Christiane Kutik: Frühe Kindheit - Wie Eltern die Entwicklung ihres Kindes in den ersten Lebensjahren unterstützen können

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„Herzlichkeit und Liebe sind wie ein Lebenselixier. Sie vermitteln dem Kind ein Grundgefühl von Geborgenheit. Für die Entwicklung seiner eigenen Lebenssicherheit ist es unverzichtbar zu spüren: Mama und Papa sind wie ein sicherer Hafen. Hier finde ich Schutz, Halt und Geborgenheit – ganz gleich, was auch kommt“, sagt die Pädagogin und Familientrainerin.

Christiane Kutik ist Erzieherin, Familiencoach und Kommunikationstrainerin. Sie leitet das Ipsum-Institut - Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie – in München. Dort bildet sie Erzieherinnen und Therapeuten als Elternberater für die frühe Kindheit aus.

Spiel und Zukunft: Ein Kind ist zur Welt gekommen. Was braucht es im ersten Lebensjahr besonders?

Nach der Geburt braucht das Baby die Nähe zur Mutter und zum Vater oder – wo dies nicht möglich ist – zu einer Bezugsperson, die ihm Liebe und Zuwendung entgegenbringt. Ein Kind, das sicher gehalten, gewiegt und gestreichelt wird, erfährt körperlich und seelisch: Da ist jemand, auf den ich mich verlassen kann. Wo Kinder immer wieder diese Geborgenheit erleben, können sie emotional satt werden. Ist dies nicht der Fall, sind Babys oft ungehalten, leicht erregbar und unsicher. In der Fachsprache sagen wir: „Das Kind hat keine Hülle.“ Diese Hülle ist in weiteren Bereichen wichtig. Ein typisches Beispiel: Wenn ein Baby in einem Kinderwagen nicht in Mamas oder Papas Blickrichtung liegt oder sitzt, ist es ungeschützt einer Flut von Sinneseindrücken ausgesetzt, die es noch nicht verarbeiten kann. Und es hat keine Möglichkeit, das vertraute Gesicht der Mutter oder des Vaters wahrzunehmen. Sehr schade. Denn jede verbindliche Beziehung ist nur durch Augenkontakt möglich. Ein Kind bringt diese natürliche Begabung mit auf die Welt. Doch es kann die Fähigkeit, Blickkontakt zu halten, nur dann dauerhaft heranbilden, wenn Erwachsene den Blick des Kindes immer wieder zurückspiegeln – nicht nur in den ersten Lebenswochen, sondern durch die ganze Kindheit hindurch.

Wie können Eltern darüber hinaus den Kontakt zu ihrem Baby fördern?

Indem sie vor allem viel mit ihm sprechen. Ein Säugling versteht zwar nicht, was die Worte bedeuten. Aber er verinnerlicht die Stimme der Mutter. Sie ist ihm schon vor der Geburt vertraut und möchte sie auch hinterher so oft wie möglich hören. Mamas Stimme gibt Halt in der großen unbekannten Welt. Eltern sollten deshalb alles mit liebevollen Worten begleiten. Beim Anziehen zum Beispiel lässt sich wunderbar erzählen und spielen, was gerade passiert. Wie langweilig, wenn der kleine Fuß einfach so in das Hosenbein gesteckt wird! Und wie anregend und lustig, wenn die Mama erzählt: „Wo ist denn der Fuß? Ja, wo ist er denn? Oh! Da ist der kleine Fuß!“ Schön ist auch ein kleiner Reim: „Klingelingeling – wer ist denn da? Die Hand, die Hand, da ist sie ja! (oder der Fuß, der Kopf usw.) Klingelingeling – hinein ins Haus! Da guckt sie aus dem Ärmel raus!“

Wie wichtig ist eine feste Bezugsperson?

In den ersten zwei bis drei Lebensjahren braucht ein Kind den vertrauten Erwachsenen in erreichbarer Nähe. Immer wieder beobachten Eltern, dass sich ihr Kleines zwar neugierig und mutig vorwärts bewegt. Doch immer wieder hält es kurz inne und blickt zur Mama oder zum Papa. Wo der vertraute Hafen in erreichbarer Nähe ist, fühlt sich das Kind sicher. Das gibt ihm einen soliden Grundstock, auf dem es sein eigenes Selbstwertgefühl entwickeln kann. Studien belegen, dass ein Kind es nicht so ohne weiteres wegsteckt, wenn der Erwachsene, der ihm am meisten vertraut ist, zeitweise völlig von der Bildfläche verschwindet. Es weiß ja nicht, ob oder wann er wiederkommt. So hat unter anderen der Babyforscher Daniel Stern an einjährigen Kindern beobachtet, dass jede noch so kurze Trennung von der vertrauten Bezugsperson zu den furchterregendsten aller Erfahrungen gehört. Er beschreibt die Situation für das kleine Kind so: „Praktisch jeder würde mit Panik auf die Feststellung reagieren, dass er allein im Ozean schwimmt und dass sein Boot dabei ist abzutreiben.“

Wie entwickelt sich das Spielen im ersten Lebensjahr?

Die wichtigste Grundlage für jedes echte Spiel ist es, selbst zu experimentieren. Schon ein Säugling kann das. Mit drei bis vier Monaten freut er sich an den Bewegungen seiner Finger und spielt mit ihnen. Bald darauf entdeckt er auch seine Zehen als Spielzeuge. Schließlich greift er zu Papas Nase und Mamas Haaren. Etwa mit acht oder neun Monaten fängt dann die große Zeit des Experimentierens an. Das Kleine beginnt seine Umgebung zu erkunden. Es interessiert sich für alles, was es zu fassen bekommt, und spielt damit. Besonders beliebt sind Dinge, die eine kleine Höhle haben, etwa ein Papierkorb oder ein Rucksack. Mit Vergnügen untersucht das Kind den Inhalt. Auch mit Schachteln, Töpfen oder Plastikschüsseln lässt sich einiges anfangen. Man kann mit ihnen verschiedene Geräusche erzeugen, sie ineinander stellen oder gefahrlose Dinge, etwa Kastanien, einfüllen und wieder herausnehmen. Wichtig ist dabei immer die Nähe zur Bezugsperson. Sie gibt dem Kind die Sicherheit: Alles ist in Ordnung.

Wie entwickelt sich die Experimentierfreude weiter?

Etwa ab zweieinhalb Jahren wollen die Kinder ihren Erfindungsgeist erproben. Wo sie nicht bereits durch Medienkonsum verbildet sind, entfaltet sich ihre Fantasie mit einer ungeheuren inneren Lebendigkeit. Es ist fantastisch, wie einfallsreich ein Kind jetzt sein kann. Die alltäglichsten Dinge werden im Spiel verwandelt. So kann ein Stock eine Bohrmaschine sein, ein Kochlöffel, ein Mixer, ein Schweißgerät, ein Stift, ein Pinsel und noch vieles mehr. Wo die Kinder nur wenige einfache Spieldinge haben, da sprudeln die Ideen nur so hervor. Sinnvoll sind vor allem Spielzeuge, die dem Kind die Möglichkeit lassen, seine eigene Fantasie zu entfalten. Bei dem heutigen Überangebot an Industriespielzeug müssen wir als Mütter und Väter wie Filter sein. Wichtig in diesem Zusammenhang: Kreativität entsteht durch Mangel. Kinder können mit wenigen Materialien wirklich glücklich und zufrieden sein. Wenn sie in Bezug auf Spielzeug kurz gehalten werden, sind sie im Grunde die wirklich Beschenkten. Denn sie können ihr Sinnen und Handeln für eigene Ideen öffnen. Natürlich brauchen sie auch Spielzeug. Doch da geht Qualität ganz eindeutig vor Quantität.

Wie geht es mit der Entwicklung des Spielens weiter?

Etwa bis zum fünften Lebensjahr sind die Kinder noch begeistert dabei, immer neue Ideen aufzugreifen und wieder zu verwandeln. Doch dann beginnt die Zeit, in der die Einfälle nicht mehr so selbstverständlich hervorsprudeln. Alles wird mit mehr Abstand betrachtet. In dieser Lebensphase möchte das Kind eine Idee mit einer Vorstellung verbinden. Es braucht nun neue Anreize, die seine Geschicklichkeit herausfordern. Schon Fünf- bis Sechsjährige können mit einfachen Werkzeugen, etwa einer kleinen Säge, Taschenmesser und Schleifklotz, umgehen. Naturmaterialien, die von einem Ausflug mitgenommen werden, zum Beispiel Ast- oder Rindenstücke und schöne Wurzeln, können dann zu Hause noch weiterbearbeitet werden. Aus den mitgebrachten Schätzen entstehen Schiffe, Häuser, Bäume oder andere Dinge. Auch Basteln mit Papier oder einfache Kindernäharbeiten mögen Mädchen und Jungen in diesem Alter besonders. Wichtig ist, dass das Angefangene fertig gestellt wird. Denn nur so lassen sich die kleinen Erfolgserlebnisse erfahren, auf die es ankommt. Es hebt das Selbstwertgefühl des Kindes, wenn es sagen kann: „Schau! Das hab ich gemacht – ganz allein!“ Wo Kinder von klein auf reichlich Gelegenheit hatten, selbst aktiv zu sein, zu spielen und sich zu bewegen, werden sie zunehmend selbständiger und geschickter. Fünf- bis Sechsjährige können einiges selbst erledigen, etwa das Brot streichen, die Knöpfe der Jacke schließen, ihr Bett machen und vieles mehr. Am Ende der Vorschulzeit stimmen sie ihre Wahrnehmungen und Bewegungen schon gut aufeinander ab. Sie können Schnürsenkel binden, Milch in ein Glas gießen, einen Faden in eine Nadel fädeln.

Wie wichtig ist hier das Vorbild der Eltern?

Der Dichter Novalis hat einmal gesagt; „Das Menschsein lernt der Mensch am Menschen.“ Und dabei sind die ersten sieben Lebensjahre entscheidend. Sich aufrichten, gehen, sprechen, denken und zu sich selbst „ich“ sagen: Diese Fähigkeiten können nur in dieser Phase erworben werden. Durch die ersten Jahre wirkt das, was Mutter, Vater und Erzieher tun, vorbildlich – unabhängig davon, ob es nun besonders nachahmenswert ist oder nicht. Durch die Erwachsenen erfährt das Kind, wie man mit anderen Menschen umgeht. Es lernt Liebe, Achtung, Vertrauen und Aufrichtigkeit kennen – oder auch das Gegenteil davon. Und es nimmt wahr, wie man sich gegenüber Tieren, Pflanzen oder Gegenständen verhält. Vorbilder geben Halt und Geborgenheit. Sie wissen meistens, was für ein Kind gut ist und was nicht. Sie haben lieb, trösten und machen Mut. Aber sie setzen auch Grenzen, damit das Kind sich orientieren kann.

Was hilft Kindern, ihre Persönlichkeit zu entfalten?

Wenn wir Eltern und Erzieher unseren Kindern Gelegenheit geben, die Welt um sie herum kennen zu lernen, achten wir ihre Persönlichkeit. Wir tun also gut daran, möglichst alles von den Kindern fern zu halten, was ihren natürlichen Forschungsdrang bremsen könnte. Ein Kind kann seine Persönlichkeit am besten dann entfalten, wenn es nach seinen eigenen Ideen tätig sein darf. Wo wir den kleinen Kindern die Möglichkeit geben, ihre eigenen Schöpferkräfte zu erproben bereiten wir ihnen eine Welt, die ihrer würdig ist.

Frau Kutik, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Wer mehr über das Ipsum-Institut und das Elternbildungsprogramm erfahren möchte, findet umfassende Informationen im Internet auf der Homepage von Christiane Kutik: www.christiane-kutik.de

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