Christoph Meinecke: Werden unsere Kinder unglücklicher?

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Spiel und Zukunft im Interview mit Herrn Dr. med. Christoph Meinecke, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin und engagiert sich als Geschäftsführer des Familienforums Havelhöhe.

Spiel und Zukunft: Meinen Sie wirklich, dass unsere Kinder unglücklicher werden?

Dr. Meinecke: Ja, davon bin ich in der Tat leider überzeugt. Das Ärzteblatt vom 25.2.2005 schreibt unter Hinweis auf Prof. Hurrelmann von der Universität Bielefeld von „neuen Krisenzeichen in der Pädiatrie, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf“.

Unseren Kindern geht es heute objektiv gesehen tatsächlich schlechter. Schon im Säuglingsalter sehen wir zunehmend unruhige Babys. Allergien, Diabetes, Gelenk- und Haltungskrankheiten, Gefäßerkrankungen und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu.
Wir können tatsächlich von einer zunehmenden Morbidität sprechen, denn erstmals seit Kriegsende geht es einer Kindergeneration gesundheitlich schlechter als der Generation vor ihr.

Können Sie uns in diesem Zusammenhang ein paar Zahlen und Fakten nennen?

50 % der 12-18 jährigen leiden unter körperlichen oder seelischen Beschwerden. 20 % der 10.-Klässler leiden unter Übergewicht, 10 % unter Adipositas (Fettsucht). Dies entspricht einer Verdoppelung in den letzten 10 Jahren und führt zu einer Zunahme des Risikos für Herz- und Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck (Rate heute bei Kindern bereits 3 %), Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen und Diabetes mellitus. Die Allergie-Rate bei Kindern hat sich innerhalb einer Generation (15 Jahre) verdoppelt auf jetzt 51 % bei Stadtkindern und 24 % bei Kindern, die auf dem Land groß werden. Bei Stadtkindern liegt allein die allergische Asthma-Rate bei 14 %, auf dem Land liegt sie bei 8 %. Kinder, die auf Bauernhöfen groß werden, leiden hingegen nur zu 2,2 % unter allergischem Asthma! Fast 1/3 aller Einschüler in Berlin sind förderbedürftig, 25 % aller Schüler bis zum 15. Lebensjahr in Berlin benötigen Therapien. 60 % der Einschüler zeigen Haltungsschwächen. Die häufigsten Arbeitsausfälle bei Erwachsenen erfolgen durch Rückenprobleme! Hier sehen wir die langfristigen Folgen! 20-30 % aller 12-18 jährigen zeigen Stresssymptome, 27 % Verhaltensauffälligkeiten, 13 % sind psychiatrisch behandlungsbedürftig, aber nur für 5 % stehen Behandlungsplätze zur Verfügung. Von 1997-2002 hat sich laut einer Studie der DAK die Häufigkeit von Angsterkrankungen, Depressionen und Essstörungen verdoppelt. Die Zahl der Selbstverletzungen hat sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren verdoppelt, in Berlin gar innerhalb von 2 Jahren verdreifacht! Die Frustrationstoleranz nimmt unter den Jugendlichen ab und 10-12 % gehen in Deutschland ohne Schulabschluss ins Leben!! Schon im Säuglingsalter sehen wir eine Zunahme an Verhaltensstörungen: Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen, die sog. Regulationsstörungen im Säuglingsalter treten mittlerweile bei jedem vierten bis fünften Kind auf!

Was für Arten von Verhaltensstörungen nehmen Sie bei den Kindern wahr, die in Ihre Praxis kommen?

Es gibt zwei Richtungen von Verhaltensstörungen. Einerseits die externalisierenden Verhaltensstörungen, die nach außen gehenden. Das sind die Kinder, die man hyperaktiv, aggressiv oder impulsiv nennt. Auf der anderen Seite stehen die internalisierenden Verhaltensstörungen, das sind die Kinder mit Depressionen und Ängsten, Essstörungen und zwanghaftem Verhalten. Gerade mit Ängsten haben wir es in den letzten Jahren sehr stark zu tun.

Natürlich stehen alle Menschen und Kinder immer zwischen diesen zwei Polen, dem Rückzug nach innen und dem Mitteilen nach außen. Wenn ein Austausch stattfindet zwischen beiden Polen, wenn wir eine Mitte zwischen den beiden Polen finden, ist dies gesund. Geht es in ein oder das andere der beiden Extreme und belastet dadurch das Kind oder seine Umwelt, so nennen wir es eine Verhaltensstörung.

Was meinen Sie, ist das Kernproblem unserer Kinder heute?

Unsere Kinder hat eine große Unruhe ergriffen. Wir beklagen unruhige Kinder, aber die sinnvollere Fragestellung lautet eigentlich „Was beunruhigt unsere Kinder“?

Was meinen Sie denn, was das ist das, das unsere Kinder beunruhigt?

Das sind verschiedene Faktoren, die auf unsere Kinder einströmen. Ich möchte sie in Schlagworten aufzählen: Reizüberflutung, zu viel abstrakte Informationen, Leistungsdruck, fehlender Rhythmus, chaotischer Tagesablauf, Auflösung der familiären Strukturen und damit fehlende zusammen-hängende, feste Bindungen, fehlende feste Bezugspersonen und Verlustängste. Hinzu kommen die räumliche Enge, in der Kinder heute oft aufwachsen und der Bewegungsmangel sowie falsche Ernährung. Auch eine gewisse Unwahrhaftigkeit im Umgang kann Kinder beunruhigen. Letztlich haben es unsere Kinder mit einer negativen Haltung unserer Gesellschaft Kindern gegenüber zu tun, die auf sie abfärbt.

Zu allen genannten Schlagworten gibt es genügend Studien. Ich brauche vielleicht nur zu erwähnen, dass wir, und damit auch unsere Kinder, ca. 2000 Werbebotschaften pro Tag wahrnehmen, ob wir wollen oder nicht und dass ein 14jähriger Jugendlicher bereits ca. 18.000 Leichen in seinem Leben gesehen hat!

Ist Schlafmangel ein Thema in Ihrer Praxis?

Ich stelle in meiner Praxis immer wieder fest, dass unruhige Kinder oft deutlich weniger schlafen als andere. Kindergartenkinder sollten eigentlich zwölf Stunden schlafen, Schulkinder etwa 10 - 11 Stunden. Zur optimalen Aufnahme und Verarbeitung von Lerninhalten sollten selbst Abiturienten noch 9 Stunden schlafen. Davon sind unsere Oberstufenschüler weit entfernt.

Schon Säuglinge haben heute viel mehr Krach und Lärm zu verkraften. Prof. Hurrelmann aus Bielefeld hat festgestellt, dass die Sinne unserer Kinder einseitig im Hören und Sehen überstimuliert sind, dass andere Sinne wie Riechen und Tasten und auch das Atmen und Sprechen unterentwickelt sind.

Die Realität zeigt uns: ein hyperaktives und unruhiges Kind hat häufig auch ein hyperaktives, unruhiges und/oder überstimulierendes Umfeld.

(zum Thema Abend- und Einschlafrituale können Sie hier weiterlesen)

Gibt es ein zentrales Thema, das immer wieder auftaucht und das Sie für viele der Probleme verantwortlich machen?

Ein wichtiger Faktor ist der Zeitmangel. Eltern nehmen sich heute zu wenig Zeit für ihre Kinder. Und die wenige Zeit wird nicht aufmerksam mit den Kindern verbracht, sondern häufig in im Außen orientierten Aktivitäten verschwendet.

Wie viel Zeit verbringen die Eltern durchschnittlich mit ihren Kindern?

Der Familienbericht der Bundesregierung besagt, dass eine Mutter durchschnittlich 2, 5 Stunden am Tag mit allen ihren Kindern verbringt. Ein Vorschulkind wird im Durchschnitt 60 bis 80 Minuten pro 24 Stunden von seinen Eltern versorgt.

Die Berliner Schuleingangsuntersuchung, die man eigentlich erhoben hatte, um den Sprachstand von Migrantenkindern festzustellen, förderte erschreckende Zahlen über das Sprachvermögen von deutschen Erstklässlern zutage. Es ist ganz klar: unsere Kinder lernen das Sprechen immer weniger.

Sprechen denn die Eltern nicht mehr mit ihren Kindern?

Man hat herausgefunden, dass Eltern nur 10 bis 12 Minuten am Tag mit ihren Kindern sprechen.Dem Partner geht es allerdings noch schlechter.  Miteinander sprechen die Eltern nur noch 5 Minuten am Tag.

Man fragte Kinder in dieser Untersuchung, was sie sich am meisten von ihren Eltern wünschten und die Antwort lautete eindeutig: „mehr Zeit“. Daraus wird ersichtlich, dass den Kindern ihre Eltern abhanden kommen. Daher scheint es mir sehr fraglich, ob die staatliche Förderung von möglichst früher Fremdbetreuung tatsächlich so günstig für die gesunde Entwicklung von Kindern ist. Das beste, was den Kindern ja passieren kann, sind ihre eigenen Eltern. Leider wird in Deutschland die Erziehungstätigkeit der Eltern an ihren eigenen Kindern viel zu wenig gewertschätzt. So will man sein Kind schon früh los werden und gibt es mit knapp 1 Jahr in die Fremdbetreuung.

Was sind denn die idealen Stationen einer gesunden Kindheitsentwicklung?

Das Kind kommt aus dem Bauch der Mutter, wo es idealerweise erlebt, dass für es gesorgt ist, dass es erwünscht ist, dass es vorgesehen ist. Es wird getragen, genährt, gewärmt und umhüllt. Aus dieser Zeit bringt es etwas mit, das nennen wir Urvertrauen. Unser Ziel als Eltern ist es ja, dieses Vertrauen nicht zu zerstören, sondern das Kind so zu begleiten, dass sich aus dem Urvertrauen allmählich Selbstvertrauen bilden kann und dass das Kind letztlich diese Vertrauenskräfte in die Welt tragen und mit Hilfe dieser Kräfte seiner Bestimmung gemäß die Welt mitgestalten kann. Hinter Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter stehen meiner Erfahrung nach immer Vertrauensprobleme.

Manche Lehrer klagen, dass Eltern den Kindern heute zu viel abnehmen?

Das ist durchaus auch eine der Gefahren. Die Überbehütung, die Sie ansprechen, macht Kinder sehr unselbstständig und hindert sie daran, Selbstvertrauen zu entwickeln.

Wir haben es also mit zwei Gefahren zu tun, die Gefahr der Überbehütung und die Gefahr der Überforderung bzw. Vernachlässigung. Hier müssen wir Eltern die goldene Mitte finde. Das Kind muss eigene, auch negative Erfahrungen machen dürfen, damit Selbstvertrauen entstehen kann. Dies entwickelt sich eben nur am selber Tun. Wird das Kind aber überfordert, wird seine Frustrationstoleranz häufig überspannt, so verliert es das Urvertrauen. Wo es an Selbstvertrauen oder Urvertrauen mangelt, entstehen Verhaltensstörungen.

Eine gesunde Entwicklung kann also zustande kommen, wenn ein Kind Urvertrauen hat und Selbstvertrauen entwickeln kann. Was gehört noch dazu, damit sich ein Kind gesund entwickelt?

Ganz wichtig ist es, dass ein Kind das so genannte Kohärenzgefühl entwickeln kann.

Können Sie bitte erklären, was Sie damit meinen?

Das ist ein von dem Forschungsgebiet der Salutogenese entwickelter Begriff, der besagt, dass Menschen umso gesünder sind, je mehr sie das Gefühl haben, dass sie ihre täglichen Aufgaben verstehen und handhaben können und dass diese Aufgaben sinnhaft und in einen höheren Zusammenhang eingebunden sind. Kinder müssen allmählich das Gefühl entwickeln dürfen, „mit dem, was ich mitbringe, kann ich mein Leben managen“. Ein Kind muss verstehen lernen, wie die Welt geordnet ist, und empfinden dürfen, dass die Weltzusammenhänge und sein eigenes kindliches Dasein sinnhaft sind.

Das ist ein sehr religiöser Gedanke. Wie wichtig ist Religion für Kinder?

Kinder tragen eine ganz natürliche Religiosität in sich. Sie lieben religiöse Rituale wie Tisch- und Abendgebet, Abend- oder Morgenlieder, andachtsvolle Stimmungen usw. Als anthroposophischer Arzt bin ich der Meinung, dass die seelisch geistige Wesenheit des Menschen nicht wie ein Zufallsprodukt aus dem Körper entsteht, sondern aus einer geistigen präexistenten Welt stammt.

Ein Kind braucht auch auf der Erde einen Bezug zu seiner geistigen Heimat, damit es gesund bleibt.

Was ist nötig, dass ein Kind gut in seinem Körper ankommt?

Aus der geistigen Heimat kommend muss das Kind auf der Erde drei neue Heimaten finden: Es muss in seinem Körper ankommen und sich dort wohl und sicher fühlen dürfen, es muss dies aber auch für seine räumliche Umgebung (hier liegt der übliche Heimatbegriff) und ganz wichtig für seine soziale Mitwelt, also in der Beziehung zu anderen Menschen, dürfen.

Was können Eltern tun, damit ein Kind mit sich selbst in Beziehung treten kann?

Es gibt einige Entwicklungsschritte, die ein Kind macht, um seinen Körper zu ergreifen. Diese Schritte darf man nicht überspringen.

Eltern sollten die Bewegungsentwicklung der Kinder nicht stören. Babys sollen sich aus eigener Kraft vorwärts bewegen, aus eigener Kraft drehen und aufsetzen können. Man sollte die Kinder da hinein kommen lassen und nicht zu früh eingreifen. Nicht helfen, nicht führen. Man sollte mit gesunden Kindern im ersten Lebensjahr keine Übungen machen, auch möglichst wenig kommentieren oder applaudieren, damit man das Selbsterleben nicht stört.

Ich kann hierzu die Bücher „Friedliche Babys – zufriedene Mütter“ und „Lass mir Zeit“ sowie die ganze Arbeit von Emmi Pikler empfehlen! (Näheres zu diesen Bücher-Tipps finden Sie hier!) Sich in der Bewegung zu erleben ist ein Grundpfeiler der gesunden Entwicklung, auch für ältere Kinder. So fand man heraus, dass die Einführung einer Stunde Schulsport täglich nicht nur die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen senken kann sondern auch die Schulleistungen deutlich verbessert!

Sind Bewegung und Sport also gesundheitsfördernd?

Ja, und nicht nur das, denn die Grobmotorik und die Feinmotorik hängen sehr eng mit der Sprachentwicklung zusammen. Gefördert werden muss demnach bei einem Kind mit Sprachproblemen zunächst die Motorik.

Beim hyperaktiven Kind hingegen, das außen orientiert ist und sich häufig verletzt, ist es wichtig den Gleichgewichtssinn zu schulen. Dabei können die Hengstenbergmethode und die Heileurythmie eine sehr große Rolle spielen.

Hibbelige Kinder z. B. kippeln deshalb, weil sie den eigenen Gleichgewichtssinn stimulieren wollen.Das Kippeln gibt ihnen eine Rückmeldung an sich selbst, so spüren sie sich selbst und können aufmerksamer sein. Hierfür kann man den Kindern z.B. eine Kippelscheibe auf den Stuhl legen oder man setzt sie im Unterricht auf einen großen Gymnastikball. Dann ist das Kippeln und Hibbeln nicht so gefährlich!

Die Kleidung gibt dem Körper über den Tastsinn ständige Rückmeldung. Die Geburt zu Beginn des Lebens ist ja eine erste ganz intensive Rückmeldung auf den eigenen Körper und gibt uns das Signal: hier, in diesen Körper geht es hinein. Von Kopf bis Fuß werden wir da durchgeknetet!

Nägel knabbern beispielsweise stimuliert auch den Tastsinn und zeigt, dass die Kinder ein größeres Bedürfnis haben, sich selbst zu spüren (vielleicht, weil sie durch etwas anderes beunruhigt oder ängstlich sind). Solchen Kindern kann man helfen, in dem man sie mit Händen und Füßen etwas Unsichtbares greifen lässt, oder sie in Badewannen legt, die mit Korn, Kastanien oder anderem Material gefüllt sind.

Wie können unruhige Kinder ein gutes Wohlgefühl bekommen?

1. Eine abendliche Massage tut solche Kindern sehr wohl. Sie gehen dann gelöster und vertrauensvoller in die Nacht. Auch eine morgendliche Massage kann hilfreich sein, besonders dann, wenn es ein Kind schwer hat, morgens zu sich, d.h. in sich hinein zu kommen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit für die Schule z.B. verbessert.

Man darf nicht unterschätzen, was dabei allein die Tatsache bewirkt, dass sich die Eltern vielleicht 15 Minuten voll und ganz dem Kind widmen. Daher sollte man beim Massieren auch möglichst ganz bei der Sache sein und nicht mit den Gedanken abschweifen.

2. Auch ein Mittagschlaf oder eine Ruhezeit vielleicht mit einem Bauchwickel kann Wunder tun.

3. Wichtig sind tagesstrukturierende Maßnahmen, wie feste Essens- und Schlafenszeiten. Man sollte Lebensprozesse rhythmisch gestalten und Rituale schaffen. Rituale zu haben, heißt Übergänge zu gestalten, z.B. Abendmassagen, Abendgeschichte, Abendgebet Diese Rituale stellen Beziehung her. Für die Rituale gilt, geistig präsent bleiben. (Link auf den Abend gestalten).

4. Immer hilfreich ist es, wenn Eltern lehrreiche Geschichten erzählen, die selbst erdacht sind und in die das Problem hineingelegt wird, das das Kind vielleicht mit sich herumschleppt. (Mehr zum Thema "Heilsame Geschichten" finden Sie hier.)

5. Die Probleme des Kindes sollten niemals vor dem Kind verbalisiert werden: „Du bist immer so unruhig, wir müssen uns dagegen etwas überlegen“ ist wenig hilfreich. Reden Sie nicht mehr direkt über das Problem. Nennen Sie es beispielsweise „das Böckchen in Dir“ das alles kaputt macht und erfinden Sie eine Geschichte, wo genau dieses Böckchen seine Kraft und seinen Eigensinn so einsetzt, dass es beispielsweise die Familie rettet.

Ich möchte betonen, dass solche Geschichten ganz, ganz einfach sein können und dennoch ihre Wirkung nicht verfehlen, besonders bei Kindern bis zu neun Jahren.

Grundsätzlich ist es immer besser, Kindern ein Bild zu geben, als sie abstrakt zu belehren.

6. Ein Kind braucht feste soziale Bindungen. Die erste feste Bezugsperson, zu der das Kind im ersten Lebensjahr eine Beziehung aufbauen will ist in der Regel die leibliche Mutter. Man nennt diese die „primäre Bindungsperson“. Der Vater wird gegen Ende des zweiten Lebensjahres genauso wichtig. Dann folgen weitere wichtige Bezugspersonen. Die leiblichen Eltern können aber auch ganz durch fremde Bezugspersonen ersetzt werden, wenn diese das gleiche erforderliche Feingefühl, d.h. Einfühlungsvermögen in die kindlichen Bedürfnisse unter Ausklammerung der eigenen, aufbringen können. Ein Mensch nimmt dann keinen Schaden, wenn die erste fremde Bezugsperson vor dem Alter von drei Monaten in Erscheinung tritt.

Sieht es denn wirklich so schlimm aus mit der Verunsicherung unserer Kinder?

Ja, hierzu möchte ich nur zwei Zahlen nennen. In den 80er Jahren fühlten sich noch etwa dreiviertel aller Kinder zu ihren Eltern bindungssicher, heute stellen pessimistische Studien dies nur noch bei einem Drittel der Kinder fest. Und das ist fatal für die Gesundheit. Wir wissen nämlich, wer als Kind sicher gebunden ist, ist als Erwachsener selbst für körperliche Krankheiten zu 50 Prozent weniger anfällig .

Die Basis für die Bindungssicherheit wird in den ersten drei Lebensjahren gelegt. Väter sind heute bei der Geburt präsent und helfen ihren Partnerinnen viel in der Versorgung des Kindes, was sehr schön ist. Manche treten am Anfang sogar in emotionale Konkurrenz zur Mutter, was nicht so gut ist, denn dadurch kann das Kind verunsichert werden. Im Laufe der Jahre verlieren die Väter leider oft an Interesse oder trennungsbedingt den Einfluss auf das Kind. Vaterlosigkeit ist aber ebenfalls eine große Belastung für die kindliche Entwicklung.

Welche Fehler sollten Eltern bei Babys vermeiden, die ja gerade damit beschäftigt sind Beziehung aufzubauen?

Der Kontakt, den uns das tägliche Leben schenkt, ist sehr wichtig. So ist das Geschehen auf der Wickelkommode oftmals prägend. Wenn man den Säugling wickelt, bemüht sich das Baby zunächst um Kontakt und guckt einen an, man guckt und gurrt zurück. Wenn sich das Baby nun einen Moment abwendet, kann etwas Einschneidendes passieren. „Hyperreaktive Eltern“ werden lauter, wenn sich das Kind abwendet und versuchen so, seine Aufmerksamkeit wieder zu erlangen.

„Introvertierte, depressive Eltern“ wenden sich selber ab, indem sie mit der Tätigkeit innehalten, weil sie durch die kindliche Reaktion verunsichert sind oder fürchten etwas falsch gemacht zu haben. In beiden Fällen reagiert der Säugling verunsichert, denn er hat das Gefühl, etwas nicht recht zu machen bzw. seinen Eltern Sorgen zu bereiten.

Richtiges und gesundes Elternverhalten wäre es, das Baby unbeirrt und leiser sprechend weiter zu wickeln.

Was ist nun das beste Mittel damit Kinder gesund aufwachsen?

Bindung ist das, was unser Kinder am meisten brauchen, das was sie am meisten vor Krankheiten schützt. Die Beziehung ist das wichtigste Element in dem ganzen Gefüge. Kinder brauchen Eltern, die mehr Zeit für sie haben. In den Eltern haben Kinder den größten Schatz!

Schwierige Kinder brauchen einen Betreuer, der glaubhaft ist und der es ernst mit ihnen meint, jemand der Grenzen setzt, jemand der sagt, ich toleriere zwar dein Verhalten nicht, daran übe ich mit Dir, aber ich kündige dir deshalb nicht die Beziehung auf.

Gibt es eine Faustregel wie man aktiv eine sichere Beziehung zu Kindern aufbauen kann?

Ja, ich nenne Ihnen diese Regeln: Sprechen und innere Beteiligung. Das beginnt schon auf der Wickelkommode: Das Vertrauen und die Bindungssicherheit des Babys werden gestärkt, wenn wir bei allem, was wir am Kind tun, innerlich beteiligt und nicht mit unseren Gedanken bereits bei zig anderen Sachen sind. Dafür hilft, alles was wir am Kind tun, liebevoll mit unserem Sprechen zu beschreiben. Dann sind wir automatisch anwesend, d.h. in der Beziehung und das Kind erhält die schönste Sprachförderung!

Das gilt für die ganze Kindheit und das Heranwachsen von Kindern? Können Sie Eltern einige hilfreiche Hinweise oder eine Leitlinie geben?

Ja, suchen Sie immer das Gespräch und die Auseinandersetzung, seien Sie klar und ehrlich, geben Sie Liebe und Struktur, seien Sie zuverlässig. Ganz wichtig ist es, Grenzen zu setzen und Abmachungen zu halten, diese nicht zwei Minuten später außer Kraft zu setzen. Drohungen sollte man immer wahr machen, und daher nur solche aussprechen, die man auch halten kann. Wenn es einen Partner gibt, diesen nicht herabsetzen, ihm nicht in den Rücken fallen und von ihm aufgestellte Regeln keinesfalls außer Kraft setzen.

Seien Sie liebevoll konsequent. Seien Sie berechenbar und ergreifen Sie keine unvorhersehbaren Maßnahmen. Echt und ehrlich sein heißt auch, z.B. nicht heimlich und unauffällig das schlafende Baby abzulegen und aus dem Zimmer schleichen, sondern ihm klar sagen „Ich lege dich jetzt hin, du schläfst schön und ich bin in der Nähe, wenn etwas ist“.

Auch sollten Sie sich beispielsweise niemals aus dem Kindergarten davonstehlen, sondern offen verabschieden.

Und vergessen Sie nicht, Humor anzuwenden! Denn Humor trennt zwischen Person und Verhalten. Ironie hingegen mögen Kinder nicht, das verunsichert sie und verletzt sie in ihrer Persönlichkeit.

Entwerten Sie Ihr Kind niemals, vermeiden Sie Sätze die mit „Du bist immer so …“ beginnen. Das schwächt die Persönlichkeit und das Selbstbild wird dann aus der Entwertung gebildet. Das führt dann beispielsweise dazu, dass sich der Jugendliche nur authentisch erleben kann, wenn er dem Negativ-Bild entspricht.

Fordern Sie Konsequenz ein, aber muten Sie sich und dem Kind nicht zu viel auf einmal zu. Bei einer Sache konsequent zu bleiben reicht aus, z.B. nicht den Ranzen in den Flur zu schmeißen, nicht unschön zu essen. Formulieren Sie Ich-Botschaften „Ich stolpere immer über deinen Ranzen, daher möchte ich, dass...“

Sie sagten anfangs Verhaltensstörungen seien immer Beziehungsprobleme? Gilt das auch für andere Bereiche als die Beziehung zu den Eltern oder zu sich selbst?

Selbstverständlich: Ein Bereich ist beispielsweise, die Beziehung zur Umwelt, ein anderer der zur geistigen Welt.Wie gehe ich mit der Natur, mit der Umwelt, mit Nahrungsmitteln, mit Wesenheiten, dem Raum, auch dem Innenraum um? Lebe ich dem Kind hier Einfühlungsvermögen, Liebe, Ehrfurcht, Andacht, Achtsamkeit, Qualitätsbewusstsein, Rücksicht vor?

Ein Gebet schenkt geistige Heimat, die kann man z.B. durch Schutzengelgeschichten anklingen lassen. Wichtig ist es, dem Kind Bilder zu geben, die die Seele ansprechen.

Können Sie Eltern erklären, warum es so wichtig ist, Kindern solche Bilder mitzugeben?

Gerne. Ein Kind kann sich die Welt nicht mit Begriffen und Logik erklären. Es lebt in Bildern und Empfindungen und hat hier allerdings ein untrügliches Gespür für Wahrhaftigkeit und Stimmigkeit. Um auf der Welt ankommen zu können, muss es seine innewohnenden Bilder allerdings wieder finden, sonst reagiert es verwirrt und unsicher.

Kinder haben eigentlich das Vertrauen in sich, dass die Welt gut geordnet ist. Auch hierin brauchen sie zunächst Bestätigung. Das muss nicht für die ganze Welt sondern nur für die Welt gelten, die das Kind seinem Entwicklungsstand nach überblicken kann. Zu dieser guten Ordnung gehört auch das Vertrauen, dass wir nicht alles verstehen und begreifen müssen, sondern dass uns vieles von anderen Kräften oder Mächten abgenommen ist. Das ist die natürliche Religiosität des Kindes, von der wir vorhin sprachen.

Was kann man für ältere Kinder tun, die unserem Einfluss entgleiten oder bereits entglitten sind?

Es gibt ja ältere Kinder, die nicht mehr mit uns sprechen. Hier ist es hilfreich, innerlich selbst Kontakt zur höheren Welt zu suchen, sich das Kind in einem ruhigen Moment – z.B. abends vor dem Schlafen – vorzustellen, die geistige Wesenheit des Kindes aufleben lassen. Dies ist eine andere Form der Kontaktaufnahme, die in uns das Vertrauen in das Kind stärken kann. Wir sind oft verblüfft, wie sich eine solche innere Zuwendung auf das Verhalten des Kindes auswirkt und bald ein verbaler Austausch wieder möglich wird.

Abschließend möchte ich gerne sagen, dass wann immer wir ein „schwieriges, verhaltensgestörtes“ Kind sehen, wir uns fragen sollten: Wie reagieren wir auf das Kind und warum? Und uns fragen, wen stört das Verhalten? Denn vieles hat ja mit uns zu tun. Die Gesellschaft engt ja den Raum ein, den ein Kind hat.

Wir sollten uns bemühen, diesen Raum zu erweitern. Und das Verhalten als Wegzeig nehmen.

Herr Dr. Meinecke, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch.

Webseite des Familienforums Havelhöhe: www.familienforum-havelhoehe.de

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