Kleine Menschen - große Not: Warum Bildung oft missverstanden wird ...

... und wie Eltern ihre Kinder stärken können

Ein Gespräch mit Felicitas Römer

FelicitasRmerFelicitas Römer, Jahrgang 1964, hat nach ihrem Studium der Soziologie und Literaturwissenschaften eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Elternberaterin beim Deutschen Kinderschutzbund absolviert und seitdem zahlreiche Eltern bei Erziehungsproblemen unterstützt. Am Institut für Kindesentwicklung in Hamburg bildete sich die Mutter von vier Kindern zum Familiencoach weiter und beendete vor einem Jahr eine dreijährige Ausbildung zur Systemischen Paar- und Familientherapeutin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Auch als Autorin von Elternratgebern ist Felicitas Römer sehr gefragt. Sie lebt mit ihrer Familie im Hamburg.

In meiner Beratungspraxis erlebe ich immer mehr Eltern, die Angst haben, ihr Kind nicht genügend zu fördern. Auch vor den Kindergärten macht der augenblickliche Trend, das Beste aus Kindern herauszuholen, nicht Halt. Erzieherinnen beäugen das Kind kritischer denn je und schicken es rasch zum Ergotherapeuten, wenn es nicht ordentlich malt oder zu wenig spricht. Es wird höchste Zeit für eine Kurskorrektur. Wir müssen Kindern wieder die Reifezeit zugestehen, die sie für eine gesunde Entwicklung benötigen“, sagt die Familienberaterin Felicitas Römer.

Woran liegt es, dass immer mehr Eltern das Bestmögliche aus ihrem Kind herausholen wollen?

Dahinter steckt die heimliche Sehnsucht vieler Eltern, aus ihrem Kind ein kleines Genie zu machen – sei es im sportlichen, musischen oder in anderen Bereichen. Sie begnügen sich nicht mit der Aussage, ihr Kind sei normal entwickelt. Ein bisschen überdurchschnittlich sollte es schon sein. Kein Wunder, dass immer mehr Eltern ihren Nachwuchs für außergewöhnlich leistungsfähig und chronisch unterfordert halten. Doch einen Evolutionssprung hat es nach Meinung von Forschern bisher noch nicht gegeben. Der Anteil der Hochbegabten mit einem Intelligenz-Quotienten über 130 liegt gerade mal bei etwa zwei Prozent.

Warum beobachten Eltern die Entwicklung ihres Kindes dann nicht einfach ganz in Ruhe?

Weil wir als Eltern oft nicht souverän und selbstkritisch genug sind, um uns unserer Ansprüche an das Kind und der damit verbundenen Suche nach Bestätigung bewusst zu werden.  Wir wollen einfach stolz auf unser Kind sein und übersehen dabei den Zwiespalt. Denn stolz kann man nur auf etwas sein, was man selbst geleistet hat. Ein Kind kann stolz auf sich sein, wenn es etwas geschafft hat, das ihm selbst viel bedeutet. Im elterlichen Stolz schwingt jedoch immer auch Selbstbestätigung mit. Dabei sind Begabung und Talent oft einfach nur Vererbung oder Glückssache.

 

Blick Familie Aber neigen wir als Eltern nicht alle dazu, unsere Kinder hin und wieder zu idealisieren?

Ja, das ist auch ganz normal und gut so – wenn es nicht zum Dauerzustand wird. Die gelegentliche Idealisierung hilft uns, emotionale Durststrecken in Beziehungen oder anderen schwierigen Phasen durchzustehen. Könnten Mütter nicht ihre Säuglinge hin und wieder idealisieren, so wäre die Menschheit womöglich schon ausgestorben. Wenn aber die Idealisierung zu einer Art chronischem Dauerzustand mutiert, verklärt sie unseren Blick und trübt unsere Wahrnehmung. Noch schlimmer: Sie setzt das Kind unter Druck, unserem Idealbild entsprechen zu müssen. Es ist anstrengend, frustrierend und extrem belastend, stets ein Vorzeigekind zu sein, mit dem die Eltern prahlen können. Denn das Gefühl, etwas Besonderes sein zu müssen, wird oft von Versagensängsten und Einsamkeitsgefühlen begleitet.

Jedes vierte Grundschulkind hat heute bereits Erfahrung mit Therapien, etwa der Ergotherapie, Logopädie, Lerntherapie. Heißt dies, dass die Kinder sich nicht der Norm entsprechend entwickeln?

Wohl kaum. Kinderneurologen wie Hans-Georg Schlack halten viele solcher Therapien für sinnlos und überflüssig. Die Probleme unter denen unsere Kinder heute leiden, sind hausgemacht. Wir leben nicht im Einklang mit der Natur, sondern auf ihre Kosten. Wir hetzen von Termin zu Termin, sitzen zu viel vor dem PC, sind ständig telefonisch erreichbar. Zeiten für ausgedehnte Spaziergänge, stundenlanges Schmökern oder unbeschwertes Spielen werden immer rarer. Doch was wir unseren Kindern nicht vorleben, können sie auch nicht lernen. Lernexperten selber sehen die veränderten Rahmenbedingungen als Grund für die steigende Anzahl an Tests und Therapien. Regelrecht beklemmend ist die Tatsache, dass heute ein Hauptschulabschluss nahezu wertlos ist. Früher wurde das „leistungsschwache“ Kind Handwerker, heute geht es in die Therapie.

Fühlen Eltern sich deshalb auch bei der Schulwahl für ihr Kind unter Druck gesetzt?

Und ob. Wenn der Hauptschulabschluss nichts mehr wert ist, entwertet das ja auch den Realschulabschluss. Das Abitur wird dann zum erklärten Ziel aller Eltern. Fatal: Gymnasien sieben gnadenlos aus. Kein Wunder, dass unsere Kinder unter massivem Leistungsdruck stehen. Und der wird derzeit noch mal verschärft. Wenn Politik und Wirtschaft nämlich erwarten, dass ein Mensch bereits mit 22 Jahren den Bachelor erfolgreich abgeschlossen haben soll, darf er auch in seiner Kindheit nicht viel herumbummeln. Deshalb ist die Verjüngung der Schulabgänger politisch gewollt. Die Einführung des Abiturs nach Klasse 12 ist ein weiterer Meilenstein in die neue wirtschaftlich und staatlich vorgegebene Richtung. Auch hier lautet das Motto mittlerweile: je früher, desto besser. Dass viele Gymnasiasten durch die Schulzeitverkürzung bei gleichzeitigem Erhalt des kompletten Lehrplans massiv unter Leistungs- und Leidensdruck geraten, scheint die verantwortlichen Schulreformer kaum zu interessieren.

 

BlickvollVertrauen OlgaLIS iStock 000001857127XSmall

Welche Folgen hat dieser Leistungsdruck?

Fast jedes zweite Kind leidet mittlerweile unter Schulstress. Zwölf Prozent der Schulkinder schlucken neueren Untersuchungen zufolge Pillen, weil sie überfordert sind, der Druck zunimmt, der Terminkalender aus allen Nähten platzt. Doch das kümmert niemanden. Statt den ohnehin überladenen Lehrplan ordentlich zu durchforsten und zu entrümpeln, wird an den Kindern herumgedoktert. Der Druck, wichtigen Lernstoff zu verpassen und schlechte Noten zu schreiben, ist immens groß. Viele Schulkinder dürfen nicht mehr krank sein. Ein Fiebermittel nehmen und sich zur Schule schleppen – das ist heute leider Norm. Rekonvaleszenz ist im Zeitalter der hektischen Geschäftigkeit längst ein Fremdwort geworden. Kein Wunder, dass Kinder heute mehr und mehr unter Stresssymptomen wie Erschöpfung, Nervosität, Unruhe, Bauchschmerzen und Schlafstörungen leiden. Auch Kopfschmerzen sind auf dem Vormarsch. Die Deutsche Schmerzgesellschaft hat festgestellt, dass die Häufigkeit von Kopfschmerzen bei Kindern während der letzten 30 Jahre deutlich zugenommen hat. Im Vorschulalter klagen bereits zehn bis 20 Prozent über gelegentliche Kopfschmerzen. Bis zum Ende der Grundschulzeit haben alle Kinder bereits mehrmals unter Kopfschmerzen gelitten. Ursache ist zunehmender Stress.

Immer mehr Kinder leiden heute angeblich unter AD(H)S (Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Störung. Lenkt dieses Trugbild von den eigentlichen gesellschaftlichen Problemen ab?

Auf jeden Fall. Zappelige Kinder werden heute reihenweise als krank abgestempelt und mit Medikamenten voll gestopft. Unruhe, Widerstand und Konzentrationsprobleme allein sind allerdings noch längst keine gesicherten Anzeichen für AD(H)S. Dahinter können alle möglichen Ursachen stecken: familiäre Konflikte, Gewalt-Erwahrungen, Stress, Unter- oder Überforderung in der Schule. Den Ursachen für das Verhalten des Kindes wird nicht auf den Grund gegangen. Dafür bekommt es allzu schnell den AD(H)S-Stempel aufgedrückt. Die Verordnung der hoch umstrittenen Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat (etwa Ritalin) ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Die Folge: Das Kind mag weniger anecken und besser funktionieren. An den möglichen Ursachen wird allerdings nichts verändert. Auch hier ist es das Kind, das sich den Umständen anzupassen hat - wenn’s sein muss, mithilfe einer Psychodroge.

 BlickPapa digitalskillet iStock 000003941822XSmallWoher kommt dieser Druck eigentlich? Doch nicht nur von allzu ehrgeizigen Eltern?

Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend. Der Zugriff auf unsere Kinder durch Politik und Wirtschaft hat längst begonnen. Staat und Gesellschaft nehmen Eltern in diesem Prozess hemmungslos in die Pflicht. Kinder werden rarer – und damit umso kostbarer. Gesellschaft und Wirtschaft brauchen sie mehr denn je. Wer soll sonst unsere Renten bezahlen und unsere Volkswirtschaft retten? Deshalb wird das Kind, seine Entwicklung und Leistungsfähigkeit stärker in den gesellschaftlichen und politischen Blick genommen. Es rückt in den Fokus, wird permanent beäugt und kontrolliert, soll die Erwartungen der Leistungsgesellschaft möglichst perfekt erfüllen. Im Zuge der bundesweiten Bildungsdebatte nach PISA werden bereits Kindertagesstätten zu Bildungseinrichtungen umdefiniert, in denen möglichst rasch neue allgemein verbindliche Bildungspläne durchgesetzt werden sollen. Ein wichtiges Element ist das Beobachten und Dokumentieren des kindlichen Verhaltens und der Entwicklung des jeweiligen Kindes. In Nordrhein-Westfalen wurde bereits die lückenlose Bildungsdokumentation in den Kitas eingeführt. So bekommt hier bereits jedes Kindergartenkind ein „Portfolio“, in dem über seine Kompetenzen Buch geführt wird. Einen merkwürdigen Beigeschmack bekommt das Ganze, wenn man sich klar macht, dass der in Kitas abgefragte Kompetenzkatalog exakt den von der OECD entwickelten Schlüsselkompetenzen entspricht. Dabei handelt es sich schlichtweg um die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. Die wachsende Einflussnahme der Wirtschaft auf die Erziehung und Bildung unserer Kinder zeigt sich hier bereits sehr deutlich.

Was müsste sich ändern in den Köpfen von Bildungsplanern? Was brauchen Kinder beim Lernen vor allem?

Sie brauchen keine Leistungsabfragen, Kompetenzbögen oder Vergleicharbeiten, sondern in erster Linie erwachsene Menschen, die mit ihnen in Kontakt treten und so ihre Selbstbildung ermöglichen. Die beste Investition in Bildung wäre deshalb die Aufstockung eines gut ausgebildeten pädagogischen Personals in Kindergärten und Schulen. Auf die flächendeckende Einführung von Microsoft-Lernspielen für Vorschulkinder oder zweifelhafte Sponsoringprojekte von Großkonzernen für Schüler könnte man hingegen verzichten. Denn davon profitieren die Unternehmen, aber nicht unsere Kinder.

Welche Schulen brauchen Kinder?

Schulen sollten Lernoasen und keine Wissensfabriken sein. Ständige Leistungskontrollen und Vergleichstests reduzieren den umfangreichen kindlichen Bildungsprozess auf ein paar mehr oder weniger willkürlich ausgewählte und abrufbare Kompetenzen. Kinder können aber viel mehr. Emotionale, soziale, sportliche, künstlerische, musikalische oder handwerkliche Fähigkeiten kommen in dem testbaren Kompetenzkatalog à la PISA überhaupt nicht vor und werden dadurch in ihrer wesentlichen Bedeutung restlos entwertet. Für Schule gilt ebenso wie für das wahre Leben: Lieber Stärken finden als Schwächen suchen.

Und worauf sollten Eltern sich wieder mehr zurückbesinnen?

Sie sollen wieder zu mehr Gelassenheit zurückfinden und darauf vertrauen, dass Kinder an ihren Aufgaben wachsen. Auch wenn man sie nicht ständig zum Puzzeln, Malen und Kneten, Geigen oder Vokabellernen drängt. Dem Kind und seiner selbst gesteuerten Entwicklung Vertrauen entgegen zu bringen, fällt vielen Eltern heute schwer. Kinder sind aber von Natur aus mit reichlich Neugier und Wissensdurst ausgestattet. Gelegentlich tut auch ein Wechsel der Perspektive gut. Empathie und Verständnis gehen verloren, wenn wir  als Mütter und Väter nicht bereit sind, gelegentlich die Perspektive unseres Kindes einzunehmen und die Dinge aus seiner Sicht zu betrachten.

Frau Römer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Jette Lindholm für die Redaktion

Buchtipp

SuperkinderFelicitas Römer: Arme Superkinder. Wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden.

Das öffentliche Interesse am Kind ist immens gestiegen. Dahinter aber steckt keine neu entdeckte Familienfreundlichkeit, sondern vielmehr wirtschaftliches Kalkül. Felicitas Römer deckt auf, wie die Bildungspolitik alles daransetzt, Kinder immer schneller und unter enormem Leistungsdruck durch Kindergarten und Schule zu schleusen. Sie liefert eine erschreckende Bestandsaufnahme darüber, welche Bürden Kindern heute aufgetragen werden. Und sie macht Eltern Mut, sich und ihre Kinder nicht länger vereinnahmen zu lassen, die Förderhysterie mit dem notwendigen Abstand zu sehen und mehr auf den eigenen gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Ein Buch, das aufrüttelt und zu einem gelassenen und liebevollen Blick auf die kindliche Entwicklung einlädt.

231 Seiten, 17,95 Euro, Beltz Verlag, Weinheim und Basel

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