern, Schwimmen, Malen, Musizieren, Fahrradfahren, kooperierend Buden bauen – aber auch bei der Essenszubereitung helfen und die Werkzeuge der Eltern benutzen dürfen.

Helfen Kinder denn gerne bei der Haus- oder Gartenarbeit mit?

Und ob! Ein kleines Kind, das den Eltern beim Kochen hilft und dabei den Blattsalat nicht nur wäscht und putzt, zerkleinert und würzt, sondern auch noch das Glück hat, den Salat im Garten pflanzen und gießen und dann wachsen sehen und ernten zu können, feiert, was den Hunger nach sinnlichem Erleben angeht, ein Festmahl. Ein anderes Beispiel: Das Suchen und Pflücken von Brombeeren, der Duft eines sonnigen Spätsommertages, die Kratzer an der Haut, das Getröstet-werden, die Freude, ein halbes Eimerchen gepflückt und die andere Hälfte gefuttert zu haben, der Duft beim Kochen, das Abschmecken, das bange Warten, ob die Marmelade fest wird, der Stolz beim Betrachten der gefüllten Gläser: Auch das stillt den Hunger nach Sinneserlebnissen – allerdings unter einer Bedingung: Bei diesen sensomotorischen Erfahrungen sollten mehr das Spiel als die Nützlichkeit der Tätigkeit im Vordergrund stehen. Denn Spielen allein ist schon nützlich und ernsthaft genug. Kinder brauchen Erfahrungen, bei denen Sinne, Bewegungssinn und Gefühle angesprochen werden – je mehr, desto besser. Umso lebendiger wird dann die Fantasie und umso reicher das Innenleben des Kindes.

Heute sieht die Realität leider oft anders aus. Kinder werden von klein auf regelmäßig vor dem Fernseher „geparkt“ oder vertreiben sich die Zeit mit Computerspielen. Was sind die Folgen?

Die eigene innere Bilderwelt wird durch äußere Bilder via Fernsehen oder Computer überflutet. Den neuen Eindrücken, die über ein Kind hineinfluten, schließt sich kein schöpferisches Gestalten in Form von Malen, Erzählen und Spielen an. Die innere Landschaft gleicht dann einer Wüste oder Betonpiste. Doch nur über innere bewegte Bilder lassen sich äußere erschließen. Diese inneren Bilder, die beim Spielen, Fantasieren, schöpferischen Gestalten entstehen, sind entscheidend für die Entwicklung der Denkfähigkeit. Medienkinder hingegen entwickeln ein in seinen Funktionen sehr eingeschränktes Gehirn, haben dann weder die Fähigkeiten noch die Lust, auf Bäume zu klettern oder andere Aufgaben zu meistern, die nicht per Mausklick zu erledigen sind.

Was sollte Eltern heute besonders am Herzen liegen. Was raten Sie Müttern und Vätern?

Vor allem sollten Eltern sich Zeit nehmen, mit ihren Kindern zu sprechen. Sie sollten Interesse an dem zeigen, was ihr Kind erlebt und bewegt. Kindern, denen gut zugehört wird, können selber auch gut zuhören. Störquellen wie Radio, Computer oder Fernseher sollten beim Gespräch ausgeschaltet bleiben. Auch wenn man meint, gar nicht auf den stumm laufenden Fernseher zu achten: Die Wahrnehmung wird allein schon durch die ständig wechselnden Licht- und Schattenverhältnisse des Raumes gründlich gestört. Kinder, denen gut zugehört wird, sind gelassener, schlafen besser, fühlen sich weniger unter Stress und transportieren das, was sie tagsüber gelernt haben, im Schlaf besser vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Wichtig ist auch regelmäßiges Vorlesen in einer entspannten, gemütlichen Atmosphäre. Diese entsteht dann auch später, wenn das Kind selber ein interessantes Buch aufklappt und es liest. Lesen ist das entscheidende Training fürs Gehirn – nicht wahlloser Medienkonsum. Das Gleiche gilt fürs Singen und eigenes Musizieren – aus Freude daran, aber bitte niemals, um aus dem Kind das vermeintlich Beste herauszuholen. Wenn Kinder Freude am Singen und Musizieren mit anderen Kindern haben, fördert das in besonderer Weise die Entwicklung sozialer Qualitäten. Wichtig dabei: Es kommt nicht darauf an, im Wettbewerb der Beste zu sein, sondern sich auf andere „einstimmen“ zu können.

Herr Dr. Schiffer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Dieses Interview führte Jette Lindholm für unsere Redaktion.

 

Infos

Mehr Informationen über Dr. Eckhard Schiffer finden Sie auf seiner Homepage: www.eckhard-schiffer.de

 

Buchtipp

SchifferBuchEckhard Schiffer: Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde. Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen

Wie hätte Huckleberry Finn süchtig werden können? Er hat seine Träume ja ausgelebt! Viele Kinder und Jugendliche aber können das nicht. Eckhard Schiffer zeigt, wie und warum Sucht entsteht und welche Möglichkeiten es gibt, Kinder vor dieser Gefahr zu schützen. Dieses Buch bietet ein schlüssiges Konzept zur Suchtvorbeugung bei Kindern und Jugendlichen. Huckleberry Finn steht dabei für kindliche Freiheit und aufregende Abenteuer. Seine Träume setzte er um, ohne auf die Gesellschaft und ihre Normen Rücksicht zu nehmen. Heutigen Kindern hingegen wird oft die Möglichkeit genommen ihre Träume und Sehnsüchte auszuleben. Wie dennoch Freiräume geschaffen werden können, zeigt Eckard Schiffer in seinem mit über 100.000 verkauften Exemplaren höchst erfolgreichen Buch. Es ist eine Einladung zur Aufsässigkeit dort, wo es darum geht, Kindern ihr Recht zur schöpferischen Entfaltung zuzugestehen. Es führt eine Gesellschaft ad absurdum, die auf Reibungslosigkeit und kontrollierbare Leistung getrimmt ist, die sich intensiv mit PISA-Testergebnissen auseinander setzt und dabei das Wichtigste völlig aus den Augen verloren hat: Dass Kinder nämlich nur dann erfolgreich lernen und zu lebenstüchtigen Menschen heranwachsen, wenn sie sich schöpferisch frei entfalten können und es zu lebendigen, nicht von starren Lehrplänen diktierten Begegnungen zwischen allen an den Lernprozessen Beteiligten kommt. Der Autor lädt Eltern ein, zusammen mit ihren Kindern die eigenen schöpferischen Kräfte wieder neu zu entdecken.

Beltz Verlag, 160 Seiten, 12,95 Euro

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