Vincent Klink: Keine Extrawurst - Sternekoch Klink zum Thema Kinder und Essen

Vincent Klink,  Sternekoch, Literaturliebhaber und Anhänger der italienischen Lebensart, betreibt seit 1991 zusammen mit seinen Mitarbeitern das mit einem Michelin Stern ausgezeichnete Restaurant "Wielandshöhe" in Stuttgart Degerloch. Klink unterstützt regionale, ökologisch produzierende Bauern und Gärtner. Seit 1999 gibt er die Zeitschrift "Häuptling eigener Herd" heraus. Einem breiteren Publikum wurde er durch die Fernsehsendung ARD Buffet bekannt. Vincent Klink ist Vater von zwei Kindern.

 

VincentKlink1Wie sieht die ideale Ernährung für Kinder aus?

Eltern sollten dem Kind nicht zu viele Vorgaben machen. Es soll essen, worauf es Lust hat. Es gibt nur einen Punkt, an dem man ein bisschen aufpassen muss, weil es da von Geburt an scheinbar einen gewissen Suchtfaktor gibt – das ist der Zucker. Ansonsten gilt: Das Kind kann einfach bei den Eltern mitessen. Es sollte sogar aufgefordert werden, alles mitzuessen. Es gibt keine Lebensmittel, die ihm nicht zuträglich sind. Natürlich kann ein Chiligericht zu scharf sein, da Kinder im Mund viel sensibler sind als Erwachsene. Auch Pfeffer mögen sie oft nicht. Aber wenn Eltern gerne scharf essen, können sie ihr Kind an scharfe Gerichte gewöhnen, dagegen spricht nichts. Was nicht geht: Wenn die Eltern was essen und das Kind das dann aus irgendwelchen Gründen nicht essen darf. Das ist großer Mist.

Welche Lebensmittel brauchen Heranwachsende besonders?

 Ich stehe da sicher ein bisschen allein da, aber ich sage: Je größer das Durcheinander, das ein Kind zu sich nimmt, umso gesünder. Wenn ich nur wenig Abwechslung anbiete, dann ist das nur ein Bruchteil von dem, was die Natur anbietet, und daher auch bloß ein Bruchteil an Inhaltsstoffen. Man kann das sicher überleben, aber darum geht es ja nicht. Am besten gar nicht darauf achten, was gesund ist, denn letztendlich kann man immer in eine ungesunde Falle tappen. Extrem gesagt: Ein bisschen Kopfsalat essen ist sehr gesund, aber jeden Tag Kopfsalat essen ist nicht gesund – der kann ja viel zu hohe Nitratwerte haben. Wenn Kinder gerne Obst essen, dann sollte man gucken, dass es Bioqualität hat. Oder die Kinder stehen auf Paprikagemüse, und das kommt zweimal in der Woche auf den Tisch. Dann muss man darauf achten, dass der Paprika nicht mit Pestiziden belastet ist.

EssendesKindWie bekommt man sie dazu, gerne Obst und Gemüse zu essen?

 Kinder neigen zur Nachahmung. Die Eltern müssen ihnen deshalb das richtige Essverhalten vorleben, indem sie einfach sagen: Du isst das, was wir essen. Und wenn du keine Lust hast, dann lässt du es. Man sollte das Kind zu nichts zwingen, sondern einfach anbieten. Wird es nicht genommen, dann ist das seine Entscheidung. Wenn es also Rührei mit Spinat und Kartoffeln gibt und das Kind will keinen Spinat, dann isst es halt den Rest. Mir ist nicht bekannt, dass aufgrund dieser Erziehungsmaßnahme jemals ein Kind verhungert wäre. Oft gibt man allerdings viel zu schnell nach.

Sollten Eltern die Essenswünsche ihrer Kinder berücksichtigen?

Bei uns in der Familie gab es einen Tag in der Woche, an dem durften wir uns wünschen, was wir essen, und das dann sogar vor dem Fernseher essen. Ich halte im Familienverbund nicht so viel von Demokratie. Teilweise zeigen Eltern schon so ein hohes Entgegenkommen, dass sie die Sklaven ihrer Kinder sind. Die Kinder haben sich nichts zu wünschen! Oder wenn, dann als wirkliches Geschenk. Aber im Alltag müssen sie sich den Eltern anpassen, und das ist auf die Dauer das Gesündeste. Mit Essen kann man Menschen sehr gut auf das Leben vorbereiten – viele haben später auch nicht mehr viele Wahlmöglichkeiten, sondern müssen gucken, wie sie mit dem zurechtkommen, was ihnen das Leben bietet. Essen ist ein Prozess, der gelernt werden muss. Wenn das nicht geschieht, hat das Kind ein Entscheidungsdefizit und wird später in der Pubertät Ernährungsmuster nachleben, die von Suchtfaktoren bestimmt sind, also Zucker. Daher: Coca-Cola oder Ketchup – weg damit! Zucker ist vor allen Dingen auch ein Trostmittel. Das Kind muss sich Trost aber woandersher holen können, nicht nur über den Mund. Belohnungen mit Süßigkeiten sind daher nicht gut.

Wie empfehlenswert sind sogenannte Kinderlebensmittel?

Das ist alles, wenn man es genau anguckt, das Schlechteste vom Schlechten – aber die Verpackung ist eine der besten. Allein das Wort „Kinderschokolade“ gehört meiner Ansicht nach verboten. Wenn man die Inhaltsstoffe anguckt, ist da verdammt wenig Schokolade drin. Leider sieht das Kind im Supermarkt diese Lebensmittel. Für Eltern ist es wahnsinnig schwierig, gegen den Werbedruck der Industrie und gegen den Druck der Freunde der Kinder anzukommen. Wer nicht mitmacht, gilt schnell als Außenseiter. Wenn Eltern sich in diesem Punkt wirklich Mühe geben, müssen sie sich auch um den Freundeskreis des Kindes kümmern. Aber ich muss ehrlich zugeben: Das ist sicher eines der größten Probleme der Kindererziehung.

klinkkraeuter1Wie bekommen sie ein eigenes Gespür für die richtige Ernährung?

Bringen Sie Ihr Kind in die Natur! Zeigen Sie ihm zum Beispiel auf einem Bauernhof, wie Lebensmittel produziert werden. Gehen Sie mit ihm auf den Markt und lassen Sie es Obst und Gemüse unterschiedlicher Qualität befühlen. Eigentlich müsste so etwas in der Schule behandelt werden, denn von arbeitsgeplagten Eltern kann man diesen Full-Service gar nicht verlangen. Aber das ist das Problem der Schule beziehungsweise des Staates, dass er daran kein Interesse hat. Denn in dem Moment, wo das Kind gut essen lernt, lernt es zu entscheiden. Zwischen dem, was schmeckt, und dem, was nicht schmeckt. Zwischen gut und schlecht. Das ist ein kleines Stück Freiheit, und das ist das, was der Staat nicht will. Der Staat und die Industrie wollen den lenkbaren Deppen.

Was gibt es beim gemeinsamen Kochen mit ihnen zu beachten?

Viele Kochbücher speziell für Kinder haben so Spaßrezepte, wie den Obstsalat als Schiff dekorieren oder Fisch in Fischform schneiden. Ich will Leute, die sich so etwas ausdenken, gar nicht maßregeln, aber mein Ding ist das überhaupt nicht. Ich habe festgestellt, dass im Umgang mit Kindern die Erwachsenen meistens kindischer sind als die Kinder. Dass man das Essen so verniedlicht, das empfinde ich fast als eine schamlose Hinterlist der Fast-Food-Industrie. Die Kinder wollen kein extra „Kinderkochen“, sondern wollen richtig kochen. Und auch nicht mit Kindermessern, sondern mit scharfen Messern. Wenn ich dem Kind erkläre, das ist ein sehr scharfes Messer, dann konzentriert sich das Kind. Das Kochen kann also eine Konzentrationsübung sein. Die Kinder sehen zudem beim Kochen, dass, wenn sie einen Fehler machen, es nicht immer ganz tolle Ergebnisse gibt – sie lernen also das Verlieren.

Hilft Kochen dabei, sie an gesundes Essen heranzuführen?

Ich denke, bis zum siebten Lebensjahr hat sich manifestiert, wie sich ein Kind später zum Genuss verhält. Was es bis dahin nicht gelernt hat, wird später schwierig zu lernen sein. Deswegen ist auch das Igitt-Getue der Erwachsenen völliger Mist. Die Kinder haben ein natürliches Gefühl dafür, was für sie gut ist und was nicht. Es ist auch nicht gut, ein Kind bis zu diesem Alter zum Essen zu zwingen. Es wird in diesem Alter und auch schon bei den Babys übersehen, dass, wenn Kinder etwas nicht mögen, sie es oft einfach nicht vertragen. So werden Allergien oft nicht bemerkt und bis ins Erwachsenenalter hinein mitgeschleppt.

Welche Tischmanieren sollte man ihnen beibringen – und wann?

Da will ich mal meine Erfahrungen aus Italien ins Spiel bringen. Dort essen die Familien zumindest an den freien Tagen miteinander, und dabei werden die Kinder am Tisch nicht erzogen. Da ist es einfach das Chaos. Die Eltern nehmen an diesem Chaos nicht teil, die essen normal, und so lernen die Kinder das nach und nach. Ich würde Tischmanieren nicht überbewerten. Es ist jedem Gastronomen lieber, das Kind ist zufrieden und es fliegt ein bisschen Zeug in der Gegend rum, als dass das Kind im Lokal erzogen wird und es entsteht Geschrei, das den anderen Leuten auf den Keks geht. Da sind die meisten deutschen Eltern zu verklemmt.

 Dieser Text ist aus dem jetzt erscheinenden Band 38 der Zeitschrift „Häuptling eigener Herd“ zum Thema „Kinder“ (Edition Vincent Klink, 128 Seiten, 14,90 Euro, zu bestellen unter www.wielandshoehe.de). 

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