Jo-Jacqueline Eckardt: Wenn Kinder unter Mobbing leiden

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Woran Eltern es erkennen und wie sie ihrem Kind helfen können

„Immer mehr Kinder sind heute von Mobbing betroffen. Und nur 50 Prozent der Eltern und 33 Prozent der Lehrer bekommen es mit. Eine Studie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation kam zu dem erschreckenden Ergebnis, dass zum Beispiel 30 Prozent der Schüler in Berlin schon einmal gemobbt wurden. Noch erschreckender: 41 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler gaben zu, selber andere Kinder gemobbt zu haben. Eine alarmierende Situation.ext der ersten Spalte ext Denn Mobbing ist ein Trauma, das bleibende Schäden hinterlassen kann“, sagt die Trauma- und Mobbing-Beraterin Dr. Jo-Jacqueline Eckardt.

 

Dr. Jo-Jacqueline Eckardt, Jahrgang 1961, ist Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie Autorin von Büchern zu den Themen ADHS, Mobbing, Trauer und Trauma. Sie lebt in Berlin und arbeitet als Eltern-, Mobbing- und Trauerberaterin.

Was genau ist eigentlich unter Mobbing bei Kindern zu verstehen?

Ähnlich wie bei Mobbing in der Arbeitswelt geht es darum, das Opfer auszugrenzen und sein soziales Ansehen zu schwächen. Bei Kindern läuft es wie in folgenden Beispielen ab: ein anderes Kind nicht beachten und nicht mitspielen lassen, es beleidigen und beschimpfen; anderen verbieten, mit dem gemobbten Kind zu reden; sich über das Kind lustig machen, es anschreien, verspotten oder ihm Angst machen; dem Kind Sachen wegnehmen, es schubsen, treten oder schlagen, es vor anderen schlecht machen und Gerüchte verbreiten.

Welche Kinder werden in der Regel zu Opfern?

Das typische Mobbing-Opfer ist ein eher unscheinbares, stilles und ängstliches Kind, das nur wenige Freunde und auch keine hohe Meinung von sich selbst hat. Oft sind es auch Schülerinnen und Schüler mit guten Noten oder wohlhabenden Eltern, die den Neid der anderen wecken. Auffällig ist, dass die Opfer körperlich unterlegen und somit eine leichte Zielscheibe sind. Oder sie sind so isoliert, dass die Angreifer keine Konsequenzen zu fürchten haben. Der Grund fürs Mobbing ist das Ungleichgewicht von Stärke und Macht, das die Angreifer ausnutzen.

Woran können Eltern erkennen, ob ihr Kind gemobbt wird?

Die folgenden Anzeichen deuten auf Mobbing hin, besonders wenn sie plötzlich und vermehrt auftauchen: Das Kind klagt, dass niemand es mag, dass es gehänselt oder ausgelacht wird. Es verliert angeblich immer wieder persönliche Dinge – Kleidungsstücke, Schulsachen oder andere Gegenstände. Oder es kommt mit kaputten Sachen nach Hause. Möglicherweise nimmt es die Schuld dafür auf sich, aber die Erklärungen sind nicht überzeugend. Das Kind kommt mit Verletzungen, Schürfungen oder blauen Flecken nach Hause und gibt fadenscheinige oder nur unwillige Erklärungen dafür ab. Es braucht plötzlich mehr Geld, als das Taschengeld hergibt. Es bittet seine Eltern um Geld oder entwendet es sogar heimlich. Das Kind geht nicht mehr gern zur Schule, möchte begleitet werden und bleibt nachmittags am liebsten zu Hause. Es schläft schlecht oder isst weniger als sonst, klagt über Kopf- oder Bauchschmerzen. Das Kind hat keine Freunde in der Schule. Es wird nicht eingeladen und lädt niemanden zu sich ein. Seine Leistungen sinken plötzlich ab. Es erscheint mutlos, depressiv, schüchtern, ängstlich, unsicher. Natürlich gibt es auch andere Erklärungen, falls ein Kind eine dieser Verhaltensweisen zeigt. Wenn aber eine oder mehrere zutreffen, könnte Mobbing dahinter stecken. Eltern sollten dann unbedingt mit ihrem Kind reden.

Wie können Eltern mit ihrem Kind am besten darüber reden?

Sie könnten das Thema Mobbing direkt ansprechen oder erst mal behutsam versuchen, sich ein Bild von der Situation des Kindes zu machen und etwa fragen:

  • Mit wem bist du (wärst du) gern befreundet? Wen magst du nicht?
  • Gibt es in deiner Klasse Gruppen, die sich zusammentun?
  • Gibt es Außenseiter? Zu welcher Gruppe gehörst du?
  • Wer ist Klassensprecher? Wer „bestimmt“ in der Klasse? Wie findest du diese Kinder?
  • Kommt es manchmal zu Streitigkeiten oder Beleidigungen? Sind immer die gleichen Kinder dabei? Was war die schlimmste Situation, an die du dich erinnerst? Erzähl mal!
  • Was wird in der Klasse über einzelne Kinder geredet? Wird getratscht und hinter dem Rücken getuschelt?
  • Wie reden die anderen über dich?
  • Wer ist besonders gut in der Klasse? Sind die anderen neidisch darauf? Benutzen sie Worte wie „Streber“?
  • Was machen die anderen Kinder, was machst du, wenn es Konflikte oder Streit gibt?
  • Wenn du Probleme in der Schule hättest, wem würdest du davon erzählen?
  • Vertraust du deinen Lehrern? Wen würdest du bitten, dir zu helfen, wenn du Probleme hast?
  • Mit wem und wie verbringst du die Pausen? Gehst du nach der Schule allein oder mit anderen nach Hause?
  • Hat dich schon mal jemand geschubst oder geschlagen?

Wie sollten Eltern reagieren, wenn sie herausfinden, dass ihr Kind gemobbt wird?

Sie sollten auf jeden Fall Vorwürfe vermeiden, etwa: „Warum hast du dir das gefallen lassen?“ Das Kind muss sich ernst genommen fühlen und wissen, dass es in der Familie Rückhalt erfährt. Eltern sollten dem Kind zu verstehen geben: Es tut uns Leid, dass du so etwas erleben musst. So etwas hätte nicht passieren dürfen. Wir möchten wissen, wie es dir geht, damit wir versuchen können, dir zu helfen. Wir halten fest zu dir, und wir werden zusammen einen Weg finden.

Mobbing hat immer einen Anfang. Wie sieht dieser in der Regel aus?

Mobbing entwickelt sich schleichend. Und im Laufe der Zeit werden die Schikanen immer schlimmer und offensichtlicher. Erste Anzeichen: Die Kinder empfinden Angst und Unbehagen, sind verwundet, haben Wut und Selbstzweifel. Sie fühlen sich hilflos oder schuldig und schämen sich. Kinder gehen damit unterschiedlich um. Die einen warten zunächst einmal ab und hoffen auf Besserung. Andere mobben zurück und starten eine Gegenkampagne. Oder sie strengen sich an, dem Mobber zu gefallen und seine Forderungen zu erfüllen. Wieder andere kapseln sich ab, resignieren und sehen sich als Opfer. Oder sie leugnen die Situation nach dem Motto „Ist ja gar nicht so schlimm“. Diese Reaktionen sind allesamt nicht geeignet, das Problem in den Griff zu bekommen. Und anfängliche Hänseleien entwickeln sich schließlich zu regelmäßigen Schikanen. Nun sind die Bedingungen für Mobbing erfüllt. Die anderen Kinder nämlich, die anfangs einfach nur zugeschaut haben – froh, nicht selbst Opfer zu werden – ziehen sich vom betroffenen Kind zurück. Es fühlt, dass es immer stärker isoliert ist und nicht auf Hilfe zählen kann. Im schlimmeren Fall schließen sich die anderen sogar den Mobbern an.

Wie können Eltern ihrem Kind helfen?

Zuerst sollten Eltern zuhören, ohne Schuld zuzuweisen oder Schlüsse zu ziehen. Ziel ist, sich gemeinsam darüber klar zu werden, was das Problem ist und Schuld-, beziehungsweise Schamgefühle aufzufangen. Das Kind sollte gefragt werden, was es braucht, um wieder glücklich zu sein. Dann überlegt man gemeinsam, welche Möglichkeiten bestehen, auf eine Lösung hinzuarbeiten. Gleichzeitig können Eltern versuchen, das Selbstvertrauen des Kindes aufzubauen und ihm beizubringen – zum Beispiel durch eine feste Stimme und aufrechte Haltung –, mehr Sicherheit auszustrahlen. Wenn das Kind sehr niedergeschlagen ist oder sich die Eltern selbst überfordert fühlen, sollte Hilfe von außen gesucht werden.

Was hilft am besten gegen die Angst?

Es ist nur natürlich, dass Kinder, die schikaniert und bedroht werden, Ängste entwickeln. Gleichzeitig macht Angst besonders anfällig dafür, zum Mobbing-Opfer zu werden. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen, und zwar indem das Kind selbst aktiv wird. Eltern sollten ihr Kind vor allem bestärken, sie auf dem Laufenden zu halten und ihnen zu berichten, wie sich die Situation entwickelt. Wichtig: Das Kind braucht ein erstes Erfolgserlebnis. Energisches Auftreten gegenüber den Mobbern setzt der Gewalt viel eher ein Ende als ängstliches Zurückziehen. Die Erfahrung, mutig für sich selbst einzutreten, kann für die Entwicklung des Kindes ein einschneidendes Erlebnis sein. Wenn ein Kind allerdings unter Schlafstörungen und Albträumen leidet, die nicht nachlassen, müssen diese Angststörungen behandelt werden. Eltern sollten in solchen Fällen therapeutische Hilfe für ihr Kind in Anspruch nehmen.

Wie können Eltern ihrem Kind helfen selbst aktiv zu werden?

Wesentlich ist es, das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen des Kindes im Alltag zu stärken. Dazu gehört, es über seine Rechte aufzuklären, zum Beispiel: „Du darfst entscheiden, ob dich jemand anfassen darf oder nicht.“ – „Es ist nicht richtig, wenn dir jemand wehtut oder Angst macht.“ Wichtig sind Erfolgserlebnisse. Eltern sollten ihr Kind an vergangene Erfolge und schöne Erlebnisse erinnern und ihm beibringen, wie es solche Erinnerungen hervorrufen kann, wenn es sich schlecht fühlt. Zusätzlich können Mütter und Väter ihr Kind mit Hilfe von Rollenspielen darauf vorbereiten, in Konfliktsituationen selbstsicher aufzutreten. Zu Anfang könnte das Kind seiner Mama eine Beleidigung an den Kopf werden, zum Beispiel: „Du bist ja zu blöd um Fahrrad zu fahren!“ Die Mutter sollte beim ersten Mal verletzt reagieren - „Wieso sagst du das? Magst du mich nicht?“ – und dann schauen, wie das Kind reagiert. Dann wird die gleiche Szene noch einmal gespielt. Diesmal reagiert die Mutter kühl: „Ach, das finde ich aber gar nicht!“ Bei der dritten Szene wird sie aggressiv: „Sag das noch mal, und ich hau dir eine rein!“ Anschließend sollte die Mutter diese drei Szenen mit ihrem Kind diskutieren. Natürlich führt die zweite, also die selbstsichere Antwort, am ehesten zu einer Lösung des Konflikts. Nun sollten Mutter und Kind die Rollen tauschen. Die Mutter übernimmt den angreifenden Part. Und die beiden spielen ihre Rollen so lange, bis das Kind Antworten gefunden hat, die es gut findet. Mobber lassen sich übrigens auch sehr gut mit einer humorvollen Antwort verblüffen, etwa: „Stimmt, ich bin nicht schnell. Aber weißt du was? Komm einfach drüber weg und nimm’s nicht tragisch!“

Wie lernt ein Kind, energisch Nein zu sagen?

Wichtig: Das Kind muss lernen, sich nicht auf eine Diskussion einzulassen, wenn es etwas nicht möchte. Jede Erklärung ist nämlich schon ein Entgegenkommen. Beispiel: Die Mutter schlüpft in die Rolle des vermeintlich Überlegenen und sagt: „Gib mir einen Euro!“ Das Kind erwidert: „Nein, ich gebe dir kein Geld!“ Wenn es sein muss, wiederholt es diesen Satz immer und immer wieder. Wichtig ist auch, dass es das „Nein“ mit lauter, fester Stimme sagt, dabei dem anderen Kind in die Augen schaut und den Kopf erhoben hält. Eltern sollten ihr Kind aber auch warnen. Es gibt nämlich Situationen, in denen ein Nein schon zu viel ist – vor allem wenn sich noch Gleichgesinnte zum Mobber dazu gesellen. Dann ist es das Beste, einfach wegzulaufen. Das Kind sollte wissen, wie es andere Erwachsene um Hilfe bitten kann. Auch das lässt sich in Rollenspielen einüben.

Was können Eltern in Zusammenarbeit mit der Schule tun?

Bevor Mütter und Väter die Eltern der Mobber oder den Klassenlehrer einschalten, sollten sie einmal genau analysieren: Wer sind die Mobber? Wie und wann hat das Mobbing begonnen? Welche Klassenkameraden stehen auf der Seite unseres Kindes? Wie hat es bisher reagiert? Welche Motive könnten hinter dem Mobbing stecken? Dann sollten die Eltern den Klassenlehrer um ein Gespräch bitten und das Thema möglichst neutral benennen, etwa so: „Ich mache mir Sorgen um mein Kind. Es fühlt sich seit einiger Zeit von anderen Kindern bedrängt. Darüber würde ich gern mit Ihnen sprechen.“ Weitere mögliche Ansprechpartner auf Klassenebene sind die anderen Eltern. Wenn sie sich untereinander kennen, stehen die Chancen gut, dass sich die positive Atmosphäre auf die Kinder überträgt. Vielleicht ist zum Thema Mobbing auch ein Elternabend möglich.

Was können Lehrerinnen und Lehrer tun?

Sie könnten durch Gespräche im Unterricht das Thema Mobbing aufgreifen und nach Konfliktlösungen suchen. Wichtig ist, die Tat zu ächten, aber nicht die Täter. Diese sollten vielmehr dazu gebracht werden, Verantwortung zu übernehmen und zu versprechen, in Zukunft Mobbing zu unterlassen. In der Klasse könnten Rollenspiele hilfreich sein. Das Vertauschen von Rollen unter Gleichaltrigen hat auch den Nebeneffekt, dass die verschiedenen Seiten die andere Seite besser verstehen lernen. Viele Schulen haben mittlerweile Streitschlichter. Denn Konflikte können oft mit Hilfe Außenstehender besser gelöst werden. Ziel einer solchen Streitschlichtung ist, die gemeinsamen Interessen herauszustellen und auf beiden Seiten Verständnis für die andere Partei zu schaffen. Wichtig: Es müssen klare Umgangsregeln definiert werden. Und Mobbing muss bestimmte Konsequenzen nach sich ziehen. Das funktioniert nur dann, wenn alle hinter den Regeln stehen und verinnerlichen, dass ein Eingreifen und Hilfeholen verantwortliches Handeln und nicht „Petzen“ ist. Schon bei Beschimpfungen und Beleidigungen sollte eingeschritten werden, und zwar zu Hause und in der Schule. Wenn Eltern und Lehrer sich in diesem Punkt einig sind, ist dies natürlich leichter durchzusetzen.

Frau Dr. Eckardt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Das Interview führte Jette Lindholm für unsere Redaktion.

Hilfe für Opfer

Kinder und Eltern finden wichtige Informationen und Hilfen unter: www.schueler-mobbing.de. Es gibt auch eine Mobbing-Beratungs-Hotline unter Tel. 07123- 381613  (montags bis freitags von 18 bis 20 Uhr).

Buchtipp zu diesem Thema

Dr. Jo-Jacqueline Eckardt:

Mobbing bei Kindern. Erkennen, helfen, vorbeugen

In diesem Buch erklärt die Autorin anschaulich, worum es bei Mobbing in der Schule geht. Sie zeigt auf, wie Eltern wichtige Signale erkennen und richtig deuten können. Und sie hilft Müttern und Vätern mit vielen erprobten Tipps, ihr gemobbtes Kind aufzubauen und mit ihm gemeinsam einen Weg zu finden, die Situation in den Griff zu bekommen. Der wertvolle Ratgeber enthält viele Fallbeispiele sowie hilfreiche Ratschläge für die Zusammenarbeit mit der Schule und Gespräche mit anderen Eltern.

Urania Verlag, 130 Seiten, 12,95 Euro

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