Annette Himmelstoß: "Reif" für die Schule - Wann ist es so weit?

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Als Schulärztin untersuchen Sie jedes Jahr die Kinder, die an Ihrer Schule neu eingeschult werden sollen und gemeinsam mit den Lehrern entscheiden Sie darüber, ob ein Kind "reif" ist für die Einschulung oder nicht. Was bedeutet eigentlich der Begriff "schulreif"?

Wichtig ist uns an der Schule, ein Gesamtbild des Kindes zu bekommen und nicht nur einzelne Stärken oder Schwächen in Betracht zu ziehen. Es geht darum, herauszufinden, wo die Kinder in ihrer körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung stehen und dann zu schauen, ob sie für die Einschulung bereit sind.

Heute gibt es viele Kinder, die intellektuell weit sind und von diesem Aspekt her die Schule gut bewältigen könnten. Aber die Frage ist, ob sie auch die körperliche und seelische Reife haben. Wenn das nicht der Fall ist, findet die Förderung der intellektuellen Entwicklung in der Schule auf Kosten der körperlichen oder seelischen Kräfte des Kindes statt und damit auf Kosten einer harmonischen Entwicklung der Persönlichkeit.

Immer wieder kann man z.B. bei begabten Kindern feststellen, dass sie körperlich noch zart sind und in der Gruppe scheu und unsicher. Gibt man ihnen noch ein Jahr Zeit, sind sie plötzlich gefestigt und können viel selbstbewusster in der Klassengemeinschaft stehen.

Wir unterschätzen in der Regel, wie viel Kraft bereits ein kurzer Schulvormittag einen Schulanfänger kostet. Es sind eine Menge neuer Eindrücke zu verarbeiten (neue Gruppe, fremde Lerninhalte, neue Bezugspersonen). Ich staune immer wieder, welchen großen Raum die wenigen Unterrichtsstunden im Bewusstsein des Erstklässlers einnehmen, der restliche Tagesinhalt tritt in der Regel weit zurück, oft gilt in dieser Zeit das Wort des Lehrers mehr als das der eigenen Mutter.

Heißt das, Sie befürworten eher ein späte Einschulung, mit etwa sieben Jahren?

Nein. Man muss wirklich bei jedem Kind, insbesondere den so genannten "Grenzfällen" genau hinschauen. Der Lehrplan der Waldorfschule ist so angelegt, dass der Lehrstoff mit dem Entwicklungsstand der Schüler in etwa korrespondiert. Gerade wenn die Kinder Entwicklungskrisen durchlaufen, kann das sehr stützend sein. Deshalb ist es uns wichtig, dass die Kinder weder zu früh, noch zu spät eingeschult werden. Auch letzteres kann erhebliche Schwierigkeiten bereiten.

Mit ca. neun Jahren beispielsweise durchlaufen die Kinder eine solche Entwicklungskrise. Sie empfinden sich plötzlich als Individuum, das seiner Umwelt gegenüber steht und nicht mehr einfach Teil des Elternhauses oder der Klassengemeinschaft ist. Sie fühlen sich allein und unverstanden. Auf diese Krise versuchen wir mit dem Lehrstoff der 3. Klasse zu antworten. Wenn ein Kind diese Krise nun beispielsweise erst ein Jahr später durchläuft oder sie bereits ein Jahr hinter sich hat, wenn der entsprechende Stoff behandelt wird, klafft das auseinander und es bekommt nicht die Unterstützung, die wir ihm wünschen würden.

Meiner Erfahrung nach wird das auch in der Pubertät deutlich. Wenn ein spät eingeschultes Kind schon voll in der Pubertät drinsteht, während alle anderen in der Klasse noch gar nicht von diesem Thema tangiert sind, bedeutet auch das -Einsamkeit.

Genauso stellt sich natürlich auch die Frage nach Unterforderung.

Der richtige Zeitpunkt der Einschulung ist also nicht eine Frage des ersten Schuljahrs allein, sondern die Entscheidung wirkt die ganze Schulzeit hindurch nach.

Was sind Ihre Kriterien für die Schulreife?

Wie gesagt, um ein Gesamtbild von dem Kind zu erhalten, betrachten wir drei Ebenen, die körperliche, seelische und geistige.

Auf der körperlichen Ebene sind für mich Anhaltspunkte, ob die körperliche Streckung bereits stattgefunden hat, die Wirbelsäule ihre s-förmige Krümmung aufweist, ob der Zahnwechsel begonnen hat (oft sind übrigens die ersten bleibenden Backenzähne aussagekräftiger als das Wackeln der Schneidezähne). Aber ich untersuche auch die Koordinationsfähigkeit im Grob- und Feinmotorischen. Das ist sehr wichtig, da durch die körperliche Aktivität die Nervenbahnen gebildet werden, die für die Ausbildung des Denkens wesentlich sind. Weitere Aspekte sind die Ausbildung des Gleichgewichtssinns, der Raumwahrnehmung und der Körperorientierung.

Von der seelischen Reife ist es schwer, ein umfassendes Bild zu erhalten. Sicherheit im Auftreten, eintauchen in bildhafte Geschichten, Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit, Sozialverhalten - das sind Gesichtspunkte, die wir beachten. Oft ist es nicht leicht, persönliche Eigenart von einer fehlenden Reife zu unterscheiden. Pädagogische und medizinische Aufnahme, Bericht der Eltern und gegebenenfalls des Kindergartens ergänzen sich hier. Um eine Vorstellung von den sozialen Fähigkeiten eines Kindes zu bekommen, führen wir an unserer Schule inzwischen einen Probeunterricht in kleinen Gruppen durch. Es geht darum, zu sehen, wie sich das Kind in den Gesamtrahmen einfügt, ob es in Anfängen über eine eigene Sozialwahrnehmung verfügt und sich im Falle auch zurücknehmen kann. Wichtig finde ich hier, das immer wieder Kinder im Kindergarten sehr verhaltensauffällig sind, sich nur schwer integrieren können, in der Schule dagegen interessiert, aktiv und völlig unproblematisch sind. Genauso gibt es den umgekehrten Fall.

Im Hinblick auf die geistige Entwicklung achten wir auf die Erinnerungsfähigkeit des Kindes und inwieweit es schon ein freies Vorstellungsvermögen hat. Oft bemerken Kinder in diesem Alter irgendwann, dass sie sich Dinge vorstellen können, obwohl sie sie gerade nicht vor sich sehen. Das ist der Beginn des Abstraktionsvermögens. Sprachlich wird geschaut, ob das Kind Anweisungen verstehen und umsetzen kann, wie es sich ausdrücken kann und ob es Schwierigkeiten mit der Lautbildung gibt. Das Formerfassen gehört auch dazu. Kann das Kind Gesehenes abzeichnen oder gar eine Form aufzeichnen, die es nicht visuell vor sich sieht, sondern die man ihm mit dem Finger auf den Rücken malt. Ist es des Weiteren in der Lage, kleinere Mengen zu erfassen und rhythmische Gliederungen zu unterscheiden.

Wie werten Sie Ihre Beobachtungen schließlich?

Meine Erfahrung ist, dass die körperliche Schulreife doch ein sehr wesentlicher Faktor ist. Wenn körperliche Schulreife da ist, nützt dem Kind in der Regel ein weiteres Jahr Kindergarten wenig. Wenn dann andere Schwächen für eine Zurückstellung sprechen, sollte auf jeden Fall eine Förderung in diesem Bereich stattfinden.

Liegt dagegen körperlich noch keine Schulreife vor, genügt es meist, wenn das Kind einfach noch ein Jahr freies Kindsein genießen darf.

Uns ist es ein besonderes Anliegen, die Einschulungsfrage gemeinsam mit den Eltern zu beraten, da sie es sind, die letztendlich die Verantwortung tragen müssen. Oft gibt es ja gerade die nicht so eindeutigen Fälle, bei denen man den Eindruck hat, dass das Kind entweder ein wenig zu früh oder eben einen Tick zu spät in die Schule kommt. Dann helfen gemeinsame Überlegungen, die die Gesamtsituation des Kindes beleuchten. Sind ältere Geschwisterkinder vorhanden, wünscht man diesem Kind eine 12- oder 13- jährige Schullaufbahn als eher ältestes oder jüngstes Kind in der Klasse?

Viele Eltern stehen in Bezug auf die Einschulung unter großem Druck. Aus dem Umfeld kommen meist schon, wenn das Kind fünf Jahre alt ist, gut gemeinte Ratschläge, dass es doch nun bald in die Schule gehört. Die Rückstellung eines sechsjährigen Kindes ist meist sowohl für die Eltern, als auch für das Kind ein schwer verdaulicher Brocken.

Meines Erachtens liegt das Problem nicht bei den Kindern selbst. Die Verunsicherung in der Frage der Einschulung seitens der Eltern wird zunehmend größer. Wir haben heute in der Gesellschaft eine allgemeine Tendenz zur Verfrühung in der Erziehung. Oft geraten insbesondere Eltern besonders begabter Schüler durch ihr Umfeld stark unter Druck (Verwandtschaft, Kindergarten, Freunde), doch auf jeden Fall einzuschulen, obwohl sie selber zunächst gar nicht das Gefühl haben, dass es an der Zeit ist.

Kinder können mit der Offenheit der Situation oft besser umgehen, zumal wenn sie von den Eltern entsprechend unterstützt werden. Es ist viel besser, die Frage offen zu halten, statt das Kind ein Jahr lang darauf vorzubereiten, dass es eingeschult wird. Dann kann es in der Tat eine große Enttäuschung sein, wenn die Einschulung verschoben werden muss.

Wenn die Eltern innerlich von der Richtigkeit eines Schrittes überzeugt sind, habe ich bisher noch kein Kind erlebt, das nachhaltig unter einer Rückstellung gelitten hat.

Auf jeden Fall darf man meines Erachtens Schulreife nicht mit Begabung gleichsetzen. Es handelt sich nicht um eine Bewertung der Anlagen des Kindes, sondern um das Bemühen, ihm durch den optimalen Einschulungszeitpunkt die besten Startbedingungen in einen neuen, langen und wichtigen Lebensabschnitt mitzugeben.

Wie ist die Schulpflicht rechtlich geregelt?

Rein rechtlich gelten derzeit alle Kinder als schulpflichtig, die bis zum 30. Juni sechs Jahre alt geworden sind. Darüber hinaus gibt es die "Kann"-Regelung, nach der auch Kinder eingeschult werden können, die bis zum 30. September sechs Jahre alt werden. Über eine Vorverlegung der Schulpflicht wird derzeit intensiv und kontrovers diskutiert, ein Gesetzesentwurf dazu liegt vor. Gleichzeitig wurde ja eine Verkürzung der Schulzeit (Vorverlegung des Abiturs in Klasse 12) schon beschlossen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Annette Himmelstoß führte Sibylle Engstrom

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