Bewegungsprojekt Spielraum

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Wenn wir an spielende Kinder denken, tauchen wahrscheinlich folgende Assoziationen auf: lärmende Kinder, Durcheinander, Action und gestresste Erwachsene.

Im SpielRaum für Bewegung trifft man auf eine andere Atmosphäre. Der große Raum strahlt durch seine zurückhaltenden Farben Ruhe aus. Es gibt viel Holz und die Farbgestaltung vermeidet starke Reize. Die Aufmerksamkeit der Kinder wird damit auf den Boden und die vorhandenen Materialien gelenkt. Konzentriert probieren Kinder allein an verschiedenen Geräten. Die Erwachsenen stehen abwartend, aber aufmerksam im Hintergrund. Sie mischen sich nicht in das Geschehen ein.

Die vorbereitete Umgebung lädt zu vielfältigen Bewegungsversuchen ein: freistehende Leitern, die zum Teil mit Brettern und Balancierstangen verbunden sind,  Kriechtunnel, Holzrollen und Kippelscheiben u.ä.m. Die flexiblen Bewegungsgeräte fordern ständig die Aufmerksamkeit der Kinder, da sie in jedem Augenblick für ihr eigenes Gleichgewicht verantwortlich sind. Die Geräte reagieren auf die feinsten Bewegungsunterschiede. So kommen Kinder und auch probierende Erwachsene wieder dazu, mehr auf ihren Körper und die eigene Reaktionsfähigkeit zu achten.

Was ist das besondere an diesem Projekt?

Der SpielRaum für Bewegung ist ein Ort, an dem Kinder und Erwachsene lernen können, mit den vorhandenen Materialien so umzugehen, wie es ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht. Anders als im Turnverein wird den Kindern hier nichts vorgemacht oder erklärt, sondern sie können hier selbständig entdecken und sich ausprobieren. Die Initiative bleibt bei den Kindern. Sie kommen je nach Temperament und Neigung von selbst zum Klettern, Balancieren und Bauen und ihre unterschiedlichen Versuche, mit den Materialien umzugehen, werden nicht bewertet.

Die SpielRaumleiterin ist mit ihrer Aufmerksamkeit ganz bei den probierenden Kindern, ohne sie in ihren Versuchen zu stören. Sie vertraut darauf, dass sie ihren Weg finden, mit den verschiedenartigen Hindernissen umzugehen. So ent-steht kein Leistungsdruck, da sich jedes Kind in seinem Tempo entfalten kann.

Welche Idee steht hinter dieser Art von Arbeit?

Der SpielRaum für Bewegung ist ein Projekt, das sich an den Impulsen von Emmi Pikler und Elfriede Hengstenberg und an der französischen Psychomotorik (Aucouturier) orientiert.

Zentral ist dabei die Idee der selbständigen Bewegungsentwicklung.

Emmi Pikler, eine ungarische Kinderärztin, hat in ihrer Tätigkeit als Hausärztin und langjährige Leiterin des Säuglings- und Kleinkindheims „Pikler Institut“ in Budapest die selbständige Bewegungsentwicklung von Kindern anschaulich beschrieben und  dokumentiert. Sie fand heraus, dass alle Kinder – wenn sie gesund sind und Geborgenheit durch anteilnehmende Erwachsene erfahren - allein, ohne fremde Hilfe, zum freien Sitzen, Stehen und Gehen gelangen. Jedes Kind nimmt dabei eine andere Entwicklung. Manche Kinder krabbeln lange, ehe sie sich aufrichten. Bei anderen ist diese Phase kurz. Und sie stellte fest, dass Kinder, wenn sie bei ihren Versuchen von respektvollen Erwachsenen begleitet werden und Raum für ihre Entdeckungen finden, in diesem Prozess Selbstvertrauen und innere Stärke entwickeln.

Elfriede Hengstenberg wiederum hat als Gymnastiklehrerin 65 Jahre lang mit Kindern und Jugendlichen in Berlin gearbeitet. In ihren Stunden wirkten die Kinder harmonisch und frisch, voller Spannkraft. Die körperlichen Defizite, weshalb die Kinder zu ihr kamen, verschwanden in der Gymnastikstunde. Aber das hielt nicht lange an. Elfriede Hengstenbeg wurde bewusst, dass die Kinder die positiven Erfahrungen, die sie in ihren Stunden machten, nicht einfach in den Alltag integrieren konnten. Ihr wurde deutlich, dass Haltungsschäden ein Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit sind. Sie lassen sich nicht nachhaltig durch rigide Haltungskorrekturen „von außen“ beeinflussen. Ein Kind, das einen Rundrücken hat, ist eher ängstlich, seine gesamte psychische Entwicklung drückt sich hier aus, denn inneres und äußeres Gleichgewicht hängen miteinander zusammen.

Elfriede Hengstenberg veränderte also ihre Vorgehensweise und entwickelte die sogenannten „Hengstenberg-Geräte“, die die Kinder zum selbständigen Ausprobieren anregten und den Kindern ermöglichten, aus sich heraus eine neue Haltung bzw. ein neues Gleichgewicht zu entwickeln. Durch ihre begleitende Haltung unterstützte sie die Kinder in ihrer Probierfreude und griff ihre Ideen auf, um ihnen neue Impulse zu geben.

Im Sinne der Arbeit von Elfriede Hengstenberg begann ab 1991 die  Basisgemeinde “Wulfshagener Hütten“ die „Hengstenberg-Bewegungs-materialien“ nachzubauen. Damit stehen uns heute Materialien zur Verfügung, die die Experimentierfreude der Kinder aufgreift und sie, statt rigider Haltungskorrekturen, das Geheimnis der aktiven Aufrichtung aus eigenem Antrieb erleben lassen. Wobei Aufrichtung hier auch in zweifacher Hinsicht zu verstehen ist, denn durch das Aufrichten und Gleichgewichtfinden in der Bewegung, richten sich die Kinder auch innerlich auf, entwickeln Selbstvertrauen und Gleichgewicht. Und anders als eine antrainierte Haltungskorrektur, nehmen sie die Erlebnisse und Erfahrungen, die sie im Umgang mit den Geräten machen, auch mit ins Leben.

Zwischen Sicherheit und Risiko

Die Sorge vieler Erwachsener, dass Kinder verunglücken und vielleicht von der hohen Leiter fallen könnten, ist verständlich. Doch diese Sorge entsteht eigentlich nur dann, wenn man Kindern nicht von Anfang an eine selbständige Bewegung ermöglicht, sie auf die Geräte hebt oder ihnen sofort die Hand reicht, wenn sie nicht gleich wieder hinunter finden. Es ist eher hinderlich für die selbständige Bewegungsentwicklung, wenn der Erwachsene eingreift, sobald das Kind signalisiert: „ich kann es nicht allein“. Kinder, die weder zu Aktivitäten gedrängt werden, noch in ihren Versuchen, selbständig Hindernisse zu überwinden gebremst werden, suchen und finden Lösungen, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen. Dazu ist eine vertrauensvolle Grundhaltung notwendig. Wenn es zu gefährlich wird, kann man sich in die Nähe stellen und dem Kind durch unsere Anwesenheit Sicherheit signalisieren.

Umgang mit verschiedenen Temperamenten

Die Erfahrung zeigt, dass jedes Kind irgendwann beginnt, etwas auszuprobieren. Es hat dann ein Erfolgserlebnis, wenn es das, was es sich vorgenommen hat, allein, aus eigener Kraft schafft. Es ist wichtig, die Kinder nicht zu drängen oder sie zu animieren, doch etwas auszuprobieren. Ängstliche Kinder brauchen Zeit und unser Vertrauen. Sie werden initiativ, wenn sie soweit sind, die innere Sicherheit haben, um die selbstgewählten Aufgaben zu bewältigen.

Kinder, die sich zu viel zutrauen, sollte man anregen, am Boden zu beginnen und nicht gleich von der höchsten Stufe der Leiter aus zu probieren. Man kann solche Kinder unterstützen, indem man sie fragt, wie sicher sie sich fühlen. Wenn ein Kind z.B. auf der obersten Sprosse der Leiter steht, wäre es ein Indiz für sein sicheres Gefühl, dass es frei stehen und sich ohne Angst umschauen kann, den anderen zuwinkt und sich vielleicht traut, den Pullover dort oben auszuziehen.

Grenzen setzen

Grenzen sind im SpielRaum eindeutig geregelt. Sie ergeben sich schon aus der Gestaltung des Raumes und der Anordnung der Materialien.

Spielregeln werden vorab den Kindern vermittelt und im Spielverlauf wiederholt:

„Wer an den Kletter- und Balanciergeräten ausprobiert, darf von den anderen nicht dabei gestört werden!“ und: „Wer sich für ein Spielzeug entschieden hat, darf damit so lange spielen, wie er möchte!“

Begleitung durch Erwachsene

Viele Erwachsene – Eltern und ErzieherInnen - sind irritiert und stellen fest, dass es ihnen schwer fällt, nichts zu tun und „nur“ zuzuschauen.  Manche finden es ganz angenehm, das Kind nicht immer „bespielen“ zu müssen. Andere merken vielleicht, dass zu Hause nicht die richtigen Spielzeuge vorhanden sind, das Kind sich nicht  ins Spiel vertiefen kann. Es langweilt sich und will unterhalten werden.

Es ist wichtig, dass wir Erwachsenen eine andere Haltung gegenüber den Kindern einnehmen. Kinder brauchen Erwachsene, die sie begleiten, ohne vorschnell in ihre Aktivitäten einzugreifen. Sie brauchen Anteilnahme, kein übertriebenes Lob.

Vertrauen, Geduld und Gelassenheit sind elementare Voraussetzungen, die wir als Erwachsene den Kindern entgegenbringen sollten. Das Anliegen des SpielRaums ist es, dass die Idee der selbständigen Bewegungsentwicklung Eingang findet in die Kindertagesstätten-Pädagogik. Durch das Kennenlernen des SpielRaum-Angebots können sich die Erwachsenen dem Thema „Bewegung“ öffnen, Anregungen aufgreifen und ermutigt werden, selber Bewegungsräume zu schaffen.

Rahmenbedingungen

Der SpielRaum für Bewegung steht Eltern mit Kindern ab 4 Monaten und für Kindergruppen aus den Kindertagesstätten als Experimentierfeld zur Verfügung. Darüber hinaus werden die MitarbeiterInnen aus den Kindertagesstätten durch ein breit gefächertes Fortbildungs- und Beratungsangebot unterstützt.

Andrea v. Gosen, Berlin, August 2002

Die Fotographien hat Friedhelm Hoffmann im Berliner Spielraum aufgenommen.

Weitere Hinweise zum Thema und auch zu Gruppen an anderen Orten können Sie unter folgender Anschrift erhalten:

Andrea v.Gosen
SpielRaum für Bewegung
Körte Str. 9
10967 Berlin
Tel/Fax: 030-7816257
Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Hier erhalten Sie auch Literatur- und Videobeispiele sowie die Möglichkeit zur Hospitation.

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