Peter Winterhoff-Spurk: Fernseh-Vorbilder - Wie tief greifen sie in die Persönlichkeit unserer Kinder ein?

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Peter Winterhoff-Spurk ist Professor für Medienpsychologie an der Universität des Saarlandes. Mit seinem jüngsten Buch „Kalte Herzen“ setzt er neue Akzente in der alten Debatte, wie Fernsehen Verhalten und Persönlichkeit junger Zuschauer beeinflusst.

TV–Idole sind beliebt bei Kindern und Jugendlichen, aber um welchen Preis? Ein Interview mit Prof. Winterhoff-Spurk, Medienpsychologe, gibt neue Antworten auf eine alte Streitfrage.

 

Der Vorwurf, zu viel Fernsehen sei schlecht für Kinder, ist nicht gerade neu. Was meinen Sie damit, das Fernsehen fördere eine "Kultur des kalten Herzens"?

Peter Winterhoff-Spurk: Fernsehen wirkt tief in die Persönlichkeit des Menschen hinein. Es führt auf Dauer zu einer flachen Emotionalität, der andauernden Suche nach Reizen, zur Sexualisierung des Verhaltens. Es formt den so genannten "Histrio", einen emotional instabilen Menschen mit Drang zur Selbstinszenierung und einem übermäßigen Verlangen nach Aufmerksamkeit.

Sie kritisieren, Jugendliche holten sich ihre Vorbilder aus dem Fernsehen, statt aus ihrer Umgebung. Aber hatten Jugendliche nicht immer irgendwelche fernen Helden als Idole?

Winterhoff-Spurk: Aus Umfragen wissen wir, dass noch in den 60er Jahren Eltern und Lehrer Vorbilder für die meisten Jugendlichen waren. Heute wählen 75 Prozent der 14 bis 16-jährigen Jungen ihre Vorbilder aus dem Medienbereich.

Ist das denn so schlimm?

Winterhoff-Spurk: Ja, denn Jugendliche, die nur mediale Vorbilder haben, entwickeln kein stabiles Ich. Sie sind unsicher, ständig auf der Suche nach neuen Medienpersonen, die ihnen Stabilität vermitteln sollen. Sie suchen den parasozialen Kontakt bei Seifenoper oder der inszenierten Fernsehshow.

Aber entwickeln sie, wenn sie erwachsen werden, nicht die Fähigkeit zu zwischenmenschlichen Bindungen?

Winterhoff-Spurk: Wer auf diese Weise groß wird, der wird nicht plötzlich als Erwachsener ein anderer, der nimmt seine Bindungsunsicherheit mit in seine erwachsenen Beziehungen.

Die Fiction-Serien nennen Sie "moderne Märchen". Welche Sendungen sehen denn Kinder am liebsten?

Winterhoff-Spurk: 3-13-jährige Mädchen lieben "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", Jungen "Die Simpsons". Im Jahr 2003 sahen Mädchen wie Jungen besonders gern "Deutschland sucht den Superstar", auch ein modernes Märchen.

Was unterscheidet diese Sendungen vom klassischen Märchen?

Winterhoff-Spurk: Das traditionelle Märchen wird vorgelesen. Beim Vorlesen entsteht eine soziale Bindung zum Vorlesenden, das Kind kann nachfragen, und der Vorlesende weiß, was er dem Kind zumuten kann und was nicht. Das alles geht bei den medialen Märchen nicht.

Also zurück zum Märchenbuch?

Winterhoff-Spurk: Für eine bestimmte Alterstufe ja. Klassische Märchen vermitteln ja auch grundsätzliche Dinge des Lebens zum Beispiel die Frage: "Was ist Gerechtigkeit?" oder den richtigen Umgang mit Angst. Wir alle kennen noch das Kasperletheater: Der Kasper agiert vorne und hinten kommt das Krokodil und die Kinder schreien vor Entsetzen, weil der Kasper das Krokodil nicht bemerkt. So lernen Kinder spielerisch und altersangemessen den Umgang mit Angst. Das leistet das Fernsehen nicht.

Welchen Ausweg aus der "Kultur der kalten Herzen" sehen Sie?

Winterhoff-Spurk: Wo immer es möglich ist, sich dem Einfluss des Mediums zu entziehen.

Das sagen Sie mal den Jugendlichen.

Winterhoff-Spurk: Ich sage es den Eltern. Fernsehen darf man nicht als Belohnung, als Bestrafung oder als Babysitter einsetzten. Eltern müssen mit den Kindern über das Gesehene sprechen.

Haben Sie eine Alternative zum TV?

Winterhoff-Spurk: Das Theater zum Beispiel. Es hat ein menschliches Maß.

Das Interview erschien in der Zeitschrift Chrismon.

Es fragte Andreas Fritsche.

Das Buch von Peter Winterhoff-Spurk  "Die Kultur des kalten Herzens" ist im Klett Cotta-Verlag erschienen.

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