Sibylle Engstrom: Was heißt denn eigentlich "Spielend Lernen"?

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Anlässlich des Mottos “Spielend lernen" der Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg 2008 beschäftigte sich unsere Chefredakteurin mit der Frage, welches Spielzeug Kinder brauchen, um ihrem Alter entsprechend lernen zu können und was "Lernen" im Vorschulalter eigentlich bedeuten sollte. Es ist ein Plädoyer fürs freie Spielen, zu dem sie hier kommt.

Die NWZ -Mitarbeiterin Monika Uldrian hat Sibylle Engstrom dazu befragt:

Frau Engstrom, was muss ein Spielzeug Ihrem Ermessen nach können oder leisten, um “gutes" Spielzeug zu sein?

Wichtig ist die Multifunktionalität, das heißt, ein Spielzeug muss viel Raum für die eigene Kreativität lassen und vielseitiges Spiel ermöglichen. Ein Beispiel dafür sind Bauklötze, die immer wieder neue Spielszenarien ermöglichen und viel Raum für die Fantasie des Kindes lassen.

Das Motto “Spielend lernen" auf der weltgrößten Spielwarenmesse in Nürnberg 2008 beinhaltet die zunehmende Bedeutung von so genannten Lernspielzeugen. In Ihrem Vortrag sprechen Sie vom übersteigerten Leistungsdruck, der als eine der Ursachen für die Fehlentwicklung in der Kindheitsgestaltung angesehen werden kann. Was heißt das konkret?

Eltern spüren einen unheimlichen Druck und haben oft das Vertrauen in die gesunde kindliche Entwicklung verloren. Eine indianische Weisheit besagt, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Heute scheint es en vogue zu sein, “am Gras zu ziehen" – ja eigentlich sind inzwischen jene suspekt oder werden als nachlässig angesehen, die es nicht tun. Die Aussagen der Hirnforscher, dass das kindliche Gehirn besonders aufnahmebereit sei, werden häufig dahingehend missverstanden, dass nun versucht wird, möglichst viel intellektuelles Wissen in dieser Lebensphase zu vermitteln. Eltern trauen sich kaum mehr, ihre Kinder einfach „nur“ spielen zu lassen. Das freie Spielen ist jedoch kein Zeitvertreib, sondern eine ernsthafte Aktivität des Kindes, “Entwicklungsaktivität". Für Kleinkinder und Vorschüler gilt: Spielen ist Lernen - über praktische Erfahrungen und eigenes Tun, nicht über den Kopf. Das freie Spielen ist die gesündeste und umfassendste Art des Lernens in dieser Lebensphase.

Welche Faktoren wirken sich auf das freie Spielen kontraproduktiv aus?

Wenn Kinder zu früh auf die Erwachsenenrealität festgelegt werden. Sie trauen sich dann nicht mehr in ihre Fantasiewelt einzutauchen. Oft verhindern Erwachsene diese Fantasie sogar, in dem sie beispielsweise ihrem spielenden Kind sagen, dass der Klotz in der Hand des Kindes doch nur ein Holzklotz und kein Telefon sei. Stattdessen bekommt das Kind dann ein detailgetreues Spielzeug-Handy geschenkt. Hemmend wirkt sich auch ein Zuviel an organisierten Freizeitangeboten aus, die den Kindern kaum noch Raum für die Entwicklung eines freien kindlichen Spiels lassen.

SpielmitRegenbogenWie sieht es mit Lernspielzeugen aus?

Ich sehe Lernspielzeuge zwiespältig. Einerseits sind sie heute an vielen Stellen „therapeutisch“ notwendig, weil Kinder massive Defizite haben. Dabei denke ich an Spiele, die z.B. der Ausbildung der Sinne oder bestimmter motorischer Fähigkeiten dienen. Doch mit den vielen Lernspielzeugen, die lediglich dazu da sind, kognitives und leistungsorientiertes Lernen zu versüßen und spielerisch zu verpacken, stehe ich auf Kriegsfuß. Und ich gebe dem Lernen am echten Leben eindeutig den Vorrang vor den Laborsituationen, die durch den Boom von Lern- und Förderspielzeugen im Kinderzimmer immer häufiger werden. Warum sollte ein Kind mit einem Lernspiel erklärt bekommen, wie ein Kuchen gebacken wird oder virtuell am Bildschirm den Backvorgang simulieren, anstatt mit den Eltern gemeinsam einen Teig zu rühren, den man sehen, riechen, schmecken und fühlen kann? Anstatt den Nachwuchs durch Achtsamkeit in der Natur und im Alltag für Gerüche zu sensibilisieren, gibt es ein Riech - Memory zum Spielen. Manche Kinder reagieren geradezu “allergisch" auf Lernspielzeuge - sie merken die Erwartungshaltung des Erwachsenen, die dahinter steht. Eigentlich sollten Freude und Neugier das Motiv fürs Lernen sein, nicht die Leistung. An der Vielschichtigkeit, die das ganz normale Leben bietet, lernen Kinder so viel mehr - und je vertrauter ihnen dieses aus dem eigenen Erleben ist, umso selbständiger und selbstbewusster werden sie es später meistern. Die Basisfähigkeiten und -qualitäten des Menschen, die eigentlich in der Kindheit ausgebildet werden sollten, finden immer weniger Beachtung.

Was können Eltern machen, wenn es dem Nachwuchs langweilig wird?

Langeweile ist das Panikwort schlechthin für viele Eltern, da fangen viele das Vibrieren an (schmunzelt). Dabei kann die Langeweile etwas sehr Hilfreiches sein und die Persönlichkeit stärken. In der Langeweile lernt man sich selbst zu begegnen und mit sich selbst umzugehen. Aus Momenten der Langeweile entstehen oft die schönsten Spielideen, wenn nicht gleich mit einem Beschäftigungsplan der Eltern eingegriffen wird. Und Kinder, die von klein auf spielen durften und nicht zu sehr an Medienkonsum gewöhnt sind, haben meist noch gar nicht richtig angefangen, über Langeweile zu klagen, bevor sie schon wieder mitten im nächsten Spielprojekt sind. Für Familien, die dennoch ein Langeweileproblem haben, geben wir auf unserer Webseite zahlreiche Anregungen, wie Eltern Kinder ans Spielen heranführen können. Und es gibt einen kleinen Ratgeber von Spiel und Zukunft zum Thema „Langeweile? Kein Problem“.

Welche Möglichkeiten haben Eltern, das freie Spielen zu fördern?

Die Spielfreude und -fähigkeit entsteht nicht bei jedem Kind von alleine, aber sie kann geweckt und gepflegt werden, indem die Eltern oder Erzieher das Kind ins Spiel einführen, Puppen und Tiere „beleben“ helfen und ihnen so einen Charakter geben, indem sie selbst kreativ werden im Bau von Höhlen oder Häusern aus Tüchern oder indem sie „vorleben“ wie aus dem Garten Indianerland wird oder aus der Gartenliege ein Schiff, mit dem man sich durch den Sturm kämpfen muss. Denn wenn ein Kind erlebt, wie so eine Spielwelt entsteht, wird es bald selbst eigene Welten schaffen und sie mit seiner eigenen Phantasie ausgestalten - am liebsten natürlich mit anderen Kindern zusammen, ob dies nun Geschwister oder Freunde sind. Dann müssen wir lediglich noch Raum schaffen im Alltag, wo solches Spiel sich entfalten kann.

Und wohin gehen die Spielzeugtrends?

Im Trend liegt an erster Linie leider Medienspielzeug in allen Varianten, gefolgt von Förder- bzw. Lernspielzeugen. Die Spielzeug-Fachhändler haben in den letzten Jahren deutlich gemerkt, dass die Zeitspanne fürs freie Spiel immer kürzer wird und dass sich dementsprechend klassisches und hochwertiges Spielzeug schwerer tut. Außerdem hat die „Geiz ist Geil“-Mentalität sich auch im Spielzeugmarkt stark ausgewirkt. Doch die ist Gott sei dank am abebben und die Rückrufaktionen von gesundheitsschädlichen Spielzeugen aus China hat auch gezeigt, dass es nicht gleichgültig ist, mit was unsere Kinder spielen. Der Preis ist nicht mehr das alleinige Kriterium, sondern nun geht es Eltern auch wieder vermehrt um Qualität und um vertrauenswürdige Herstellung von Spielzeug. Ich bin sicher, dass spätestens in ein paar Jahren auch eine Rückbesinnung stattfinden wird auf Holzspielzeug und andere klassische Spielzeuge, die das eigentliche Spielen, diese essentiell wichtige Entwicklungsaktivität unserer Kinder, ermöglichen.

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