Helga Gürtler: Großeltern

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Warum sie für Kinder so wichtig sind

iStock_000003429911grovater1xs„Großeltern können alles mit mehr Abstand betrachten. In Sachen Entwicklung, Erziehung und Ernährung haben sie einige Glaubenslehren aufkommen und wieder verschwinden sehen. Und sie sind ein reicher Fundus an guten und schlechten Erfahrungen. Die wichtigste Erkenntnis, die Omas und Opas Müttern und Vätern voraushaben, ist wahrscheinlich die folgende: ‚Viele Wege führen nach Rom. Und es gibt verschiedene Möglichkeiten, Kinder gesund und glücklich aufwachsen zu lassen.’ Eltern, vor allem auch allein erziehenden, tut es darüber hinaus gut, die Sorge um ihr Kind mit einem erfahrenen Gesprächspartner zu teilen. Und Kindern tut es gut, ihren Frust über Mama oder Papa bei Oma oder Opa abzuladen. Je kleiner die Kernfamilie, desto dringender sollte sie sich mit anderen geliebten und vertrauten Menschen umgeben, die entlasten, trösten, ausgleichen können. Das Nächstliegende sind da die Großeltern“, sagt die Psychologin und Pädagogin Helga Gürtler.

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Helga Gürtler, Jahrgang 1936, ist Diplom-Psychologin und in der Fortbildung von Erzieherinnen sowie in der Elternarbeit tätig. Sie hat drei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder und lebt in Berlin.

SuZ: Warum haben Großeltern und Enkel oft eine besonders gute Beziehung?

Helga Gürtler: Enkelkinder bieten Großeltern die Chance, das, was sie im Nachhinein bei den eigenen Kindern heute anders machen würden, noch einmal neu auszuprobieren. Sie sehen vieles gelassener und mit mehr Augenzwinkern. Denn Oma und Opa müssen sich im Umgang mit ihren Enkeln nicht mehr für alles verantwortlich fühlen. Die großen Linien der Erziehung bestimmen immerhin die Eltern. Kinder lieben Großeltern, bei denen manchmal möglich ist, was zu Hause undenkbar wäre – angefangen von der Schokolade vor dem Essen bis zum langen Aufbleiben. Aber sie akzeptieren genauso, dass morgen bei den Eltern wieder alles seine gewohnte Ordnung hat. Hinzu kommt: Großeltern führen Kinder zu ihren Wurzeln. Sie sind lebendige Zeugen einer Zeit, die Kinder sonst nur noch aus Büchern kennen lernen. Oma und Opa nehmen sich eher Zeit, den Enkelkindern von früher zu erzählen – auch wenn sie selbst noch aktiv im Berufsleben stehen. Geschichten von früher faszinieren Kinder allemal. Sie staunen, wenn die Großeltern erzählen, wie sie Ketten aus Löwenzahnstängeln, Hüte aus Rhabarberblättern oder Indianerpfeile aus Haselstecken fertigten. Und das können sie auch gleich mit ihren Enkeln ausprobieren.

Warum ist dann aber die Beziehung zwischen Großeltern und Eltern zuweilen belastet?

Manche Großeltern tun sich schwer damit, anzuerkennen, dass jetzt ihre Kinder in der Erziehung der Enkel das Sagen haben. Sie leisten heimlichen Widerstand, indem sie Wünsche nicht ernst nehmen, erzieherische Maßnahmen einfach unterlaufen, sich mehr nach ihrem eigenen Kopf richten. Manche junge Eltern wiederum möchten den Großeltern beweisen, dass sie mit ihren Erziehungsmethoden mehr Erfolg haben. Schlagen die Kinder sich dann mal auf die Seite der Großeltern, erleben die Eltern das als Verrat, werden gereizt und ungerecht. So buhlen oft Eltern und Großeltern um die größere Zuneigung der Kinder - wenn es sein muss, auch mit Bestechung. Eltern müssen jedoch manchmal klein beigeben, weil sie auf die Unterstützung durch Oma und Opa nicht verzichten können. Für Großeltern ist es verführerisch, das als Triumph zu werten und diesen auch auszuspielen – nach dem Motto: „Ach ja, aber zum Kinderhüten sind wir dann wieder gut!“ So ist manche Auseinandersetzung eher ein Machtkampf unter den Erwachsenen als eine Auseinandersetzung über Erziehungsmethoden. Die Kinder sind sozusagen nur das Medium, über das Eltern und Großeltern ihre Konflikte austragen.

Was können beide Seiten tun?

Es ist wichtig, solche Zusammenhänge zu durchschauen. Denn dies hilft, das Problem an seiner Wurzel zu packen. Für einen jungen Menschen ist es wichtig, sich über die Einflüsse, die den eigenen Charakter geformt haben, Gedanken zu machen. Erst recht, wenn er selber Kinder bekommt und praktische Konsequenzen aus diesen Einsichten ziehen will. Dazu gehört natürlich auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Erziehungsstil der eigenen Eltern. Für die Großeltern jedoch ist es schwer, Kritik der erwachsenen Kinder zu akzeptieren, etwa: „Du hast zu wenig Zeit für mich gehabt.“ Oder: „Nie hast du mich etwas allein machen lassen. Immer hast du dich in alles eingemischt.“ Solche Sätze tun weh. Und so allgemein formuliert sind sie bestimmt auch nicht richtig. Aber genauer und konkreter betrachtet, enthalten sie wahrscheinlich eine Portion Wahrheit. Zweifellos haben sich die Eltern nach Kräften bemüht, das vermeintlich Beste für ihre Kinder zu tun. Was aber mehr oder weniger gut für sie war, merken Mütter und Väter erwachsener Kinder oft erst hinterher. Wenn Eltern und Großeltern es fertig bringen, über unterschiedliche Sichtweisen zu reden, ist das für beide Seiten ein Gewinn. Das Verhältnis zwischen Eltern und Großeltern kann so von altem Ballast befreit werden – von Kränkungen vielleicht, die bisher nie ausgesprochen wurden.

Wie lässt sich eine solche gegenseitige Offenheit erreichen?

altEs fordert erst einmal Mut, Dinge auszusprechen, die vielleicht jahrzehntelang unter der Decke gehalten wurden. Natürlich tut Kritik weh. Und der erste Impuls ist wahrscheinlich, sich dagegen zu wehren. Aber das führt nicht weiter. Es geht nicht darum festzustellen, wer Schuld an etwas hat, das nicht mehr zu ändern ist. Wenn eine Tochter ihrem Vater zum Beispiel erklärt, sie habe unter seinen oft zu hohen Ansprüchen gelitten, dann ist das so. Es ändert sich auch nicht, wenn der Vater ihr zu beweisen versucht, dass seine Ansprüche nicht überhöht waren.

Das eine ist seine Sicht der Dinge, das andere ihre. Aber er kann seiner Tochter von seiner Enttäuschung berichten, dass sie – aus seiner Sicht – wenig Interesse an Dingen gezeigt hat, die ihm sehr wichtig waren. Und er kann von seiner Überzeugung sprechen, dass sie seinen ständigen Ansporn brauchte, um ihre Möglichkeiten voll entfalten zu können. Auf diese Weise wird es beiden möglich, die Reaktionen des anderen im Nachhinein besser zu verstehen. Das kann letztlich sehr entlastend sein und dazu führen, dass beide auf der Erwachsenen-Ebene ein neues Verständnis füreinander entwickeln.

Neigen Großeltern grundsätzlich zum Verwöhnen?

Es kommt darauf an, was man unter Verwöhnen versteht. Wenn zum Beispiel die Oma stundenlang mit dem Kind spielt und ihm Geschichten vorliest, dann ist das kein Verwöhnen. Denn von soviel liebevoller Zuwendung können Kinder gar nicht zu viel bekommen. Es tut ihnen einfach gut, wenn jemand viel Zeit für sie hat. Und dass es Müttern und Vätern daran oft mangelt, dafür können sie nichts. Aber in vielen Eltern nagt ein Gewissenswurm, der sagt, dass sie sich eigentlich auch mehr Zeit nehmen müssten. Dann erleben sie die Begeisterung des Kindes über Omas Vorlesen als einen unterschwelligen Vorwurf. Verständnisvolle Großeltern werden diesen Konflikt nicht zusätzlich schüren, etwa nach dem Motto: „Bei uns ist das Kind ganz anders, viel ruhiger und ausgeglichener.“ Viel besser ist folgende Feststellung: „Ich freue mich, wenn ich euch damit ein bisschen entlasten kann.“

Und was verstehen Sie unter Verwöhnen?

Wenn Großeltern oder auch Eltern das Kind an Verhaltensweisen gewöhnen, die ihm selbst schaden und es in seiner Entwicklung behindern. Ich verwöhne ein Kind, wenn ich ihm ständig Dinge abnehme, die es auch selbst erledigen kann. Aber auch, wenn ich es vor allen Schwierigkeiten bewahre, indem ich selbst immer wieder die Sache in Ordnung bringe. Wenn ich zum Beispiel ständig dem fremden Kind im Sandkasten sage, dass es meinem Kind oder Enkelkind die Schaufel nicht wegnehmen darf. Dieser Konflikt sollte von den beteiligten Kindern möglichst allein gelöst werden. Durch ständiges Eingreifen nehme ich dem Kind die Möglichkeit zu erleben, was es selbst alles kann. Ich konserviere in ihm die Einsicht, dass es ohne fremde Hilfe aufgeschmissen wäre. Das tut ihm nicht gut. Verwöhnung ist auch, wenn ich einem Kind jeden materiellen Wunsch sofort erfülle. Es lernt so nicht, sich für etwas, das es gern hätte, anzustrengen, eine Weile darauf zu sparen und zu warten. Eine Sache verliert an Wert, wenn sie sofort und problemlos zu haben ist.

Aber sollten Großeltern nicht hin und wieder mal ein Auge zudrücken?

Natürlich! Es ist ein Segen für Kinder, bei Oma und Opa einen Ort zu haben, an dem auch mal fünfe gerade sind und man sich von den Strapazen der Regelmäßigkeit erholen kann. Kinder können sich daran gewöhnen, dass hier das eine gilt und dort etwas anderes. Dass Oma bereit ist, abends um acht noch Pudding zu kochen, Mama oder Papa aber nicht. Es erweitert ihren sozialen Horizont, wenn sie von klein auf lernen, sich auf recht verschiedene Gewohnheiten einzustellen. Die Großeltern gehen ja oft unter viel günstigeren Bedingungen mit den Enkeln um – mehr Zeit, geringere Belastung, und das vielleicht nur einmal pro Woche oder seltener. Eltern sollten deshalb gelassen bleiben und ohne Groll und Hintergedanken feststellen, dass bei Oma und Opa eben andere Regeln gelten als zu Hause.

Ist es für Großeltern heute schwerer, den Bedürfnissen ihrer Enkel gerecht zu werden?

Das glaube ich nicht. Denn es muss nicht immer, wenn die Enkelkinder kommen, ein großartiges Programm abgespult werden. Die finden es oft spannender, mit Oma die Küche zu streichen oder mit Opa zusammen den Garten umzugraben. Das Interesse am Selbermachen muss vielleicht erst wieder geweckt werden. Aber wenn zum ersten Mal kleine Vögel im selbst gebauten Nistkasten auf dem Balkon ausschlüpfen, hat sich der Aufwand gelohnt. Dann ist vielleicht als Nächstes ein Futterhäuschen für den Winter dran. Großmütter und -väter haben oft mehr Geduld als Eltern, das Kind überall mit einzubeziehen, weil sie weniger unter Zeitdruck stehen. Wenn Kinder mitmachen dürfen, fühlen sie sich ernst genommen und können stolz sein auf das, was sie tun. Das ist für sie eine wichtige Erfahrung. Und die machen sie oft und sehr gern bei den Großeltern.

Welche Rolle spielen Großeltern, wenn es zwischen den Eltern mal kriselt?

Wirksame Hilfe können Großeltern wahrscheinlich nur leisten, wenn sie sich aus dem Inhalt des Streites möglichst heraushalten. Sie können beiden die Möglichkeit geben, sich auszusprechen, Verständnis für die eigene Kränkung zu finden, sich über die eigenen Gefühle und Wünsche klar zu werden. Sie können beiden Elternteilen gemeinsame Aussprachen anbieten, bei denen faire Regeln gelten sollten. Und ganz wichtig: In turbulenten Zeiten können die Großeltern ein neutraler Ort sein, wo die Kinder Halt und Zuspruch finden: ein Ort, der fest bleibt, wenn der Boden unter ihnen zu schwanken scheint. Das soll aber nicht heißen, den Eltern Fehler zu unterstellen, ihnen Schuld zuzuschieben. Die Großeltern könnten vielmehr versuchen, den Enkeln wie den Eltern die Sichtweise und Seelenlage des jeweils anderen besser verständlich zu machen und auf diese Weise eine Vermittlerrolle einzunehmen. Auf jeden Fall sollten die Kinder am Verhalten der Großeltern merken, dass diese sich bemühen, allen gerecht zu werden und niemanden vorschnell zu verurteilen.

Was sollten Oma und Opa tun, wenn sich die Enkel bei ihnen über die Eltern beklagen?

Wenn Oma oder Opa ruhig zuhören und die Enkelkinder sich ihren Ärger von der Seele reden können, ist oft schon der größte Zorn verraucht. Es ist für Großeltern sicher ein schönes Gefühl, wenn die Enkel ihnen ein solches Vertrauen schenken. Aber es bekommt dem Zusammenleben nicht, wenn Oma oder Opa sich auf einen Konkurrenzkampf einlassen. Sicher dürfen Enkel und Großeltern gelegentlich ein Geheimnis miteinander teilen, auch mal eine kleine List aushecken, um die Eltern gnädig zu stimmen. Großeltern dürfen das Vertrauen der Kinder aber nicht enttäuschen, indem sie etwas, was sie erfahren haben, heimlich an die Eltern weitergeben. Oma und Opa müssen also nicht alles weitersagen. Aber sie sollten den Enkeln zuliebe nicht lügen.

Denn damit würden sie ein schlechtes Beispiel geben. Besser ist, wenn allen in der Familie in schwierigen Situationen die Antwort erlaubt ist: „Darüber möchte ich nicht reden.“ Manchmal freilich bringen Kinder ihre Großeltern mit Geheimnissen, die sie ihnen anvertrauen, in Gewissenskonflikte. Wenn die Großeltern meinen, es wäre besser, das, was ihnen anvertraut wird, mit den Eltern zu besprechen, sollten sie das Kind davon zu überzeugen versuchen und um sein Einverständnis bitten.

Frau Gürtler, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Dieses Interview führte Jette Lindholm für die Redaktion von Spiel und Zukunft

Mehr dazu finden Sie unter unseren Buchtipps zur Serie "Was Kinder fürs Leben brauchen" in dem Buch:

Helga Gürtler: Kinder lieben Großeltern. Ein Ratgeber für das Leben mit Enkeln

 

Die Webseite von Helga Gürtler finden Sie unter www.helga-guertler.de.

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