Irmgard Kutsch: Kinder brauchen Natur-Erfahrungen

alt

Vom Wiederentdecken des Ursprünglichen

"Das Leben in und mit der Natur hat für die kindliche Entwicklung eine große Bedeutung. Draußen in natürlicher Umgebung zu sein, wirkt harmonisierend. Kinder erfahren in der Natur überschaubare Lebenszusammenhänge, innerhalb derer sie sich orientieren können. Die Welt für Kinder begreifbar, mit allen Sinnen erlebbar und damit verstehbar zu machen, ist gerade in einem Zeitalter notwendig, in dem sich sowohl gesellschaftliche als auch ökologische Rahmenbedingungen des Kindseins gravierend verändern – leider nur selten zum Wohle der Kinder“, sagt die Lehrerin, Waldorferzieherin und Heilpädagogin Irmgard Kutsch.

 

Irmgard Kutsch, Jahrgang 1952, entwickelte in den 90er Jahren Ideen für eine Natur-Kinder-Garten-Werkstatt. Dies führte 1994 zur Gründung der Natur-Kinder-Garten-Werkstatt Reichshof e.V. Seitdem setzt Irmgard Kutsch – unterstützt von den Mitgliedern des Vereins – ihr Konzept in vielen Einrichtungen für Kinder durch Erzieherfortbildungen, Elternarbeit, Vorträge, Öffentlichkeitsarbeit sowie in Fachschulen für Sozialpädagogik um. Beratend ist sie unter anderem in den Bereichen Außengeländegestaltung sowie Vollwerternährung in Kindergärten tätig.

Wie kam es zur Gründung der Natur-Kinder-Garten-Werkstatt Reichshof e.V.?

Als Naturpädagogin und mit der Waldorfpädagogik verbunden, beschäftigte ich mich in meiner Lebensmitte mehr und mehr mit folgenden Fragen: Wie können wir Kindern Erfahrungen überschaubarer Lebenszusammenhänge in möglichst vielen Bereichen ermöglichen? Wie kann ein Natur- und Umweltschutzbewusstsein schon im frühen Alter so gepflegt werden, dass später ein mitverantwortliches Handeln daraus erwachsen kann? Wie kann die naturpädagogische Arbeit mit Kindern in regionale und überregionale kulturhistorische Zusammenhänge gestellt werden, so dass interkulturelle Begegnungsmöglichkeiten entstehen? Nach intensiver Vorbereitungszeit kam es dann zur Gründung der Natur-Kinder-Garten-Werkstatt Reichshof e.V.. Wir bieten  naturpädagogische Inhalte im jahreszeitlichen Zusammenhang in Form von praxisorientierten Fortbildungen an, und zwar für Kindergärten, Grundschulen, Fachschulen für Sozialpädagogik, Jugend- und Familienbildungswerke, Elternschulen, Träger der freien Jugendarbeit sowie kulturhistorische Museen. Die Schulungen werden teilweise in Kooperation mit der Gemeinde Reichshof, dem Oberbergischen Kreis, den Natur- und Umweltschutzverbänden, dem Land Nordrhein-Westfalen sowie Trägern und Kommunalverwaltungen anderer Bundesländer durchgeführt. Unterstützt werden wir bei unserer Arbeit auch vom BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland (www.bund.net), vom NABU – Naturschutzbund Deutschland (www.nabu.de), von der Deutschen Umwelthilfe (www.duh.de), von der Deutschen Waldjugend (www.waldjugend.de) und vom Familienbund der Katholiken (www.familienbund.org).

Sie blicken auf 30 Jahre Erfahrung in Sachen naturbezogenes Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zurück. Was ist Ihnen aufgefallen?

Leider hat die Zahl der Kinder mit Entwicklungs-, Wahrnehmungs- und Bewegungsstörungen sowie mit extremen Verhaltensauffälligkeiten beständig zugenommen. Dies liegt vor allem daran, dass den Kindern in virtuellen Scheinwelten vorgegaukelt wird, sie könnten allein über ihren visuell-auditiven Sinneskanal Zugang zu Erfahrbarem bekommen. Der Zugang zur Welt kann aber nur durch tätiges Erleben inmitten dieser Welt geschaffen werden. Parallel zu dieser Entwicklung haben die Schädigungen in der Natur ein solches Ausmaß angenommen, dass wir dringend Kurskorrekturen brauchen. Dies gilt auch für unser Verhalten als Konsumenten.

Was stimmt nicht an unserem Konsumverhalten?

Manche Kinder wissen nicht, dass Äpfel und Birnen auf Bäumen wachsen. Sie kaufen das Obst ja nicht auf dem Markt oder auf dem Bauernhof, sondern im Supermarkt. Und da wird in der Obst- und Gemüseabteilung alles angeboten, was das Herz begehrt – ganz gleich, ob gerade Erntezeit für diese Früchte ist oder nicht. Viele der Früchte, die nach Deutschland importiert werden, stammen aus Ländern, in denen Hungersnot und bittere Armut herrschen. Das gilt beispielsweise für Bananen. Als die Obstsorte Nummer eins finden wir sie in den Supermärkten auf der Tastatur jeder Selbstbedienungswaage an erster Stelle. Dieser Luxus der reichen Länder verursacht vielfach den Mangel der armen Länder. Denn durch den Luxuskonsum der Wohlhabenden wird die Nahrungsbasis der Armen zerstört. Es lohnt sich, wenn Eltern gerade jetzt im Herbst zur Erntezeit einmal mit ihren Kindern im Supermarkt auf die Etiketten der verpackten Früchte schauen. Aus welchen Ländern stammen sie? Welche Transportwege haben sie hinter sich? Wie viel unnötige Energie wurde verschwendet, um sie zu uns zu bringen? Auf der anderen Seite gibt es hierzulande Gartenbesitzer, die ihr Fallobst verrotten lassen. Viele wissen nicht mehr, wie man aus Äpfeln, Birnen und Pflaumen Mus kocht oder sie trocknet und damit einen gesunden Knabbervorrat für den Winter anlegen kann.

Gibt es gar keinen Silberstreif am Horizont?

Doch, den gibt es zum Glück. Immer mehr konventionelle landwirtschaftliche Betriebe erkennen den verheerenden Irrtum der Vermassungswirtschaft bei Haustier und Kulturpflanze mit allen Konsequenzen für die Schöpfung. Es gibt immer mehr Umstellungsbetriebe, die sich der naturnahen Anbauweise zuwenden und Grundnahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Eier, Milch, Getreideprodukte und Fleisch wohnortnah anbieten können. Sie sind zusammengefasst in streng kontrollierenden Organisationen wie Demeter (www.demeter.de), Bioland (www.bioland.de), Naturland (www.naturland.de), Neuland (www.neuland-fleisch.de)

und anderen. Das Futter für die hofeigen gezüchteten Tiere auf den Demeterhöfen beispielsweise kommt ausschließlich aus dem betriebseigenen landwirtschaftlichen Produktionsprozess. Der Dünger für Weideflächen, Getreideäcker und Gemüsegärten stammt von sorgsam gepflegten Kompostmieten. Er wurde aus dem Mist der hofeigenen Tiere gewonnen und mehrere Jahre gelagert. Somit ist ein Demeterhof ein in sich geschlossener Hoforganismus.

Fristen diese Biobetriebe ein bescheidenes, elitäres Dasein? Oder bewirken sie mittlerweile ein Umdenken bei vielen Verbrauchern?

Von vielen dieser Höfe geht ein starker kultureller Impuls aus. Interessierte Kunden bilden Genossenschaften sowie Hofgemeinschaften. Sie betrachten sich nicht nur als Konsumenten, sondern fühlen sich mitverantwortlich für Wachstum und Pflege der Kulturpflanzen und der Haustiere. So mancher Stadtmensch findet hier tiefe Befriedigung und gesundheitlichen Ausgleich zur Büroarbeit und zum lauten Leben in der Stadt. Den Biohöfen ist es hoch anzurechnen, dass sie vielfach neben ihrer schweren Arbeit durch ein Angebot von Vorträgen und anderen Informationsveranstaltungen auch noch Kulturimpulse setzen. Von weit her reisen Menschen an, um die Jahresfeste in ihrem Naturzusammenhang mitzuerleben. Und nicht nur das. Der Wert der Nahrungsmittel als Lebens-Mittel erhält für sie eine neue wesentliche Bedeutung. Kinder wie Erwachsene können erfahren, wie mühevoll die Arbeit im ökologischen Landbau mit wenig Maschineneinsatz und viel Handarbeit ist. Sie erleben, das die Mitarbeiter eines Hofes bei widrigen Witterungsverhältnissen wie Nässe, Kälte, Sturm, Hagel, großer Dürre oder frühzeitigem Frost ständig um den Erntesegen bangen müssen. Und schon manche Familie hat nach solchen Besuchen den lang gehegten Wunsch nach einem Nutzgarten in die Tat umgesetzt.

Was lernen Kinder im Garten der Eltern oder Großeltern?

Alle Kinder haben eine natürliche Neugierde. Sie möchten wissen, wie die Äpfel auf die Bäume kommen, warum die Blätter im Herbst bunt werden, wo die Schmetterlinge und Bienen im Winter schlafen, und warum die Sterne nicht vom Himmel fallen. Mit der Hilfe von uns Erwachsenen können Kinder altersgemäße Erfahrungen sammeln über das, was Himmel und Erde zusammenhält. So legen sie Wissen als Erfahrungsschatz an. Und das geht bekanntlich am besten, wenn Kopf, Herz und Hand am Lernprozess beteiligt sind. Wenn Kinder zum Beispiel bei der Ernte und der Zubereitung von Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten beteiligt sind, verinnerlichen sie am allerbesten komplexe Lebenszusammenhänge und Handlungsabläufe.

Gelingt das schon bei den ganz Kleinen oder erst, wenn die Kinder etwas älter sind?

Schon Zweijährige haben ein natürliches Weltinteresse. In diesem Zusammenhang fällt mir Saskia, zwei Jahre alt, ein. Die Kleine war zwei Stunden unermüdlich damit beschäftigt, die Äpfel unterm Apfelbaum aufzusammeln und jeden einzelnen zum Wassertopf zu bringen, um ihn dort zu waschen. Staunend entdeckte sie, dass die Äpfel, obwohl sie sie mit Hingabe immer wieder untertauchte, nicht auf den Boden des Wassertopfes sanken, sondern ganz eigenwillig immer wieder auftauchten. Sie gluckste vor Vergnügen und versuchte es Apfel für Apfel weiter. Die frisch gefallenen Äpfel verströmten einen so köstlichen Duft, dass Saskia vom einen oder anderen Apfel abbiss. Offensichtlich behagte ihr der noch säuerliche Geschmack dann doch nicht ganz, und sie wandte sich dem nächsten grün-gelb leuchtenden Exemplar zu. Immer wieder versuchte sie, die Früchte mit beiden Händchen ganz zu umschließen, ehe sie sie mit Schwung aus geringer Entfernung zu den anderen in den Wassertopf warf. An dem dumpf-platschenden Geräusch hatte sie jedes Mal ihre helle Freude. Unermüdlich tippelte die Kleine im Eilschritt über den holprigen Gartenboden. Ganz nebenbei trainierte Saskia dabei ihre Muskeln und ihren Gleichgewichtssinn.

Frau Kutsch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dieses Interview führte Jette Lindholm für unsere Redaktion.


Buchtipp

Nähere Informationen zum Buch Natur-Kinder-Garten-Werkstatt im Herbst von Irmgard Kutsch und Brigitte Walden lesen Sie hier...

Besuchen Sie uns auch auf facebook

Unsere Partner

Ostheimer Schaeferlogo xsOstheimer Holzspielzeug

 

 

 

nicNEUnic Spiel + Art
Walter Kraul

 

 

 

AHS-Spielzeug
Lautenbach e.V.

Händler-Login



Newsletter

Name

Email

Allgemeine Nutzungsbedingungen

Unser Newsletter wird 1x monatlich verschickt und ist jederzeit leicht abbestellbar.

VARIS 222xs.jpg